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Gedenken
Bittere Erinnerung an einen dunklen Tag

Gedenken an jüdische Mitbürger in Schmelz-Bettingen – an den Bordsteinen werden Aufkleber angebracht.
Gedenken an jüdische Mitbürger in Schmelz-Bettingen – an den Bordsteinen werden Aufkleber angebracht. FOTO: Johannes A. Bodwing
Schmelz. Mit einem „Weg des Gedenkens“ gedachten die Menschen in Schmelz-Bettingen der Opfer der Pogromnacht. Von Johannes Bodwing

„Opfer und Täter waren Bürgerinnen und Bürger unserer Gemeinde“, sagte Bürgermeister Armin Emanuel am späten Freitagnachmittag über die Reichspogromnacht in Schmelz-Bettingen. Mit einem „Weg des Gedenkens“ erinnerten Gemeinde, Kettelerschule und Adolf-Bender-Stiftung an millionenfache Vertreibung und Ermordung jüdischer Bürger.


Im November 1938 zeigten die Täter kein Erbarmen mit ihren Mitmenschen. So drangen am 10. November Nazis in die Wohnung der Familie Liffmann ein. Das Haus befand sich an der Ecke Lindenstraße-Hasenbergstraße, heute ist dort ein Parkplatz. Es hatte nicht genügt, am Vorabend Fensterläden auszuhängen, Fenster mit Steinen zu bewerfen und verunglimpfende Parolen an die Hauswand zu schmieren. Nun misshandelten sie Alfred und Rosa Liffmann sowie Tochter Clemi und flößten ihnen dabei auch altes Rizinusöl ein.

Clemi Liffmann überlebte in den Niederlanden und wanderte nach Israel aus. Ihre Eltern kamen im KZ ums Leben. Etwa 60 Schülerinnen und Schüler sowie Schmelzer Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich an der Gedenkveranstaltung. Vom Rathaus ging es in die Birrbachstraße zum Haus der Familie Rudolf und Selma Marx mit den Kindern Edgar, Ernst und Edith.



Sie überlebten das sogenannte Dritte Reich durch Flucht in Frankreich. Der weitere Gedenkweg verlief durch die Lindenstraße zur Zerrstraße. Vor jeder der jüdischen Wohnstätten in Schmelz-Bettingen verlasen Schüler das Schicksal der Bewohner und legten einen Blumenstrauß nieder. Auf die Bordsteine davor klebten sie einen QR-Code. Wer diesen mit seinem Smartphone aufnimmt, sieht jeweils ein Video über die neun betroffenen Familien. Das haben Schülerinnen und Schüler der Kettelerschule in einer Projektwoche erarbeitet.

Beteiligt daran waren Schüler von zwei 10. Klassen und einer 9. Klasse. Ihre Arbeit über jüdische Bürger in Schmelz und Hüttersdorf war Teil von „We.are.your.friends2.0“ der Adolf-Bender-Stiftung. Gefördert wird dieses Projekt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Gemeinde Schmelz und dem Landkreis Saarlouis.

Weitere Ergebnisse der Projektwoche hingen im Musiksaal der Kettelerschule an Stellwänden. Darunter Stammbäume jüdischer Familien und ihre Schicksale. Sechs waren es in Schmelz-Bettingen mit insgesamt 28 Personen. Drei Familien mit insgesamt 18 Personen lebten in Hüttersdorf. Von diesen Mitbürgern beider Orte kamen etwa 20 infolge der Naziherrschaft ums Leben. Die anderen überlebten durch Flucht und in Verstecken. Und wie so oft, blieb es bei milden Strafen für die Täter. Auch das haben die Schülerinnen und Schüler zusammengestellt. 1951 wurden die beiden Haupttäter der Pogromnacht in Schmelz zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Ein weiterer Beteiligter aus Schmelz-Bettingen bekam fünf Monate, drei Angeklagte aus Hüttersdorf wurden mangels Beweisen freigesprochen.