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Unseriöser Schlüsseldienst
Wenn Saarwellingen plötzlich bei Essen liegt

Ein Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes baut ein Türschloss aus. Was auf dem Symbolfoto demonstriert wird, hat auch eine Frau in Saarwellingen erlebt. Am Ende wurde es für sie aber richtig teuer.
Ein Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes baut ein Türschloss aus. Was auf dem Symbolfoto demonstriert wird, hat auch eine Frau in Saarwellingen erlebt. Am Ende wurde es für sie aber richtig teuer. FOTO: Holger Hollemann / dpa
Saarbrücken/Saarwellingen. Die Verbraucherzentrale Saarland warnt vor Schlüsseldiensten, die im Internet vorgeben, ortsansässig zu sein. Für einfache Türöffnungen verlangen sie oft extrem überhöhte Preise. Das musste jetzt auch eine Rentnerin aus Saarwellingen leidvoll erfahren. Von Dimitri Taube

Luise Müller (Name geändert) will nur schnell zum Briefkasten. Als sie zurückkehrt, der Schreck: Die Tür ist zugefallen und der Schlüssel liegt noch im Haus. Sie hat sich ausgesperrt. Besonders schlimm ist für die Rentnerin: Es ist das Haus ihrer Schwester, die gerade im Urlaub weilt. Mit ihr hat Müller verabredet, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen. Und jetzt das.


Müller eilt nach Hause. Sie hat es nicht weit, wohnt mit ihrem Mann in der gleichen Straße wie ihre Schwester. Sie schaltet den Computer ein, geht ins Internet, gibt bei Google die Begriffe „Schlüsseldienst“ und „Saarwellingen“ ein. Ganz oben auf der Seite stößt sie auf einen Anbieter, der mit Türöffnungen ab acht Euro wirbt. Klingt gut, denkt Müller. Sie ahnt nicht, dass sie am Ende 629,86 Euro zahlen wird.

Fast 630 Euro – das sind mehr als 500 Euro zu viel. Denn an einem Werktag kostet eine Türöffnung im Saarland im Durchschnitt 82,91 Euro, mit Nacht-, Sonn- oder Feiertagszuschlag liegen die Kosten durchschnittlich bei 120,38 Euro. Das hat die Verbraucherzentrale ausgerechnet und die Zahlen im Internet veröffentlicht. Grundlage dafür ist eine bundesweite Umfrage unter Schlüsseldiensten.

Luise Müller kennt diese Zahlen nicht, mit Schlüsseldiensten hat sich die 66-Jährige nie befasst. Es ist das erste Mal, dass sie einen rufen muss. Sie denkt: Wenn da Saarwellingen steht, wird auch jemand aus Saarwellingen kommen. Oder zumindest aus der Umgebung. Das schafft Vertrauen. Sie ruft an. Es ist eine 0800er-Nummer. Sie ist kostenlos. Auch das schafft Vertrauen. Ein Mann meldet sich. Er verspricht zu helfen. In der Aufregung vergisst Müller, nach dem Preis zu fragen.

Eva Ludwig rät allen, die den Schlüsseldienst anrufen, schon am Telefon einen Festpreis zu vereinbaren. Ludwig arbeitet in Merzig für die Verbraucherzentrale Saarland. Sie kennt die Methoden unseriöser Schlüsseldienste, die überhöhte Preise verlangen. Beschwerden über diese gibt es immer wieder. Hohe drei- bis niedrige vierstellige Beträge sind keine Seltenheit.



Mehr als eine Stunde muss Müller auf den Schlüsseldienst warten. Gegen 18.30 Uhr erscheint er. „Wie viel wird es kosten?“, fragt sie. Der Mann spricht von 200 Euro, dann legt er los. Nach ein paar Minuten sagt er plötzlich, das Schloss sei kaputt. Er geht zu seinem Auto, kommt kurz darauf zurück und tauscht das Schloss aus. Anschließend schreibt er die Rechnung.

Darauf steht: Fallspezifischer Einsatzwert 179 Euro, Pauschale An-/Abfahrt 34,95 Euro, Abendzuschlag 89,50 Euro, Mehrarbeitszeit 39,90 Euro sowie Zylinder inklusive drei Schlüssel 186 Euro. Dazu kommt die Mehrwertsteuer, rund 100 Euro. Macht insgesamt einen Betrag von 629,86 Euro. Was dagegen auf der Rechnung fehlt: Die Angaben aus dem Internet. Statt der 0800er-Nummer findet sich auf dem Formular nur eine Mobilrufnummer, statt „Saarwellingen“ die Ortsangabe „Essen“. Und: „Schlüsselnotdienst Tag und Nacht“ steht groß auf der Rechnung.

Über diesen Dienst gab es bundesweit schon mehrere Beschwerden. Auch für Eva Ludwig von der Verbraucherzentrale ist der Anbieter kein Unbekannter. Das Problem an solchen Diensten: Sie geben im Internet nur vor, ortsansässig zu sein, sind es aber nicht. Bei Google stehen sie zwar ganz oben, jedoch nur als bezahlte Anzeige. Ludwig rät, sich von derartiger Werbung nicht blenden zu lassen.

Dass es gar keine Firma aus der Umgebung ist, die sie da angerufen hat, bemerkt Luise Müller erst später. Zunächst wundert sie sich über den Preis. Das kann doch nicht sein, denkt sie. Der Mann versucht, sie zu beruhigen. Und das gelingt ihm – mit dem Hinweis, sie könne sich an ihre Hausratversicherung wenden, von ihr bekomme sie das Geld wieder zurück. Die Frau zahlt.

Doch das, was er ihr erzählt, stimmt nicht. Von der Versicherung gibt es nichts. Müller fühlt sich vom Notdienst ausgetrickst. In den folgenden Tagen versucht sie mehrfach, ihn unter der auf der Rechnung angegebenen Nummer zu erreichen, um ihn zur Rede zu stellen. Vergeblich. Sie ärgert sich, ist verzweifelt.

Doch die Chancen, das Geld zurückzubekommen, stehen schlecht. Eva Ludwig zufolge ist das zivilrechtlich kaum möglich. Eine Klage ist in solchen Fällen mit einem großen Aufwand verbunden. Luise Müller kann die Firma lediglich anschreiben und sie zur Rückzahlung auffordern.