Schampus vor dem Untergang – oder danach?

Saarwellingen · Politische Kunst trifft politische Kunst: zwei syrische Künstler stellen zusammen mit Mario Andruet in dessen Atelier in Saarwellingen aus. Die drei Maler sprachen darüber am Sonntag in einem Künstlergespräch.

 Plaudern über gesellschaftskritische Kunst (von links): Mario Andruet, Behzad Kadro und M. Kadro. An den Wänden Bilder von Andruet und Behzad Kadro. Foto: Waltraud Andruet

Plaudern über gesellschaftskritische Kunst (von links): Mario Andruet, Behzad Kadro und M. Kadro. An den Wänden Bilder von Andruet und Behzad Kadro. Foto: Waltraud Andruet

Foto: Waltraud Andruet

Höchst belebend, wenn Künstler ausdrücklich politische Kunst machen, in einer Zeit, in der sich Kunst fast flächendeckend zur Lebens-Deko rechnen lässt: Fazit eines Künstlergespräches im Atelier Mario Andruet in Saarwellingen . In der aktuellen Ausstellung stehen nicht seine oft schreienden Arbeiten im Mittelpunkt, sondern ein Dreiklang aus seinen Bildern und denen zweier Brüder, die aus Syrien kommen, Behzad Kadro und M. Kadro. Thema: "Kunst trifft Krise".

Die kleinen Schwarzen

Ein Thema, gesehen von verschiedenen Seiten, das kann bei allem Ernst schmunzeln lassen: Andruet zeigt zwei "kleine Schwarze", Portraits zweier Frauen, die sorglos am Schampus nippen, obwohl der Weltuntergang bevorsteht. Behzad Kadro aber beschrieb das Bild so: "Der Weltuntergang ist vorbei, sie können weiter Champagner trinken."

Behzad Kadro, Jahrgang 1965, lebt heute in Wuppertal. Er kam aus Aleppo in Syrien und ist Kurde. Auf vielen Bildern sind Frauen zu sehen, "weil die Frauen leiden und immer gelitten haben", wobei Frauen für ihn auch eine Chiffre für die Welt sind. "Das Leben ist eine Frau". Als Kurde "kann ich da nicht einfach so sitzen und so tun, als ginge mich das nichts an", sagt Kadro. Seine Bilder vermitteln Tragik ohne jede Effekthascherei. Auf scharf abgegrenzten Flächen sieht man Frauen, oft nur die Gesichter, kontrastiert mit Zeichen der Menschheitskultur, die in der Region ihren Anfang nahm. Zeichen für Babylon oder Keilschrift, zum Beispiel. Behzad Kadro malt derzeit Aquarelle, "eine Technik, die viel Erfahrung braucht. Da ist der erste Fehler auch der letzte."

Sein Bruder, Jahrgang 1985, ist Hobby-Künstler. Er kam als Flüchtling nach Saarwellingen , ihm öffnete Andruet sein Atelier. M. Kadro malt in Öl, seine Leinwände leuchten intensiv. Er reduziert Gesehenes, oft Motive mit geschichtlichem und kulturellem Hintergrund. Im Atelier ausgestellt ist zum Beispiel die Kirche in Saarwellingen .

Andruet selbst, Jahrgang 1954, arbeitet gewohnt ungeschminkt, lebt aus, "dass ich ja nicht verkaufen muss." Mit Wucht trifft den Betrachter etwa eine in reliefierter Papiermasse gestaltete Freiheitsstatue im Hafen von New York, deren Kopf ein Totenschädel ist. Bestrichen ist das großformatige Bild mit Metallfarben, im Ergebnis hält man es zuerst für eine verrostete eiserne Takenplatte. Nicht das, was man sich unbedingt ins Wohnzimmer hängen würde.

Einerseits, andererseits

Deutschland, meinte Behzad Kadro in der von Dr. Eva Kell moderierten Atelier-Runde, sei einerseits erfreulich aufgeschlossen gegenüber Kunst, andererseits aber halt ein Industrieland, "ein Routine-Leben, weit weg von der Kunst." Es fehle oft das Bewusstsein für Kommunikation über Kunst und ihre Themen. "Kunst ist wichtig für die Entwicklung der Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es nicht, eine Region zu retten, sondern die Weltgesellschaft. Angstlos Verantwortung für die Gesellschaft äußern."

Ausstellung bis 29. Mai. Sonn- und Feiertag von 11 bis 17 Uhr; sonst nach Absprache, Tel. (0 68 38) 82 220. Bilsdorfer Straße 28, Saarwellingen .

Meinung:

Warum es noch Sitzplätze gab

Von SZ-Redakteur Johannes Werres

Das war eine schöne, entspannte Runde, wie sie sich wünscht, wer Kunst mag. Künstlergespräch am Tisch bei einer Tasse Kaffee im Atelier, kein verbales Vernissagen-Getupfe. Klare Aussagen zu klaren, konkreten Bildinhalten. Politisch, gesellschaftskritisch. Notwendig. Nicht vertraut, eben nicht. Die Bilder gut. Man geht raus und erkennt plötzlich, dass es hinterm Horizont doch weiter geht als gedacht. Wie recht er doch hat, der syrische Maler Behzad Kadro aus Aleppo: Die industriell geprägte Gesellschaft spurt die Menschen zum Routine-Leben ein. Zu weit weg von Kunst, über die man ins Gespräch kommt, um sich weiter zu entwickeln. Wäre es anders, würde man keinen Sitzplatz mehr finden bei solchen Ateliergesprächen in Saarwellingen . Immerhin: Es gibt sie. Sie machen Lust auf mehr.

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