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Gedenkveranstaltung
Als Saarwellinger die Grabsteine ihrer Nachbarn zertrümmerten

Richard Bermann, Vorsitzender der Synagogengemeinde Saar, hielt eine Rede zum 80. Jahrestag der Pogromnacht auf dem jüdischen Friedhof in Saarwellingen.
Richard Bermann, Vorsitzender der Synagogengemeinde Saar, hielt eine Rede zum 80. Jahrestag der Pogromnacht auf dem jüdischen Friedhof in Saarwellingen. FOTO: Johannes A. Bodwing
Saarwellingen. Zum Gedenken an die vielen Toten des Holocaust kamen auf dem jüdischen Friedhof Saarwellingen rund 100 Menschen zusammen. Von Johannes Bodwing

Mit Vorschlaghämmern gegen Grabsteine. Nicht einmal vor den Toten machte der nationalsozialistische Wahn 1938 halt. In der sogenannten Pogromnacht vom 9. auf 10. November zertrümmerten Saarwellinger Bürger den jüdischen Friedhof des Ortes. Und ließen von über 100 Grabsteinen nur noch 37 übrig.


Am Sonntag trafen sich rund 100 Menschen dort zum 80. Jahrestag der staatlich gesteuerten Ausschreitungen gegen jüdische Stätten, Geschäfte, Synagogen und Bürger. Daran erinnerten die Gemeinde Saarwellingen, die Kirchengemeinde, die Synagogengemeinde Saar und die Neuapostolische Kirche Gemeinde Saar.

Schüler der Schule an der Waldwiese trugen Gedichte verfolgter Juden vor. „Die Shoah war der nationalsozialistische Völkermord“, fasste Bürgermeister Manfred Schwinn die Judenverfolgung im Dritten Reich zusammen.



„Dieser Friedhof gehörte zu den ersten jüdischen Friedhöfen im Saarland“, gab Horst Ziegler für die Gemeinde einen Überblick. Aber bereits 1884 sei die erste Grabschändung erfolgt. Und 1938 „wurden mit Schmiedehämmern die Grabplatten zerschlagen“. 1939 ebneten Gemeindearbeiter den Friedhof ein, der nach dem Krieg in Teilen wieder hergestellt wurde. Zum israelitischen Glauben gehöre die Unantastbarkeit der Toten, erinnerte Ziegler. „Dann müssen wir auch heute dafür sorgen, dass der Friedhof erhalten bleibt.“

Für die jüdischen Einwohner bedeutete der Nationalsozialismus die Entwertung als Menschen. Auch die letzten 18 jüdischen Einwohner von Saarwellingen, einst große jüdische Gemeinde, mussten fliehen oder wurden ermordet. Täter kamen nach dem Krieg auch in Saarwellingen glimpflich davon, stellte Ziegler dar. „Vergessen wäre fatal“, mahnte er. Aber „Erinnern ist nicht nur eine Schuld, Erinnern ist unsere Zukunft.“

1671 sind erste Juden in Saarwellingen erwähnt worden, sagte Richard Bermann, Vorstandsvorsitzender der Synagogengemeinde Saar. Juden waren im Ersten Weltkrieg patriotisch: „Zehn Saarwellinger Juden fielen für ihr Vaterland.“ Doch was dann geschehen sei, „wirft einen Blick auf die Zerbrechlichkeit unserer Kultur“. Diesen Entwicklungen müsse mit Aufmerksamkeit und Erinnern entgegengewirkt werden, mahnte er.

„Dieses schreckliche Unrecht, das geschehen ist“, sagte Winfried Pitan, Vorsitzender der Neuapostolischen Kirche Gemeinde Saar, „kann nicht vergessen werden“. Solches Gedankengut dürfe nicht mehr aufkommen.

Auf Hebräisch sang der Kantor der Synagogengemeinde, Benjamin Chait, ein Gedenkgebet. Darin enthalten die Namen der größten KZ, wie Auschwitz, Treblinka, Theresienstadt und Dachau. Die Veranstaltung auf dem jüdischen Friedhof endete mit einem uralten jüdischen Brauch, dem Niederlegen von Steinen auf den Gräbern. „Dabei wollen wir allen Toten des Holocaust gedenken“, sagte Ziegler.