Jazzwerkstatt : Die „frühen Vögel“ gefielen dem Publikum

Härter und schneller als Swing, fantasievoll und innovativ ist nach wie vor, was um 1940 Musiker wie Charlie Parker initiierten, und Jazzgiganten wie Miles Davis zur Perfektion trieben: Modern Jazz, Bebop, Neue Musik.

Bis heute wirken diese Klänge für manche Ohren befremdlich wegen der neuen Takte, komplexen Harmonien und der Zwischentöne, „blue notes“. Aber noch heute vermag Bebop mitzureißen wie vor 80 oder 60 Jahren: jetzt in der alten Werkshalle auf dem Campus Nobel in Saarwellingen. Dort haben am Mittwoch die drei Tenorsaxofonisten Gilad Atzmon, Tony Lakatos und Johannes Müller dem Übervater Charlie – genannt Bird – Parker mit ihrem Programm „Earlie Birds“ gehuldigt. Die „frühen Vögel“ fingen sofort die Sympathien des rund 200-köpfigen Publikums ein, schon beim ersten Titel.

Selbst wenn die Zwischenräume wegen des überschnellen Tempos eng wurden, verstanden es die Künstler, noch individuellen Akzente zu setzen und Zwischentöne in den Akkorden unterzubringen – und das bei mitunter waghalsiger Beschleunigung. Das klang bei jedem Solisten anders, aber alle waren auf den Spuren Charlie Parkers unterwegs. Bemerkenswert harmonisch klang das Zusammenspiel als Trio, das von längeren oder kürzeren Soli unterbrochen wurde. Charlie Parker hätte Gefallen daran gehabt.

Beim „Boppen“ standen die Musiker der Rhythmusgruppe den Saxofonisten in nichts nach. Thilo Wagner inszenierte am Flügel rasante Zwischenspiele. Yaron Stavi setzte seinen Kontrabass mit schönen Soli ganz cool, mitunter auch virtuos ein. Enzo Zirilli hielt am Schlagzeug nicht nur dem Bebop-Rausch stand, sondern trieb die anderen mit an. Jim Hart am Vibrafon war eine Bereicherung für das Konzert – ebenso wie der Saxofonist Ralf Rothkegel.

Dass die Bopper auch butterweiche Balladen, jedoch fernab von Kitsch zelebrieren können, wurde mehrfach unter Beweis gestellt. Als Johannes Müller nach der kurzen Pause eine sehr elegantes, softes Stück spielte, wurde es andächtig still im Saal, obwohl noch nicht alle wieder auf ihren Plätzen saßen.

Nach dem Herrenabend am Mittwoch standen am Donnerstag zwei Frauenstimmen und die Musik von Miles Davis im Mittelpunkt. Das Konzert sollte wohl die vielfältigen Jazz-Stile, von denen Miles Davis inspiriert war und die er selbst beförderte, abdecken. Bekanntlich trug Davis zur Popularisierung des Jazz bei, die den Fans nicht immer geheuer, sehr vielen jedoch willkommen war. So fing dieses Konzert sehr stimmig und nah an Miles Davis mit „So What“ an, entwickelte sich dann bis hin zum Popsong „Human Nature“ von Michael Jackson und „Summertime“ von George Gershwin – alles zweifellos gut gespielt und gesungen.

Spannend waren die Vokal-instrumental-Begegnungen von Barbara Bürkle und Marta Capponi mit den Tenorsaxofonisten Johannes Müller und Tony Lakatos. Capponi, die als Neue in Saarwellingen herzlich empfangen wurde, wagte die mutigste, psychedelisch anmutende und der Neuen Musik nahe kommende Interpretation. Barbara Bürkle sang zart schmelzende Balladen und lieferte schnellen Sprechgesang. Die schönen Stimmen ließen mal aufhorchen und mal schwelgen, die Musiker fügten sich ein, spielten aber auch Stücke ohne Gesang und alle auch klasse Soli, Müller und Lakatos ebenso wie Nicolas Meier (Gitarre), Ulrich Glaszmann (Bass), Jim Hart (Schlagzeug).

Sehr gut kam Giorgos Kontrafouris am Flügel beim Publikum mit seinem unprätentiösen Spiel an. Das weckte manchmal Erinnerungen an Bill Evans, wie die Saxofonisten an John Coltrane gemahnten, mit den Miles Davis in seinem Quintett spielte. Leider war keine Trompete dabei; der langjährige Dozent Kevin Dean konnte nicht aus Kanada anreisen. Ob Miles Davis der Abend gefallen hätte? (Er war bekanntlich empfindlich.)