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Jazz lebt von der Kommunikation

Sie verstehen sich auf der Bühne, auch wenn sie nicht in ihren gewohnten Formationen spielen: (von links) Thilo Wagner, Barbara Bürkle, Saul Rubin, Johannes Müller, Kevin Dean, Davide Petrocca und Enzo Zirilli. Foto: Gerhard Alt
Sie verstehen sich auf der Bühne, auch wenn sie nicht in ihren gewohnten Formationen spielen: (von links) Thilo Wagner, Barbara Bürkle, Saul Rubin, Johannes Müller, Kevin Dean, Davide Petrocca und Enzo Zirilli. Foto: Gerhard Alt FOTO: Gerhard Alt
Saarwellingen. Viel Beifall hat das zweite Dozentenkonzert der „International Jazzwerkstatt“ bekommen. Der Mix der Stile ist beim Publikum in der voll besetzten Werkshalle auf dem Campus Nobel in Saarwellingen sehr gut angekommen. Gerhard Alt

Es soll Leute geben, die ein Fußballspiel "lesen" können. So ähnlich lässt sich ein Jazzauftritt "lesen". Gute Gelegenheit dazu gab es beim zweiten Konzert der International Jazzwerkstatt. Gemeint ist nicht die musiktheoretische Analyse, eher das Beobachten der Akteure auf der Bühne, wie sie - übrigens gar nicht in ihrer Stammformation - nicht einfach miteinander Musik machten, sondern in einem vielgestaltigen (dabei meist gar nicht offensichtlichen) Prozess kommunizierten und etwas Gemeinsames, Harmonisches hervorbrachten.


Thilo Wagner, seit Jahr und Tag Dozent der Jazzwerkstatt in Saarwellingen , war der Pianist des Abends. Schon allein ihn zu beobachten, war aufschlussreich. Hier blickt er wie um die Ecke von der Tastatur auf, da nickt er unmerklich, da deutlich, ein andermal ist er scheinbar komplett in sein Instrument versunken, alle anderen schauen zu ihm, er scheint sie zu ignorieren. Und immer verstehen sie sich! Auch wenn nicht immer mit derselben Vertrautheit wie Wagner und Barbara Bürkle - die beiden sind ein Paar.

Aber auch die anderen gehen jederzeit aufeinander ein, hören und lächeln einander zu, ziehen aufmunternd die Augenbrauen hoch, spitzen die Ohren, schütteln mit anerkennendem Staunen den Kopf oder lauern auf ein Zeichen.

Wer "lesend" die Szenerie im Takt verfolgt, erkennt, wie eine Geschichte entsteht, wie ein neuer Pfad eröffnet wird, wie einer das Okay zur Extratour bekommt, wie er danach den anderen zu verstehen gibt, dass er von da an bitteschön begleitet werden oder einem anderen die Improvisation überlassen möchte, wie Vereinbarungen getroffen werden und wie der Schlusspunkt gesetzt wird: beispielhaft gemeinsam.

Diese Musiker achten sich als ebenbürtig, nehmen sich in ihrer je eigenen Art ernst. Wer den Ton angibt, ist nicht der King, sondern weiß, dass er die Mitspieler braucht.



Das ist Jazz . Was für Musik am Mittwoch gespielt wurde, sagte der Titel "From Swing to Bop" - allerdings nicht ganz. Mit einem langen Opening von Dizzie Gillespie, bei dem sich schon alle Musiker als Solisten und als Ensemble bewährten, fing es an. Und mit dem Gillespie-Hit "A Night in Tunesia" hörte es (nebst Zugabe) auf. Dazwischen mehrere Balladen. Der Saxofonist Johannes Müller und der Trompeter Kevin Dean, die auch prächtig im Ensemble harmonierten, zogen als Solisten das Publikum mit ihrem fließenden, superweichen, aber nie schnulzigen Spiel so in ihren Bann, dass es still in der voll besetzten Halle wurde.

Wagner und der Bassist Davide Petrocca, die oft zusammen auftreten, hatten in Enzo Zirilli aus Gilad Atzmons Quartett einen kompetenten Drummer zur Seite. Und der meist mit Understatement agierende Saul Rubin spielte die Gitarre stets vorzüglich, ob als Begleit- oder Soloinstrument. Die beiden Sängerinnen Barbara Bürkle und Brigitte Beraha beherrschten ihr Instrument, also ihre Stimme, je mit eigenem Charakter, beide jedoch mächtig in allen Lagen.

Dem Publikum gefiel's. Wohl nicht zuletzt, weil diese Künstler weder Allüren noch Geltungssucht zeigten, auf Effekthascherei wie auf Kitsch verzichten konnten. Und so gab es bei diesem zweiten Konzert der Jazzwerkstatt, was beim ersten noch fehlte: Beifallsstürme.

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Auf einen Blick Tipp: Am heutigen Freitag konzertieren noch Atzmon und Gäste in der Werkshalle, am Samstag treten die Teilnehmer-Combos im Rathaushof auf. Am Sonntag ist dann in der Werkshalle Choir & Big Band Meeting. Erstmals gibt es am Sonntag offene Workshops: ab 10 Uhr mit Barbara Bürkle "Jazzchor"; 15 bis 16.30 Uhr mit Gilad Atzmon "Improvisation for Everyone: All Instruments, All Levels & All Styles" und von 10.30 bis 11.30 Uhr "Jazz with Kids". gal