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Jazz
Dizzy Krisch lässt das Publikum träumen

Eingespielt, aber immer wieder erfrischend, hier Dizzy Krisch und Karoline Höfler.  
Eingespielt, aber immer wieder erfrischend, hier Dizzy Krisch und Karoline Höfler.   FOTO: Gerhard Alt / Picasa
SAARWELLINGEN. „The Dizzy Krisch Vibraphon Quartet“ hat am Freitag im Alten Rathaus gespielt. Eines der bestbesuchten Konzerte der Saarwellinger Jazzwochen 2018. Von Gerhard Alt

Mehr Frühlingserwachen als Winterblues. Eher Stadt als Dorf. Flanieren durch Shoppingmeilen, an stark befahrenen Straßen, Lärm und Feinstaub hier, Blumenduft und Vogelbalzen, Oasen der Ruhe, da.


Zufällige Begegnung mit Bekannten und kleine Wortwechsel mit Wildfremden. Ein bisschen Nieselregen, Windstille, vereinzelte Böen. Und da kommt die Sonne. Die Welt ist schön.
Wenn — wie am Freitag im Alten Rathaus — „The Dizzy Krisch Vibraphon Quartet“ mit „Our Choice“  konzertiert, ist die Wahl offen:Fantasiereisen führen in bekannte Städte oder Orte, wo noch keiner war, zu Abenden mit lieben Menschen, in den Schwarzwald oder den Zoo.
Womöglich liegt es am Vibrafon. Dizzy Krisch spielt sich damit in die
Köpfe und Gemüter, löst Assoziationen, Melancholie oder Freude aus,
gibt Anstöße zum Träumen und Nachdenken.

Die musiktheoretisch
Bewanderten staunen, wenn aus einem Viervierteltakt ein echter Walzer wird, aus Swing veritabler Hardbop. Wer nur eine Ahnung hat, fragt sich, ob das Vibrafon mehr Schlag- oder mehr Melodieinstrument ist. Und die einfach gute Unterhaltung erwarten, werden reich bedient.

Das mitgebrachte Vibrafon ist, wenngleich seit den 1930er Jahren gut im Jazz etabliert, ein wundersames Instrument mit für den Laien rätselhafter Elektronik, Metallplatten, die sich auch noch bewegen lassen, Resonanzröhren wie an einer Orgel, unaufhörlich arbeitenden Drehwerken und einem an einen Hammerhai gemahnenden Dämpferpedal. Dizzy Krisch ist ein großer Vibrafonist.

Er bringt die Percussivität Lionel
Hamptons, der vom Schlagzeug kam, mit und probiert wie Milt Jackson, der Sänger war, dem Instrument die Vielfalt der menschlichen Stimme zu verleihen. Daraus ergibt sich der typische Krisch-Sound. Klaus Krisch ist ein großer Pianist — am Freitag besonders gut aufgelegt: zupackend, spielfreudig, heiter-gelöst, aber ganz bei der Sache. Mit Schalk lässt er in seine Improvisationen schon mal seltsame Synkopen oder „Backe, backe Kuchen“ oder die Marseillaise einfließen.
Die Instrumente stehen dicht beieinander; die Musiker sind es auch im Spiel. Da wird ein engmaschiger Klangteppich aus einer großen Palette an Melodiefarben geflochten, nie fadenscheinig auf Effekt angelegt.



Die Krisch-Brüder aus dem Schwarzwald, jener in Tübingen, dieser in Saarlouis lebend, spielen immer schon zusammen, das merkt man. Klavier und Vibrafon wechseln sich ab, mal ist das eine, mal das andere tonangebend, und beide sind sympathische Begleiter, Bass oder Schlagzeug Soli improvisieren. Den Kontrabass bedient seit vielen Jahren Karoline Höfler in dem Quartett. Sie beherrscht das filigrane ebenso wie das kraftvolle Spiel, entwickelt übergangslos aus der rhythmischen Begleitung die Führung in der Melodie.

Dieter Schumacher, ebenfalls seit
Jahrzehnten Mitglied der Combo, spielt Schlagzeug wie ein Uhrwerk,
jederzeit zum Alleingang fähig, den er jedoch selten initiiert. Wenn das
Vibrafon leise ist, spielt auch Schumacher leise, mit Schlägeln, die
denen Dizzy Krischs nicht unähnlich sind.
Im Programm zumeist Stücke aus dem Swing- und Bebop-Fach, dazu
Kompositionen von Dizzy Krisch und seinem Sohn Anselm. Höhepunkt
(zugegeben, das ist subjektiv): Astor Piazzollas „Libertango“ mit
mehreren Stimmen am Vibrafon. Auch in Saarwellingen am Schluss (wie gesagt, die Welt ist schön): „What a wonderful world“. Wie ein Gebet.