| 21:11 Uhr

Umfrage
Der Schock über das Grubenbeben sitzt tief

Günter Hild
Günter Hild FOTO: Axel Künkeler
Saarwellingen. Viele Menschen erinnern sich immer noch gut an die dramatischen Ereignisse vor heute genau zehn Jahren. Von Axel Künkeler

Heute vor genau zehn Jahren erschütterte ein durch den Kohleabbau ausgelöstes Erdbeben Teile des Saarlandes. Noch immer erinnern sich viele Menschen in den am stärksten betroffenen Gemeinden Saarwellingen und Nalbach an die Ereignisse, die zum Ende des Kohlebergbaues im Saarland führten. Diese Entscheidung halten die meisten der von der Saarbrücker Zeitung Befragten auch heute noch für „absolut richtig“.


Wolfgang Sauer, bei der Gemeinde Saarwellingen für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, kann sich noch gut erinnern: „Wir haben zuhause Geburtstag gefeiert, als wir plötzlich die Erdstöße gemerkt haben.“ Alle Saarwellinger seien zusammen gelaufen, kamen an die Kirche und „wollten sehen, was da passiert ist.“ Natürlich sei ihm in dem Moment nicht gleich klar gewesen, dass es das Ende des Bergbaus bedeutet: „Wir hatten vorher schon so viel erlebt.“

Auch Jörg Heilemann, der gleich neben dem Rathaus eine Apotheke betreibt, war auf einer Geburtstagsfeier in Schiffweiler, als seine damals 16-jährige Tochter anrief: „Papa, Papa, wir stehen alle auf der Straße, die Häuser wackeln.“ Für ihn war das „echt der Hammer.“ An das Ende des Bergbaus hat auch er nicht gleich gedacht, hält die Entscheidung aber zehn Jahre später immer noch für „absolut richtig.“ An seinem Haus gab es zum Glück „nur ganz leichte Risse“, eine Schadensregulierung war nicht erforderlich.



„Auf einmal hat es gerumst, Gläser haben gescheppert, Nippes ist umgefallen“, beschreibt Josef Philippi seine Erlebnisse. Es hörte sich an, als sei „ein Flieger abgestürzt“, aber ihm war klar, dass es wieder zu Grubensetzungen gekommen war. Nicht sofort klar war ihm das Ende für den Kohleabbau im Saarland, obwohl einer in dem „Riesenauflauf“ meinte: „So langsam könnten sie aufhören damit.“ Aber heute denkt Philippi, dass es richtig war, „das hätte sonst ja noch alles kaputt gemacht.“ Er habe zwar ein Stück weit „vom Bergbau gelebt“, aber es habe einfach zu viele Schäden gegeben. Die Schadensregulierung sei „absolut kein Problem“ gewesen, sagt Philippi, „die Schäden wurden erfasst, geregelt und jetzt ist Ruhe.“

Günter Hild aus Überherrn, der seit drei Jahren ein Ingenieur-Büro in Saarwellingen betreibt, hat die Ereignisse nicht direkt erlebt. Auch an das Ende des Bergbaus dachte er nicht sofort, die Entscheidung sei aber „nach wie vor richtig.“ Allerdings glaubt er, dass das Beben nicht der einzige Grund war, sondern auch wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle spielten. „Die Kohleförderung hierzulande ist zig-fach teurer als anderswo.“

Dagegen hält Georg Jakubczyk die Entscheidung „nicht so sehr für richtig.“ Der Ausstieg sei „zu schnell und einseitig“ erfolgt. Damit sei ein wichtiger Energieträger weggebrochen, ohne ausreichend Alternativen zu haben, während in Frankreich weiter auf Kohle- und Atomstrom gesetzt werde. Es sei aber „an sich sofort klar gewesen, dass es so nicht weiter gehen kann.“ Das Erlebnis hat ihn „relativ geschockt.“ Jakubczyk war gerade im dritten Stock seines Hauses, dachte „das Gebälk kommt runter.“ Sofort sei er auf die Straße gerannt, habe dort vom Unglück an der Kirche erfahren. Da seien doch kurz vorher noch Kinder gewesen, zum Glück sei denen nichts passiert.

Petra Koch-Albien lebt erst seit fünf Jahren in Saarwellingen, merkt aber, dass die Ereignisse heute noch immer „ein großes Thema“ in der Bevölkerung sind. Selbst in ihrem damaligen Wohnort Erbringen habe sie das Beben gemerkt. „Da haben die Gläser geklirrt.“ Als sie am nächsten Tag die Meldungen hörte, war sie „sehr erschrocken“, macht sich noch heute ihre Gedanken. Das Ende für den Saarbergbau war ihr nicht gleich bewusst, sei jedoch „auf jeden Fall richtig.“

Christian Bellmann betreibt ein Reisebüro in Saarwellingen, war aber am 23. Februar 2008 in Saarlouis. Dort hätten „die Leute teils panisch“ reagiert, seien aus Häusern und Geschäften auf die Straße gerannt. „Mein Gott, was muss dann wohl zuhause in Saarwellingen passiert sein“, waren seine ersten Gedanken. Er habe zwar „keine Sorge um Leib und Leben“ gehabt, aber dass „das eigene Vermögen den Bach runter geht“, sei schon „sehr ärgerlich.“ Er wollte nicht, dass Freunde im Bergbau ihren Job verlieren („das tut mir leid“), aber es sei „ziemlich jedem klar gewesen, dass es so nicht weiter gehen sollte.“ Bei der Schadensregulierung sieht er vor allem das Problem, dass die Leute ihren Verzicht auf weitere Ansprüche erklären mussten. Vielfach seien Folgeschäden aber erst später erkennbar gewesen.

„Das war furchtbar, ganz ehrlich“, ist Winfried Neu noch immer bewegt. Er war gerade auf der Kellertreppe, dachte „das ganze Haus kracht zusammen.“ Auf das Ende des Bergbaus „habe ich gehofft“, hat sich noch zwei Jahre später beim damaligen Ministerpräsidenten Peter Müller für die „richtige Entscheidung“ bedankt: „Was hätte sonst noch alles passieren können“, ist er noch heute davon überzeugt. Die Schadensregulierung „lief unproblematisch, obwohl es nur eine kleine Entschädigung gab.“

Starke Schäden gab es durch das Beben dagegen im alten Rathaus der Gemeinde Nalbach. Dort arbeitet Birgit Favata inzwischen seit 42 Jahren, war aber am Tag des Bebens zuhause in Diefflen. Das Unglück ereignete sich an einem Samstag, als sie gerade beim Staubsaugen war. „Oh Gott, was ist denn da passiert“, dachte sie nicht gleich an ein Grubenbeben. Auf das Ende für den Bergbau habe sie gehofft, damit „die Beben endlich aufhören“. Montags musste sie mit den Kollegen und Kolleginnen das stark beschädigte Rathaus räumen: „Wir wurden in ein Großraum-Büro im Feuerwehr-Gerätehaus ausquartiert.“

In einer Nalbacher Bäckerei arbeitet Mona Welsch, die das Beben zuhause in Düppenweiler erlebte: „Ich saß auf dem Sofa, als plötzlich die Bilder an den Wänden wackelten.“ Es sei für sie „wie eine Schwindelattacke“ gewesen. Ursache und Folgen waren ihr nicht gleich klar, schließlich „überlegt man da nicht groß“, hat einfach „ein bisschen Angst.“ Wie fast alle der Befragten sagt die junge Frau: das Ende für den Saarbergbau: „war die richtige Entscheidung, auf jeden Fall.“  

Mahnwache zur Erinnerung. Am zehnten Jahrestag des schweren Grubenbebens ruft der Landesverband der Bergbau-Betroffenen (IGAB) zu einer Gedenkveranstaltung auf. Die Mahnwache heute um 16 Uhr auf dem Saarwellinger Schlossplatz gedenkt „der Tatsache, dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind.“ Daneben will die IGAB aktuell gegen die „geplante vollständige Flutung der Saargruben“ protestieren. Zu der Demonstrationen werden Delegationen aus Frankreich, Nordrhein-Westfalen sowie dem östlichen Saarland erwartet, teilt der Veranstalter mit.

Wolfgang Sauer
Wolfgang Sauer FOTO: Axel Künkeler
Petra Koch-
Albien
Petra Koch- Albien FOTO: Axel Künkeler
Mona Welsch
Mona Welsch FOTO: Axel Künkeler
Josef Philippi
Josef Philippi FOTO: Axel Künkeler
Georg
 Jakubczyk
Georg Jakubczyk FOTO: Axel Künkeler
Birgit Favata
Birgit Favata FOTO: Axel Künkeler
Jörg Heilemann
Jörg Heilemann FOTO: Axel Künkeler