Jazzwerkstatt: Cooler Bebop elektrisiert das Publikum

Jazzwerkstatt : Cooler Bebop elektrisiert das Publikum

Das Konzert der „Three Tenors“ bei der International Jazzwerkstatt lockte über 250 Musikfans auf den Campus Nobel, die sich dann vor lauter Begeisterung ins Schwitzen klatschten.

Ausnahmsweise ein Tipp vorweg: Lesen Sie den englischen Ausdruck be-bop laut! Also gesprochen Bie-bopp. Dann variieren Sie noch die Lautstärke, die Pause zwischen den Silben, die
Geschwindigkeit und die Länge des Is und die Kürze des Os, probieren Sie vielleicht auch eine Art Rhythmus. Wenn Sie dann einer fragt, was Sie da machen, sagen Sie: Bebop. Das stimmt. Tatsächlich steht der Ausdruck lautmalerisch für einen in der Musik eher verpönten Akkord und bezeichnet die Richtung des Jazz, die in den 40er und 50er Jahren den Swing überwinden wollte, dem Modern Jazz den Weg bahnte und bis heute in Variationen gepflegt wird.

Das zweite Konzert der diesjährigen International Jazzwerkstatt auf dem Campus Nobel konnte für den Bebop und seine verwandten Formen neue Freunde gewinnen. Zum Konzert ist viel zu sagen, das Beste lässt sich jedoch gar nicht gut genug ausdrücken: Es ist das besondere Flair, die Stimmung, die Spannung, die Harmonie bei allen gewollten Dissonanzen und Kapriolen, die Intuition, Empathie und gegenseitige Inspiration der Akteure, das Verständnis der Musiker füreinander. Gut zu hören war auch das Besondere der Saxophonisten, genauer: der drei Tenorsaxofonisten (Three Tenors): Gilad Atzmon, Tony Lakatos und Johannes Müller. Sicherlich erinnerte der eine mehr als der andere an diesen oder jenen der Vorbilder Charlie Parker, John Coltrane, Gerry Mulligan oder Dexter Gordon – genug Anlass zum Fachsimpeln also.

„Doch, wir proben schon. Heute haben wir eine Stunde vor dem Konzert zusammengespielt. Wir sprechen halt alle ein ähnliche Sprache“, erzählt Thilo Wagner, der Pianist aus Stuttgart, der an zwölf der bisher 14 Jazzwerkstätten als Dozent beteiligt war. Er hat vor der Pause das Piano bedient – und wie: rasend schnell, vor allem bei den Coltrane-Nummern. „Das ist gar nicht so anstrengend, bei Coltrane kann der Pianist auch mal aussteigen, dann begleitet der Schlagzeuger den Solisten alleine“, verrät Wagner. Tatsächlich hatte Enzo Zirilli am Schlagzeug viel zu tun an diesem Abend; er spielte immer, während sich Yaron Stavi und Davide Petrocca am Bass die Arbeit teilten und Frank Harrison im zweiten Teil am Flügel saß. Sie waren den drei Tenorsaxofonisten eine verlässliche rhythmische Begleitung und überzeugten auch mit flotten Soli.

Buchstäblich im Vordergrund standen Atzmon, Lakatos und Müller mit zeitgenössischem Jazz in Bebop-Tradition. Wenn das Trio unisono dieselbe Melodie spielte, wurde das harmonische Gefüge oft frühzeitig aufgebrochen; mit den Soli setzte jeder eigene Akzente. Lakatos war der eher Lyrische, besonders bei einer zum Dahinschmelzen schön interpretierten Ballade, Müller der Elegante mit großen Spielumfang, Atzmon der Virtuose. Während Müller eher mit einer Melodie begann und sie mit deutlicher Steigerung variierte, jedoch ohne sich und die Basis zu verlieren, baute Atzmon peu à peu ein harmonisches Gerüst auf, um darin eine Melodie unterzubringen, die er dann in Einzelteile zerlegte und neu zusammensetzte. Philosophen – Atzmon selbst ist diesem Genre zuzuordnen – nennen das dekonstruktivistisch. Das ist typisch für den Bebob. Die Zuhörer bekamen an diesem Abend also keine großen Melodien zu hören, die sie dann getrost nach Hause hätten pfeifen können. In diesem Konzert wurden Motive miteinander verknüpft, auseinander genommen und neu zusammen gefügt – wie in einem Kaleidoskop. Große Kunst, Ehrfurcht gebietend.

Am Freitag wird in der Werkshalle auf dem Campus mit „The History of the Blues – from Gospel to Trane – sprich John Coltrane – Jazzgeschichte aufgeführt.

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