Brot vom Vortag ist nicht schlecht

Brot vom Vortag ist nicht schlecht

Gestern hat die Bäckerei Welling in der Dillinger Stummstraße den ersten Vortagsladen eröffnet. Im Sinne der Nachhaltigkeit bietet die Bäckerei hier günstig die Produkte an, die am Vortag im Regal liegen blieben.

Dillingen. Der Vortagsladen unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von einer anderen Bäckerei: Saubere Ladentheke, gut gefüllte Regale, ein Backofen, im hinteren Bereich ein Café. Der Unterschied: Die Brote, Brötchen und Kuchen sind vom Vortag. Es ist der Überschuss aus den anderen 13 Filialen der Bäckerei Welling; außerdem werden zu dunkel oder zu hell gebackene Stücke, Bruchgebäck oder Testgebäck und Übungsstücke der Auszubildenden verkauft - zum halben Preis oder weniger. Schon immer haben Kunden nach Waren vom Vortag gefragt, erzählt Joachim Paul, Bäckermeister und Betriebsleiter. "Viele ältere Leute mögen das Brot auch lieber, wenn es einen Tag durchgezogen ist. Das ist eben Geschmackssache."Neu ist das Prinzip des Vortagsladens nicht, in Saarbrücken gebe es schon einen solchen Laden. Und einige Bäcker bieten ihre Waren vom Vortag günstiger an. Dass aber gleich ein ganzer Laden mit übrig gebliebenen Waren gefüllt werden kann, ist eher selten und im Landkreis bisher einmalig. "Es ist dringend ein Umdenken nötig", meint Paul, "wir können nicht jeden Tag so viele Waren, die qualitativ hochwertig sind, einfach wegwerfen."

Der Andrang ist jedenfalls groß an diesem ersten Morgen, viele schauen auch aus Neugier mal rein. Elke Dahm aus Dillingen ist noch etwas vorsichtig: "Ich probiere es mal aus, die Sachen sind ja schließlich nicht schlecht." Josefa Loew aus Dillingen begrüßt die Idee: "Es wird ja so viel Essen weggeworfen in unserer Gesellschaft, während andere hungern oder es sich nicht leisten können."Im Vortagsladen steht übrigens auch ein kleines Sortiment an frischen Waren wie belegten Brötchen bereit. "Und auch der Kaffee und die Zeitung sind nicht vom Vortag", lacht Filialleiterin Kornelia Philippi.

Weil die Bäckereikunden erwarten, dass bis zum Abend eine Auswahl da ist, bleibt viel übrig: Acht bis 15 Prozent der Waren im Schnitt, erzählt Paul. Aber das ist in jeder Filiale und vor allem auch jeden Tag anders, abhängig zum Beispiel auch vom Wetter. "Es klingt komisch, aber abends schauen wir erstmal in den Wetterbericht." Erfahrungsgemäß wird etwa bei Regen in der Dillinger Filiale bis zu 50 Prozent weniger verkauft. "Wir merken auch, dass bei den Leuten zum Monatsende das Geld knapper wird", schildert Paul. "Dann bleiben die teuren Croissants und Torten eher mal liegen." Die Tafeln in Dillingen, Nalbach und Lebach versorgt Welling ohnehin mit Backwaren, außerdem ein Kinderheim im französischen Bullay. Dennoch gibt es Reste - das landet jetzt im Vortagsladen. Was dort nicht verkauft wird, wird in einer "Altbrotecke" im Betrieb gesammelt; drei Bauern und das Wildfreigehege Saarwellingen verfüttern das alte Brot. Wirklich weggeworfen werden nur verderbliche Waren wie Sahnetorten oder Wurstweck.

Meinung

Das Umdenken beginnt früher

Von SZ-RedakteurinNicole Bastong

Was heute ein gutes Brot ist, ist morgen nicht automatisch Müll - das ist der Ansatz des Vortagsladens. Das Konzept ist gut. Aber eigentlich wird hier nur aufgefangen, was vorher schief läuft. Denn warum bleibt eigentlich jeden Tag so viel übrig, was nicht weggeworfen werden soll?

Kornelia Philippi und Joachim Paul vor dem Vortagsladen von Welling in Dillingen. Foto: Thomas Seeber.

Der Kunde will noch am Abend 15 Brote zur Auswahl. Gibt es die nicht, geht er woanders hin. So ist der Bäcker zur Überproduktion gezwungen, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Der verantwortungsvolle Umgang mit Lebensmitteln beginnt schon vor dem Wegwerfen: bei der Erwartungshaltung der Kunden.