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Saarlouiser Narren stürmen das Rathaus

Rathausstürme : Da wäre noch ein Sitzungszimmer Baujahr 1978 frei

Rathaussturm ist sowas wie Rauchen abgewöhnen: Manche tun’s immer wieder. Die Narren schaffen das ja auch jedes Mal. Bloß: Warum verschwinden sie nach ein paar Tagen - immer wieder? Auch in Saarlouis.

Er lernt es einfach nicht, dieser doch sonst so erfolgsverwöhnte Saarlouiser Narrenführer Hans-Werner Strauß. Jedes Jahr aufs Neue, auch am Donnerstag wieder, steht er auf dem Podium auf der Straße und ruft zum Sturm aufs Rathaus auf. Jedes Jahr. Ob es ihm nicht zu denken gibt? Da muss was schief laufen. Die Narren eroberten auch jetzt wieder das Rathaus. Aber nach ein paar Tagen sind die anderen wieder dran. Weil die Verwaltung alles aussitzt, auch die Narren? Oder weil OB Peter Demmer Recht hatte, als er das Rathaus verteidigte mit dem Hinweis: Da würden die Besatzer nichts finden, bloß Arbeit?

So aber ging die Erfolgsgeschichte des Rathaussturms auch jetzt weiter. Auch darin, dass Strauß die „vielen tausend Besucher“ begrüßen konnte, auch dieses Jahr wieder mehr weniger als im Vorjahr. Und dann war da noch die Kanone des Artilleriekorps Fraulautern, die sich erstmal warm und laut schießen musste, bis sie die Rathäusler aufwecken konnte.

Immerhin, auf die Narrenscharen ist Verlass. Nicht enden wollend der Zug mit Garden, Fahnen, erfreulicher Musik, der vor dem Rathaus aufzog, beäugt aus vielen geöffneten Fenstern.

Entmachtet, aber erleichtert: Peter Demmer (mit dem gelben Hut), Oberbürgerneister von Saarlouis. Foto: Sascha Schmidt

Der Neuforweiler Spielmannszug, die Picarda Fräsch, Karo-Blau-Gold aus Roden, Ligeka aus Lisdorf, die Faasendrebellen vom Steinrausch, die GKG Fraulautern, der Ensdorfer Fanfarenzug (man muss ja vor dem Sturm mit Tiefstschlaf rechnen), das Artilleriekorps aus Fraulautern.

Es folgte die vom Aspekt der Übermacht her nicht erforderliche, aber rechtsstaatlich gebotene Anklage, vorgetragen von Vertreterinnen und Vertretern der Fastnachts-Bataillone. Aus Roden war die klare Ansage zu hören: Wenn die Kulturhalle in Roden nicht bis zur Fastnacht nächstes Jahr saniert ist, „dann kommen die Narren ins Rathaus und bringen den Stadtrat in die Halle, da ist noch eine Toilette Baujahr 1978 als Sitzungsraum frei“. Aber es sei doch zu befürchten, dass die Sanierung „länger dauert als der Bau des Berliner Flughafens“. Die Rathäusler hatten sowas geahnt, drinnen war eine Art Baustelle ausgeschildert, und der OB erschien in Blaumann und gelbem Helm.

Gegen Ende, Sonnenkönig Viktor I. bereits im Angriffsmodus, schallerte es mit herzhaftem Lachen. Ein Redner lobte den OB (Strauß: „Das ist der Mann oben hinter den drei Luftballons“), weil der auf einen Satz der Anklage gleich geantwortet und nicht vier Wochen nachgedacht habe: „Spontan abgelesen“, wurde ihm beschieden. Dann sollte er auf den letzten Satz einer Anklägerin antworten, aber es blieb still. Demmer frohlockte: „Satz vergessen?“ Alles lachte, die Anklägerin auf dem Podium am meisten, sie konterte mit: „Die hinter mir sind interessanter als die vor mir.“ Und Demmer verhaspelte sich im Gegenzug, redete von „Kaputilation, äh Kapitulation“.

Wenig später sah man Viktor I., den Sonnenkönig vom SKC „de Boules“ am Fenster, wie er die Macht übernahm. Letzter Akt: „Schöne Fastnacht“, wünschte Demmer vom Fenster aus den Massen draußen. Strauß von unten streng: „Du hast gar nichts mehr zu sagen.“