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Kolumbianische Weihnachten
Zu Weihnachten gab’s Kochbananen

Bernd Schwarz hat sich mit seiner Familie in Kolumbien eingerichtet. Ein Schwenkgrill im Garten darf nicht fehlen.
Bernd Schwarz hat sich mit seiner Familie in Kolumbien eingerichtet. Ein Schwenkgrill im Garten darf nicht fehlen. FOTO: Schwarz
Puerto Colombia/Saarlouis. Bernd Schwarz, ehemaliger Kämmerer der Stadt Saarlouis, ist nach seiner Pensionierung nach Kolumbien ausgewandert. Über seine ersten Weihnachten in der neuen Heimat hat er uns berichtet. Von Bernd Schwarz

Im April 2017 ging ich als Justitiar der Stadtverwaltung Saarlouis in Pension. Seit Mai 2017 wohnen meine Frau Tabata und ich an der kolumbianischen Karibikküste in Puerto Colombia. Tabata ist dort geboren, ihre Familie hat dort ihren Stammsitz, ihre Mutter ist glücklich über die Rückkehr ihres einzigen Kindes und wir wollen nach gemeinsamen Jahren in Deutschland eine neue Herausforderung meistern. Wir haben uns neben dem Anwesen der Familie ein Haus eingerichtet.


Mit unseren aus Deutschland herbeigeschifften Möbeln, Bildern und Büchern sieht das Haus fast wie ein deutsches Eigenheim aus, obwohl Keller und Heizung fehlen. Eine Heizung braucht man bei Wintertemperaturen von 28 Grad nicht. Karibisch ist der kleine Garten mit seinen Kokosnüssen, Mangos, Mandarinen und tropischen Blumen. Er ist das Reich von Hund und Katze, die uns als Willkommensgruß geschenkt wurden. Unseren kolumbianischen Gästen fällt im Garten insbesondere der aus dem Saarland mitgebrachte Schwenker auf, der von allen Seiten fotografiert wird.

In unserem neuen Wohnort Puerto Colombia war einst der größte Hafen Kolumbiens. Die Schließung des Hafens vor 50 Jahren traf Puerto Colombia schwer. Heute sucht es seine Zukunft im Tourismus und als Wohnstadt für die angrenzende pulsierende Millionenmetropole Barranquilla. Puerto Colombia profitiert zudem davon, dass Barranquilla aus allen Nähten platzt und neue Infrastruktureinrichtungen auf dem Gebiet von Puerto Colombia unterbringen muss. So sind hier Schulen, Universitäten und Krankenhäuser entstanden. Wir sind gespannt, wohin die Entwicklung geht. Noch ist der riesige Strand mit seiner schönen Uferpromenade während der Woche kaum von Touristen besucht, unser Hund kann dort mit den herrenlosen Strandhunden nach Belieben herumtollen. Nur am Wochenende kommen viele Besucher aus Barranquilla, die am Strand und im Ort so richtig Party machen.

Barranquilla und Cartagena de India, die benachbarten Großstädte von Puerto Colombia, sind bedeutende Hafenstädte mit allem, was Millionenstädte bieten. Sie sind zudem als Weltkulturerbe weltbekannt: Barranquilla wegen seines Karnevals und Cartagena wegen seiner Befestigungsanlagen und Altstadt aus der spanischen Kolonialzeit. Beide sind eine Reise wert, auch wir sind dort häufig Gäste. Das Gleiche gilt für die nicht weit entfernte Sierra Nevada, ein Küstengebirge, teilweise Indiogebiet, mit beeindruckenden Landschaften und einmaligen präkolonialen Siedlungsresten. Die Sierra Nevada hat bislang verhindert, dass karibische Wirbelstürme in unsere Region eindringen.

Unser Umzug nach Puerto Colombia fiel in eine politisch spannende Zeit. Nach 50 Jahren Bürgerkrieg mit hunderttausenden Toten und Millionen Vertriebenen haben die kolumbianische Regierung und die FARC-Rebellen im Jahr 2016 einen Friedensvertrag geschlossen. Der kolumbianische Präsident Santos hat für seine Friedensbemühungen den Friedensnobelpreis erhalten. Dieser Friedensvertrag bedarf aber der Umsetzung durch Gesetze, die vom Parlament erlassen werden. Insbesondere die Schaffung einer speziellen Friedensgerichtsbarkeit mit dem Ziel, den Akteuren des Bürgerkrieges unter bestimmten Voraussetzungen milde Strafen oder gar Straffreiheit und die Wiedereingliederung in die Zivilgesellschaft zu gewähren, hat zu heftigen politischen und juristischen Kontroversen geführt. Der Friedensvertrag hat diese Hürden mit einigen Schwierigkeiten und Änderungen vor einigen Wochen genommen. Hoffentlich wird der Frieden zur Lösung der riesigen Probleme Kolumbiens genutzt: Anbau von Kokapflanzen auf Rekordniveau, weltweiter Handel mit dem daraus hergestellten Kokain, Allgegenwart von Drogen, zu niedrigen Preisen, Kriminalität, Korruption, soziale Ungleichheit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Raubbau an der vielerorts noch intakten Natur, Flüchtlinge aus dem eigenen Land und neuerdings aus Venezuela. Die im Jahr 2018 anstehenden Wahlen für Parlament und Präsidentenamt sind von enormer Bedeutung für dieses mit so vielen Reichtümern gesegnete Land. Die Kolumbianer wollen nun vor allem Arbeit für sich und Bildung für die Kinder. Glück auf!



Die im täglichen Leben auch in Puerto Colombia erlebbaren Probleme Kolumbiens werden aufgewogen durch die Gelassenheit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und karibische Lebensfreude unserer Miteinwohner. Man kennt in unserem Viertel inzwischen Tabatas Mann, den Deutschen, den Gringo mit seinem Hund. Jeder hat Zeit für ein Gespräch, Fußball ist Lieblingsthema: Kolumbien ist bei der Weltmeisterschaft dabei, man ist sehr zuversichtlich, hat aber vor der deutschen Mannschaft einen Riesenrespekt, James hat für den FC Bayern München ein Tor geschossen. Man duzt sich, auch mit dem Arzt, dem Polizisten, dem Kellner. Man hilft sich aus, wir mit unseren Gartengeräten oder der Sichtung von Dokumenten, die der aus Deutschland eingewanderte Großvater hinterlassen hat. Für unsere Alltagsprobleme, z.B. bei der Renovierung des Hauses oder bei Behördengängen, gibt es immer eine Lösung; irgendjemand kennt einen, wie im Saarland. Bei jeder Gelegenheit wird versucht, dem Deutschen das Tanzen, Vallenato oder Salsa, beizubringen. Man trinkt gerne einen, am liebsten Bier oder Whisky, und lacht viel, es darf auch mal derb sein. Manchmal fühlt man eine Atmosphäre wie bei Gabriel García Márques, der in unserer Gegend gelebt hat und Land und Leuten in seinen Romanen ein Denkmal gesetzt hat.

In dieser karibischen Umgebung ist Weihnachten nicht besinnlich oder beschaulich. Man merkt es seit Wochen: Die Aussicht auf ein schönes Fest, oft mit Familienbesuch aus dem Ausland, hebt die ohnehin schon gute Stimmung. Die Musik ist noch lauter als sonst, es wird vorgefeiert. Wir hatten den ersten Besuch aus Deutschland, einen kolumbianischen Studenten, Memo, den Tabata auf dem Studienkolleg kennengelernt hatte. Leider hat er uns schon einen Tag vor Heiligabend verlassen, um seine Familie im Chocó an der Pazifikküste zu besuchen.

Es ist soweit, Heiligabend. Es sind angenehme und windige 27 Grad, ein schönes Weihnachtsgeschenk nach der oft brutalen Hitze der letzten Monate. Beim Strandspaziergang am Morgen erinnern wir uns daran, dass wir am Heiligmorgen des vergangenen Jahres in der Saarlouiser Altstadt waren. Zum Mittagessen kommt die Familie in unseren Garten. Es gibt deutsche Würste und Schälrippchen vom Schwenker mit Kartoffelsalat. Diese Abwechslung kommt gut an bei unseren Gästen, die zuhause viel Fisch mit Reis oder Sancocho essen, einen feinen Eintopf mit Maniok, Mais, Kochbananen und Koriander mit Fisch oder Fleisch.

Nach einer Siesta treffen wir uns mit der Familie um 20 Uhr in der Kirche. Auf dem Weg dorthin erleben wir Volksfeststimmung mit lauter Musik, auch die Geschäfte sind noch geöffnet. Die Kirche ist voll, man merkt auch während der Messe, dass die Beziehung zwischen Priester und Gemeinde stimmt.

Das Abendessen ist nicht bei uns, sondern im Haus der Familie. Eingeladen sind 25 Gäste, Familie, Freunde, Nachbarn. Alle sind Kolumbianer, nähere Kontakte zu Deutschen haben sich bislang nicht ergeben. Geschenke gibt es nur für die Kinder. Das Haus der Familie hat einen Vorhof zur Durchgangsstraße, so dass man gut sieht, was auf der Straße los ist und mit Passanten Kontakt aufnehmen kann, dort spielt auch laute Musik. Im Haus ist es ruhiger, das Wohnzimmer ist weihnachtlich hergerichtet mit künstlichem Tannenbaum und Krippe. Im Esszimmer kann man sich vom Buffet bedienen. Cousin Victor hat eine Schweinekeule und wir eine große Pute zubereitet. Das Essen kommt gut an. Der Abend verläuft vergleichsweise ruhig, wir sind um 1 Uhr zuhause.

Auch am ersten Weihnachtstag ist es ruhig, Tabata räumt auf, ich schreibe diesen Artikel, gelegentlich schaut Besuch vorbei. Der zweite Weihnachtstag ist normaler Werktag, wir haben einen Zahnarzttermin.

Den Jahreswechsel wollten wir mit Freunden in Cartagena verbringen. Dann erhielten wir aber die Nachricht, dass dort Anfang Januar ein Festival für klassische Musik mit Beteiligung des Münchener Kammerorchesters und der Kölner Akademie stattfindet. Das geht vor, das lassen wir uns nicht entgehen. Wir bleiben deshalb an Silvester zuhause und feiern erneut mit der Familie und Freunden in ähnlicher Weise wie Weihnachten.

Allen Lesern der Saarbrücker Zeitung und unseren Freuden im Saarland senden wir die besten Wünsche für das neue Jahr 2018! Feliz año nuevo!

Den Hund gab es zur Begrüßung in der neuen Heimat. Bei den Strandspaziergängen ist er immer dabei.
Den Hund gab es zur Begrüßung in der neuen Heimat. Bei den Strandspaziergängen ist er immer dabei. FOTO: Schwarz
Zum Weihnachtsabend gehört auch in Kolumbien traditionell der Besuch eines Gottesdienstes.
Zum Weihnachtsabend gehört auch in Kolumbien traditionell der Besuch eines Gottesdienstes. FOTO: Schwarz
Bei Festen wird ordentlich aufgetischt. Zum Weihnachtsessen kam die ganze Familie zusammen.
Bei Festen wird ordentlich aufgetischt. Zum Weihnachtsessen kam die ganze Familie zusammen. FOTO: Schwarz