ZDF zeigt Brigitte Berger auf dem Jakobsweg

Existenzielle Erfahrung Pilgern : „Irgendwas war da, schwer in Worte zu fassen“

45-Minuten-Doku im ZDF: Eine Saarlouiserin ging mit vier Begleitern über 900 Kilometer zu Fuß auf dem Jakobsweg.

Frau Berger, Sie sind 900 Kilometer auf dem Jakobsweg durch Spanien– ja: gegangen oder gepilgert?

Berger Zunächst gegangen, nachher gepilgert und nach Santiago de Compostela wieder gewandert.

Was ist der Unterschied?

Berger Für mich? Man kommt zu sich selbst. Pilgern hieß, ich war sehr konzentriert auf mich alleine, in Gedanken, versuche ich, zu mir selbst zu kommen, und Altlasten loszulassen.

Wie kam es dazu?

Berger Den Weg wollte ich schon vor 13 Jahren gehen, weil ich in irgendeiner Illustrierten gelesen hatte: Nach Rom geht man, um zum Papst zu kommen, nach Jerusalem geht man, um zu Jesus zu kommen, und nach Santiago geht man, um zu sich selbst zu kommen. Aber damals hätte ich nie so viel Urlaub bekommen. Und ich wollte den Camino Francés komplett gehen, nicht in Etappen, unbedingt. Dann habe ich das Buch von Hape Kerkeling, „Ich bin dann mal weg“, gelesen, das hielt meinen Wunsch wach. In einem Internet-Forum zum Jakobsweg las ich, dass das ZDF Pilger suchte. Ich habe denen gemailt, und am Ende wurde ich für eine Fernseh-Dokumentation genommen, zusammen mit vier weiteren Pilgern. Das war ja nun möglich, weil ich im Vorruhestand bin.

Was genau hat Sie am Jakobsweg derart fasziniert?

Berger Dass es ihn gibt, ganz einfach, es gibt ihn schon seit über 1000 Jahren. Die Vorstellung, dass ihn schon Hunderttausende vor mir gegangen sind, und auch nach mir gehen werden, mit Wünschen und Träumen, fasziniert mich. Das ist etwas ganz Eigenes. Es geht mir damit so, wie wenn ich ein Vater Unser höre. Dann denke ich oft, das haben meine Vorfahren vielleicht auch gesprochen. Das berührt mich unheimlich. Und so war das auch mit dem Weg.

Hat die Begleitung durch das Fernsehteam nicht gestört?

Berger Anfangs war das ein bisschen belastend. Aber am Schluss war alles gut, mit der Crew wie mit der Gruppe. Die Crew hat mehr geleistet als wir Pilger. Wir hatten keine einzige Blase, aber ich habe noch nie so wunde Füße gesehen wie bei der Fernsehcrew, unterwegs mit der ganzen Montur. Die Vier sind bei Wind und Wetter, bei Schnee und Eis mit dabei gewesen. Das waren eigentlich die Helden.

Der Film heißt „Mein härtester Weg“. Können Sie mit dem Titel etwas anfangen?

Berger Ja. Es war mein härtester Weg, Weil ich täglich nach Schmerzen oder Trauer oder Wut oder Müdigkeit oder Tränen mich immer wieder motiviert habe, weiter zu gehen. Es galt, das Ziel zu erreichen. Und erst dort habe ich den Sinn verstanden: Der Weg ist das Ziel. Ich dachte früher immer, so ein Blödsinn, ohne Ziel gibt es doch auch keinen Weg. Man lernt, mit Demut alles zu ertragen, um an sein persönliches Ziel zu kommen. Und auch in einer großen Menge Menschen kann jeder für sich auch Einsamkeit und innere Einkehr erleben.

Welche Rolle spielte die Gruppe auf dem Weg?

Berger Ich wollte den Weg eigentlich alleine gehen, aber ohne die Gruppe hätte ich das nicht geschafft. Da entstand mit der Zeit eine gute Gruppendynamik. Außer mir waren das ein Mann um die 50, eine Österreicherin mit sechs Kindern, die aus religiösen Gründen pilgerte, ein junger Mann, der sich eine Auszeit nahm, und eine Frau mit einem Hund. Wir haben über Whats App noch Kontakt.

Der Segen moderner sozialer Kommunikationsmittel?

Berger Wie mit den Handys. Jeder hat übers Handy Unterstützung bekommen, von der Familie, von Freunden, von Kollegen. Mein Handy fiel zwischendurch mal aus. Das hat mich fast aus der Bahn geworfen.

Das Wetter schwankte von Wärme zu Schnee, es regnete oft. Wurden Sie unterwegs krank?

Berger Ich war oft platt. Mit Fieber und Erkältung, ich dachte oft, das wird nichts mehr, nie wieder. Wie die anderen auch hatte ich dauernd Knieprobleme.

Wie viele Tage waren Sie tatsächlich zu Fuß unterwegs?

Berger 40 Tage vom 10. März bis 20. April von St Jean Pied de Port nach Santiago de Compostela und weiter nach Finesterre. Über 900 Kilometer.

Was war ganz anders als Sie sich das vorher vorgestellt haben?

Berger Ich hatte mir Pilgern als beschauliches Gehen auf angenehmen Wanderwegen vorgestellt. Aber so war es ganz und gar nicht, außer in Galicien. Und eben, dass aus Gehen Pilgern wurde. Ich war auf einmal ausgerichtet auf meine Person. Wo bin ich, wo will ich hin? Was tut mir gut, was nicht? Reduziert aufs Wesentliche. Dann kann man zu sich kommen. Der Camino reduziert einen auf das Wesentliche, essen, trinken, schlafen und am nächsten Tag wieder loslaufen, essen, trinken, schlafen, vielleicht ist auch das reduzierte Leben auf Zeit die Faszination.

Pilgern ist aber doch zuerst ein religiöser Begriff?

Berger Für mich war das religiös. Ich glaube, dass irgendeiner bei mir ist, in irgendeiner Form. Oft hat sich auf diesem Weg eine problematische Situation plötzlich zum Guten gewendet. Irgendwas ist da auf diesem Weg, schwer in Worte zu fassen.

Hat sich nach der Rückkehr etwas für Sie geändert?

Berger Ja. Ich habe unheimlich lange gebraucht, bis ich wieder hier ankam. Es war auch dieser Kontrast. Auf dem Weg kam man schnell mit anderen ins Gespräch und immer gleich zum Punkt. Wie geht es dir auf dem Weg? Da zählte nicht, was du machst und verdienst. Es gab so viele unverhoffte Begegnungen zur rechten Zeit. Ich glaube, im Umgang mit anderen bin ich geradliniger geworden. Innerlich bin ich immer noch auf dem Weg.

Und jetzt? Würden Sie den Weg nochmal gehen?

Berger Ich würden den Weg nicht noch mal schaffen. Etappen gehen will ich auch nicht. Aber ich werde den Camino Portuges gehen, er ist nur 250 Kilometer lang.

Sie kannten sich nicht, waren 40 Tage gemeinsam unterwegs: Nicht einfach, aber ohne sie hätte ich es nicht geschafft, sagt Brigitte Berger. Foto: Anna Baranowski/ZDF
Brigitte Berger. Foto: Brigitte Berger
Unterwegs: Intensive Diskussionen, hier mit einem Mitglied der Gruppe, gehörten dazu. Foto: Susanne Bohlmann/ZDF
Am Ziel: Selten ist der Platz vor der Kathedrale von Santiago de Compostela so leer wie hier. Foto: Brigitte Berger
Unterwegs: Der Weg, Steigungen, Regen, Schnee forderten viel von der 61-jährigen Brigitte Berger. Foto: Brigitte Berger

ZDF-Film „Mein härtester Weg“ von Susanne Bohlmann an Pfingstmontag, 10. Juni, 18.15 bis 19 Uhr im ZDF

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