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Wo Altreifen wieder zu Öl werden

Wo Altreifen wieder zu Öl werden

Dillingen. Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Die jungen Unternehmer Pascal Klein und Julien Dossmann machen mit ihrer Firma Pyrum in Dillingen das, von dem im Grunde schon die Alchimisten aus dem Mittelalter träumten. Die wollten damals Steine in Gold verwandeln

Dillingen. Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Die jungen Unternehmer Pascal Klein und Julien Dossmann machen mit ihrer Firma Pyrum in Dillingen das, von dem im Grunde schon die Alchimisten aus dem Mittelalter träumten. Die wollten damals Steine in Gold verwandeln. Klein und Dossmann, beide gerade einmal Mitte 20, sind weniger auf Gold aus, aber das Prinzip ist dasselbe: Sie wandeln mit Hilfe einer speziellen Form der Pyrolyse, der so genannten Thermolyse, also einer thermischen Zersetzung ohne Sauerstoffzufuhr, Altreifen und Kunststoffe in hochwertige Rohstoffe wie Öl, Koks und Gas um, ohne dass dabei nennenswerte Abfallstoffe entstehen. Bei den heutigen Rohstoffpreisen ist das so gut wie Gold.Doch bereits bei der Suche nach Investoren für eine Versuchsanlage - und noch viel mehr jetzt für eine große Testanlage - machten die beiden Unternehmer eine Erfahrung: Je besser und schnörkelloser das Prinzip klingt, desto skeptischer werden die Geldgeber. Die Versuchsanlage ging Anfang 2009 in Betrieb. Sie zerlegte pro Tag etwa eine Tonne Altreifen in ihre Bestandteile. Als sich das Verfahren als technisch einwandfrei und hoch wirtschaftlich herausgestellt hatte, beantragte die Firma eine Förderung bei der Europäischen Union. Die zeigte sich sehr interessiert: Anfang 2011 überzeugte sich sogar EU-Kommissar Günter Oettinger persönlich vom so genannten Pyrum-Verfahren. Die Folge: Die EU bewilligte vor knapp einem Jahr dem Unternehmen die Förder-Höchstsumme von 985 000 Euro, zweckgebunden für den Bau einer Großanlage.

Dieser Zusage ging ein monatelanger Marathon an Behördengängen und Genehmigungsverfahren voraus - und selbst jetzt kann Pyrum nicht über die volle Summe verfügen. "Die Fördergelder werden in mehreren Etappen zu je 180 000 Euro ausbezahlt. Auf der anderen Seite mussten wir erst einmal 180 000 Euro als Sicherheit hinterlegen, die die EU dann zurückgefordert hätte, wenn eine Rate nicht für das Projekt ausgegeben worden wäre. Das ist ja verständlich, aber es hatte uns überrascht, weil uns das trotz aller Gespräche nie jemand gesagt hatte", sagt Pascal Klein. Zudem gehen etwa 350 000 Euro der Gesamtsumme sofort an die Zulieferbetriebe für die Großanlage.

Doch selbst die gesamte Summe wäre beim Bau der Musteranlage, die 5000 Tonnen Material im Jahr verarbeiten kann, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen: etwa sechs Millionen Euro kostet ein solches Modul, davon alleine rund zwei Millionen Euro für die Schredderanlage, die die Reifen und Kunststoffe zu Granulat verarbeitet. Also müssen externe Investoren her - und zwar nicht nur für den Bau der ersten Anlage. "Wir reden hier von einem zweistelligen Millionenbetrag zur Vorfinanzierung weiterer Anlagen. Die Firmen zahlen ja den größten Teil erst, wenn die Anlage fertig dasteht", erklärt Klein.

Klein und Dossmann sehen sich als Anlagenbauer und -verkäufer. So steht bei der Musteranlage nicht primär der Verkauf der entstehenden Rohstoffe im Vordergrund. "Wir wollen eine Anlage selbst betreiben, um sie ständig verbessern zu können und um Mitarbeiter von uns oder potenziellen Käufern hier schulen zu können", erklärt Pascal Klein. "Auf der anderen Seite kauft kaum ein Unternehmer eine Anlage in dieser Größenordnung, ohne sie vorher persönlich gesehen zu haben."

Im März soll diese Musteranlage nun endgültig in Betrieb gehen. Sie wird eine Höhe von 25 Metern haben und auf einer relativ kleinen Fläche von zehn mal sieben Metern Platz finden. Noch im November sollen die größten Teile des Turms zusammengesetzt und dieser aufgestellt werden. Das gesamte Gelände, auf dem die Anlage, der Schredder, das Blockheizkraftwerk, Container und Tanks stehen werden, ist nur etwa 2400 Quadratmeter groß.

"Wir hatten ursprünglich geplant, bis Jahresende zu starten, aber es müssen bis zur endgültigen Betriebsgenehmigung noch einige Arbeiten auf dem Gelände durchgeführt werden", erklärt Klein. Das Landesamt für Umweltschutz hatte ein Rückhaltebecken für Löschwasser sowie die Asphaltierung einiger Flächen gefordert. "Außerdem gab es für einige Teile lange Lieferzeiten." Doch selbst diese Verzögerungen bringen die jungen Unternehmer nicht aus der Ruhe. "Wir haben derzeit über 70 Anfragen aus der ganzen Welt", sagt Klein. Er weiß: Wenn auch die Musteranlage hält, was sie verspricht, wird Pyrum im Bereich der Recycling-Technik schnell zu einem großen Namen werden. "Wir wollen eine Anlage betreiben, um sie ständig verbessern zu können."

Geschäftsführer

Pascal Klein

Hintergrund

Der Begriff Thermolyse bezeichnet eine thermische Zerlegung von organischen Verbindungen ohne Sauerstoff, also in einer Atmosphäre, in der keine Verbrennung stattfinden kann.

Die kleine Testanlage hat bereits gezeigt: Das Recycling von Altreifen ohne nennenswerte Abfallstoffe funktioniert.
Hier wird die große Anlage ab Mitte November stehen. Das Fundament ist bereits gegossen. Fotos: Rolf Ruppenthal

Bei Pyrum liegt die Ausbeute einer Tonne Gummigranulat bei 50 Prozent Öl (bestehend aus 65 Prozent Diesel, 30 Prozent Benzin und 5 Prozent Naphtha (Rohbenzin)), 38 Prozent Koks (bestehend aus 88 Prozent Kohlenstoff, vier Prozent Zink und acht Prozent Asche) sowie zwölf Prozent Gas. spr