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„Wir sollten mit ihnen zusammen umbauen, aufstocken, erweitern“

„Wir sollten mit ihnen zusammen umbauen, aufstocken, erweitern“

Das oft belächelte Anbauen und Aufstocken im Saarland ist für den neuen Präsidenten der Architektenkammer des Saarlandes, Alexander Schwehm aus Saarlouis, „eben unsere Baukultur“. Auch Saar-Architekten hätten darin eine Expertise. Beides, das viele Selbermachen und der Architekt, könnten durchaus zusammenkommen.

Präsident der Architektenkammer des Saarlandes (AKS) ist Alexander Schwehm aus Saarlouis seit einigen Tagen, und anders als man das mit dem würdigen Klang des Titels verbinden könnte, ist er für Überraschungen gut. Architekten, die Magier der Ästhetik , plädieren gern für hehre futuristische Bau-Lösungen. Und dann kommt Schwehm und sagt auf die Frage, ob's denn besser geworden sei mit dem Knauben am Bau im Saarland beim ewigen Anbauen und Umbauen: Wieso? Das ist eben unsere Art zu bauen. Da habe auch der saarländische Architekt eine besondere Expertise.

"Ich glaube, dass im Saarland eine ganz spezielle Baukultur entsteht. Da wird geknaubt, ja. Aber wir müssen die Leute abholen, wo sie stehen. Wenn die Leute viel selbst machen, das ist ja gang und gäbe, wenn sie sagen, wir bauen aus, bauen an, stocken auf, dann ist das die Baukultur, die von den Leuten gewünscht wird. Das sollten wir als Architekten nicht verteufeln." Und: "Wir sollten die Leute nicht allein lassen. Also mit ihnen zusammen sanieren, umbauen, aufstocken, erweitern. Ich glaube, dass wir dann im Saarland eine ganz eigene Baukultur zeigen können, die Qualität hat. Das Verschachtelte und Kleinteilige finden wir ja auch anderswo schön - denken Sie nur an den Süden Europas. Das Stadtbild lässt sich tatsächlich bereichern mit Anbauten, Umbauten und Erweiterungen."

Und: " An- und Umbau - wir Saarländer können das." Schwehm äußerte sich anlässlich des bundesweiten "Tages der Architektur". Wie von ihm erfunden lautet das Motto 2016 "Architektur für alle".

Das Motto zielt auch auf eine soziale Verantwortung im Städtebau. Zu der bekennt sich auch Schwehm. "Wir brauchen sozialen Wohnungsbau ."

Im Kreis Saarlouis werden am "Tag der Architektur" allerdings drei Ziele angeboten, die zwar mit gemeinschaftlicher Nutzung, aber nichts mit Wohnungsbau zu tun haben.

Da ist zunächst der Ravelin V in Saarlouis . Das Büro Dutt und Kist hat für die Stadt das frühere Schlachthofgelände neu gestaltet, indem es die verbliebenen Festungsmauern sicherte, die Funktion der Überschwemmungsfestung aus dem 17. Jahrhundert erkennbar machte und in das Ganze den Stadtpark hinein verlängerte.

Bundesweit bekannt wurde der Ravelin aber erst am vergangenen Wochenende durch ein Video in Facebook . Es zeigt spektakulär, wie dort eine Frau mit ihrem Auto hohe Sandsteinstufen herunterfährt. Sie war über die Vauban-Insel und die enge Fußgängerbrücke gekommen. Ein Poller soll diese Zufahrtsmöglichkeit künftig schließen. Der Saarlouiser Stadtplaner Jürgen Baus versicherte gestern, die abgeplatzten Stücke an den Stufen könnten "kosmetisch" repariert werden. "Unverhältnismäßig teuer würde es, wenn zwölf Sandsteinblöcke ausgetauscht würden." Die Reparatur werde der Fahrerin in Rechnung gestellt.

Geführte Besichtigungen bieten am "Tag der Architektur" im Kreis Saarlouis außerdem an: die neue Kita in Saarlouis-Neuforweiler und mit einem Umbau der Linslerhof in Überherrn.

> : weiterer Bericht

Meinung:

Mutter aller Künste

Von SZ-Redakteur Johannes Werres

Keine abstrakte Ästhetik , sondern die freundliche Hinwendung zur nicht unproblematischen saarländischen (An-)Baumentalität: Alexander Schwehm vertritt eine sehr pragmatische Architektur. Er bringt dem Bauwollen der Saarländer Wertschätzung entgegen. Und ist sicher, dass diese Baukultur sinnvoll verfeinert werden kann. Schwehm sieht die Menschen, die Gebäude für sich bauen und nutzen. Kommt einem fast so vor wie eine saarländische Variante der klassischen Vorstellung von der Architektur als Mutter aller Künste. Das lässt auf vitale Diskussionen im Saarland hoffen.