Wie der Landkreis Schule macht

Der Landkreis Saarlouis meint es ernst mit „Partizipation“ an seinen 30 Schulen. Das Prinzip bedeutet hier Mitgestaltung aller, die mit Schule zu tun haben. Dahinter: Die Ahnung, dass Schule mehr ist als der Unterricht. Und die UN-Kinderrechtskonvention. Kürzlich gab es dazu eine Tagung.

Natalie Sadik Foto: Lara Kühn. Foto: Lara Kühn

Bundesweit Beachtung findet das Programm "Gemeinsam Schule gestalten - Landkreis Saarlouis macht Schule". Nachdem es von Unicef ausgezeichnet wurde, fand es eine führende deutsche Erziehungswissenschaftlerin, Professorin Ingrid Gogolin, Uni Hamburg, so interessant, dass sie zu einer Fachtagung zur Schulentwicklung in Saarlouis kam. 130 Gäste aus der saarländischen Schulszene nahmen daran teil.

Hinter dem Saarlouiser Schulentwicklungsprojekt steht Natalie Sadik, die im Landratsamt angestellt ist und das Programm eigenständig entwickelt. Beachtung findet schon die Konstruktion: Es kommt kaum vor, dass zwischen dem Kultusministerium, den Schulen und dem Schulträger, hier der Kreis, noch eine institutionalisierte Verbindung steht. Der Kreis ist als Schulträger zuständig für Verwaltung, Sachmittel und Gebäude. Sadik kann in dieser Struktur Impulse geben und versuchen, die pädagogischen und die sachlichen Erfordernisse miteinander zu verbinden. Dass daraus etwas wird, verdankt sich vor allem ihrem Ansatz. Der heißt mit einem Fachwort "Partizipation". Jeder, der mit und in der Schule zu tun hat, soll sie auch aktiv mitgestalten können. Mitveranstalter der Tagung in Saarlouis waren die Stiftung Demokratisch Handeln und der Deutsche Schulpreis.

Frau Sadik, was ist der Ausgangspunkt für das Programm?

Natalie Sadik: Das waren die generell veränderten Ansprüche an Bildungseinrichtungen. Sie ergeben sich zum Beispiel daraus, dass Jugendliche immer länger in den Schulen bleiben und immer weniger an anderen Orten, etwa Vereinen, lernen. Oder aus den Anforderungen von Inklusion, aus der Integration von Kindern aus Migrantenfamilien oder auch aus der UN-Kinderrechtskonvention. Das war das Thema auch der Tagung Vielfalt leben. "Miteinander - wie sonst" in Saarlouis . In den Fokus gestellt habe ich dabei, Strukturen zu schaffen, Schule neu zu denken im Zusammenhang von Kindern mit Migrationsbezügen. Das war auch der sehr spannende zentrale Vortrag der Professorin Ingrid Gogolin von der Uni Hamburg.

Was daran war spannend?

Sadik: Frau Professor Gogolin hat festgestellt, dass wir hier genau das praktisch angehen, was sie in der Wissenschaft erforscht. Vieles, was sie mit wissenschaftlicher Begründung empfiehlt, setzen wir hier aus unserem Praxiswissen heraus schon um. Für mich war das ein Aha-Erlebnis. In Saarlouis lag der Fokus von Frau Gogolin auf Vielsprachigkeit als Chance. Sie brachte als zentrales Beispiel Mathe-Unterricht in verschiedenen Muttersprachen. Das hört sich für uns nach Durcheinander an, aber die Schüler lösen so prima ihre Aufgaben.

Ist das ein Beispiel für Mehrsprachigkeit als Chance?

Sadik: Ja. Viele Schüler mit Migrationshintergrund sprechen gleich mehrere Sprachen, zum Beispiel Deutsch, Türkisch, Kurdisch und Arabisch. Das ist eine Ressource! Die Außenwelt aber stellt nur fest: Der kann noch nicht perfekt Deutsch - und die Ressource spielt überhaupt keine Rolle. Da müssen wir einfach umlernen. Ich selbst habe das in meiner Arbeit an den Schulen nur als Mega-Stärke kennengelernt.

Was hat das mit Partizipation zu tun?

Sadik: Partizipation heißt im Schulentwicklungskonzept des Landkreises Saarlouis , dass die einzelnen Schritte immer aus der Schule heraus, aus den aktuellen Bedürfnissen heraus festgelegt wurden. Wir fragen die, die es betrifft, ganz einfach. Partizipation ist auch ein Grundprinzip der UN-Kinderrechtskonvention, auf die wir uns beziehen. Das Thema "Vielfalt leben" zum Beispiel kam auch von Schülern, in diesem Falle von Schülern, die als Unicef-Junior-Botschafter als Referenten das Saarland vertreten haben.

Die wollten etwas für die Kinder aus anderen Ländern auf die Beine stellen, übrigens lange bevor so viele geflüchtete Kinder zu uns kamen.

Was wurde daraus?

Sadik: Wir haben uns zunächst einen Überblick verschafft an allen Schulformen in Trägerschaft des Kreises am Beispiel des Schulstandortes Saarlouis . Gibt es Bedarfe? Die Lehrer sagten zum Beispiel, sie hätten viele Schüler , die in ihren Herkunftsländern bestimmten Schulformen besuchten, fachlich also Anschluss fänden, aber die deutsche Sprache noch nicht ganz beherrschten. Da fehle dann die Möglichkeit, passende Sprachangebote am Vormittag unterzubringen. Die Schüler hatten einen anderen Wunsch. Ältere Schüler könnten doch jüngere Schüler speziell mit Migrationshintergrund nachmittags betreuen. So etwas haben ihnen gefehlt, als sie kleiner waren.

Schöne Idee.

Sadik: Ja, und die wurde an der Gemeinschaftsschule In den Fliesen verwirklicht. Dort treffen sich einmal in der Woche mehrsprachige ältere Schüler mit kleineren Kindern aus der Vogelsangschule und geben ihnen in deren verschiedenen Muttersprachen Nachhilfe. Auch Neuankömmlingen an der Fliesenschule. Ich denke da an zwei Jungs aus Syrien, die am Anfang nur Arabisch sprachen. Einer hat so schnell Deutsch gelernt, dass er jetzt aufs Gymnasium gehen kann. Alles das geschieht in einem Raum. Das ist ein Beispiel für Mehrsprachigkeit als Chance, in diesem Falle zur Chancengerechtigkeit für jedes Kind.

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