Wie das Café Central zu seinem Namen kam

Saarlouis · Aus weiter Ferne meldete sich kürzlich eine ältere Dame, Margot Pagé, aus Candiac in der Provinz Quebec in Kanada. Jemand hatte ihr eine Seite aus der Saarbrücker Zeitung zugeschickt, auf der Manfred Kaese aus seiner Erinnerung als Bauleiter des Theaters am Ring in Saarlouis Mitte der 50er berichtete. Bauherr war damals der Saarlouiser Kinobetreiber Ernst Gill. Dessen Frau war Patentante von Margot Pagé. Die war die jüngste Tochter des Ehepaars Pfeiffer, die das Café Central in Saarlouis führte. Es war seinerzeit eine Institution in der Stadt. Auch Bauleiter Kaese hatte hier seine Frau kennen gelernt. Gründe genug für Margot Pagé, über ihr Leben zu erzählen. Eine Geschichte für ältere Ur-Saarlouiser. Margot Pagé ist heute aktiv für das kanadische Bildungsministerium als Beauftragte für Schulen in Candiac.

Meine silberhaarige Oma Pfeiffer und mein preußischer Opa legten großen Wert auf gutes Benehmen und die Feinheiten des Lebens. Sie hatten in Eppelborn ein Möbelhaus und kauften später das Eckhaus in der Schlächterstraße in Saarlouis. Als meine Eltern heirateten, eröffneten sie dort ungefähr 1933 Pfeiffers Weinstuben. Da mein Papi (1902 bis 1979) eingezogen wurde, blieb ihr Geschäft während des Krieges geschlossen.

Kaum war der Krieg zu Ende, kehrten Oma, Mutti (geboren 1909) und meine Schwester zurück aus Eppelborn, wo meine Großeltern immer noch ein Haus hatten. Meine Mutter, fleißig, wie sie war, räumte auf, lief zum provisorischen Stadtamt, und es wurde ihr erlaubt, das Kaffee wieder zu eröffnen, als erstes in der Stadt.

Aber sie hat es umgetauft auf Café Central. Mein Papi war, als sein jüngster Bruder Alfons in Wien an der Staatsoper debütierte, zu ihm gereist und so auch das berühmte Café Central, das damals einer der wichtigsten Treffpunkte geistigen Lebens in Wien war, besucht. Er schwärmte davon, und so kam es, dass Mutti das Kaffee eben Café Central nannte.

Anfangs verkaufte sie nur Kakao aus heißem Wasser mit Dosenmilch und Kakaopuder sowie Kaffee aus geröstetem Weizen. Die Saarlouiser waren arg froh zu kommen, und als Papi aus der Gefangenschaft zurückkam, organisierte er ein Fass Wein, das in unserer Garage lag. Das war fantastisch, und viele kamen und brachten sogar leere Blechmilchflaschen und sagten: "Jupp, gib mir einen Liter, zum mit heimbringen." Es gab ja nix nirgendwo.

Das war der Nachkriegsbeginn des Cafés Central. Es wurde bald innen umgebaut, mit dem außergewöhnlichen Geschmack meiner Mutti wurde es schick und gemütlich. Der große Kaffeeraum war mit farbiger Seidentapete ausgestattet. Ein großes Büffet, hohe Hocker, wo die älteren Kunden gerne saßen und oft zwei Reihen tief nebeneinander standen, um zu plaudern und einen guten Tropfen zu trinken.

Das Billardzimmer war beliebt und sorgte für Spannung. Was lustig ist: Als die Saar Hochwasser hatte, spielte gerade mein Onkel Gustel mit Freunden und sie sagten, wir hören nicht auf, bis das Wasser im Kullang, das ist der Saarlouiser Ausdruck für Straßenrinne, läuft. Aber das Wasser kam so schnell und stand auf dem Trottoir, dass alle schnell heimfuhren. Dann hatten wir einen Tanzraum mit einem Flügel, wo die Kapellen spielten. Swing, Walzer, Tango, Boogie-Woogie. Samstags und sonntags war das Haus so voll, dass es keinen Platz für alle gab.

Einmal, so für zwei Jahre, glaube ich, hatten wir eine Zigeunerkapelle. Eine kleine Truppe campierte hinter der neuen Kaserne, und Papi erhielt eine Aufenthaltsgenehmigung für sie. Zuerst spielten vier Mann, sie waren einzigartig begabte Musiker, dann waren es sechs. Wenn der Stammesälteste die Geige singen ließ, steckten die Kunden Papier-Franken in den Fiddlerstock vor Begeisterung. Auch hatte Mutti für sie hellblaue Blusen mit dicken Schleifen nähen lassen und fütterte sie mit Gulasch. Ja, es war toll.

Papis ganzer Stolz war eine riesengroße Kaffee-Filtermaschine, die unter Zischen den besten Mokka braute. Hans Pieper senior kam gerne morgens früh eine Tasse guten Kaffee trinken und seine Saarbrücker Zeitung lesen.

Die Kunden im Café Central waren alle liebe und feine Menschen, sie wurden von meinen Eltern hoch geschätzt. Jeder hat jeden gekannt. Es war wie ein großer Freundeskreis, die Stimmung war immer herzlich. Die Gäste kamen nicht nur von der nahen Umgebung, auch von Metz, Luxemburg, Völklingen und Trier. Aus Luxemburg kamen viele Geschäftsleute, der französische Stadtkommandant von Saarlouis mit Adjutant waren Gäste.

Nun darf ich das Mokkastübchen nicht vergessen. Es war mit dunkelroter Samttapete, Teppichen an der Wand, einem großen Buntglasfenster, kleinen Tischen mit dicken Sesseln und einer großen Bar ausgestattet. Dort regierte meine schöne Schwester Luzie. Ja, ich kann das sagen, sie war eines der hübschesten Mädchen in Saarlouis und war sehr von den jungen Männern der Stadt verehrt. Sie war die erste damals, die mit achtzehn ihren Führerschein machte und ihr eigenes Auto fuhr. Es war ein kleiner Opel Kadett Cabrio. Wir fuhren damit gerne an die Niedmühle zum Schwimmen.

Dann hatte mein Papi einen großen Weinkeller, auch die besten Cognacs, Schnäpse und Champagner, der bei Verlobungen bestellt wurde. Aber was die guten alten Kunden am liebsten hatten: Wenn meine Mutti so ein paar kleine Tellerchen aus ihrer Küche oben (nicht aus der Kaffee-Küche) runter brachte, feinste, hauchdünne Kartoffelküchelchen oder Pastetchen, lecker, nur so zum Kosten.

Es ist mehr als das Café Central, es ist die Geschichte , der Pfeiffer-Familie, die es prägte.

Mein Papi hatte viele Freunde, aber sein bester war Werner Theobald. Werner Theobald, der seine Frau Inge, die der Schauspielerin Hildegard Knef markant glich, im Café Central kennen gelernt hatte, als sie mit ihren Eltern kam und mein Papi ihnen Werner vorgestellt hatte.

Ich selbst habe auch meinen Mann Jerry im Café kennen gelernt. Meine Oma, die gerne ihre Wohnzimmertüre im zweiten Stock offen hielt, damit sie nichts verpasste und hörte, was unten in den zwei Geschäften, Papis Bruder Gustel hatte neben unserem Café ein Edeka-Lebensmittelgeschäft (er war Mitbegründer der Edeka), vor sich ging, sagte eines Tages: "Margot, bring mir bitte den jungen Mann rauf, der so herzlich lachen kann." Nun ja, das war Jerry aus Kanada, ein Luftwaffen-Soldat auf Saargebiets-Tour, und zwei Jahre später haben wir geheiratet. Wir waren ewig ineinander verliebt, bis er vor fünfeinhalb Jahren starb.

Ich ging früh ins Internat ein Jahr nach dem Krieg, in Sarrebourg, L'Internat Sainte Marie. Nach drei Jahren ging ich nach Saarbrücken ins Lycée Maréchal Ney und war nur in den Ferien daheim. Im Sommer spielte ich gerne Tennis im Blau-Weiß, im Stadtgarten. Unser Clubpräsident war Dr. Wallraf, er sagte uns jungen Leuten immer, wir dürfen gesehen werden, aber nicht gehört.

Jerry und ich zogen 1957 nach Kanada, bauten einen Bungalow in Ottawa, wo Jerrys Familie lebte und ich bekam unser erstes Kind, Anne, in 1958. Als wir dann nach zehn Jahren nach Quebec gezogen waren und dort wieder ein Haus bauen ließen, in einer kleinen verschlafenen Stadt Candiac im Südwesten der kanadischen Provinz Quebec, folgten meine Eltern und bauten ein kleines Haus, 15 Minuten von uns entfernt, am Waldrand von St. Bruno. Papi starb dort im Alter von 91 Jahren, Mutti schon 15 Jahre eher in Deutschland. Beide sind im Familiengrab der Pfeiffer auf dem Saarlouiser Friedhof beerdigt.

Nun zu Ernst Gill. Ich bin Patenkind von Tante Mädy, ihr richtiger Name war Regina Gill. Ja, Tante Mädy war auch die beste Freundin meiner Mama, sie waren beide sehr kultiviert, interessant und äußerst liebenswert. Tante Mädy war meine Lieblingstante. Ihr Mann Ernst Gill war in der Nacht, als Saarlouis bombardiert wurde und das Kapitol-Kino neben unserem Haus bis auf den Boden brannte, da, um meine Oma, Mutti, Luzie und mich aus dem Keller zu holen. Er trug mich auf seinen Schultern und legte seinen Militärmantel über mich, damit ich nicht von den Funken verbrannt wurde. Es war eine wahre Feuersbrunst. Unser Haus war nicht abgebrannt, aber am nächsten Tag fand mein Opa eine unexplodierte Bombe, die durch das Schieferdach gekracht war, auf dem Speicherboden liegen. Onkel Gustel, der nicht Soldat war, hob sie mit bloßen Händen auf, um sie draußen auf die Ruinen zu schmeißen.

Ja, und nach dem Krieg, als Tante Mädys Villa am Glacis beschlagnahmt war, ließen Papi und Onkel Gustel auf dem Dachgeschoss von unserem Haus eine Wohnung ausbauen, damit Tante Mädy mit ihren drei Kindern ein Heim hatte. Ihr Mann war damals in Mettlach in einem Gefangenenlager. (…) Ich sehe sie noch auf den Trümmern sitzen, Backsteine säubern und sortieren.

Papi ging nachts um zwei Uhr durch das Café und sagte den Gästen: "Feierabend, es gebt nix meh". Zur Faschingszeit rief der Narrenprinz den lustigen Narren im Saalbau (Anm.: abgerissen, heute C&A) zu: "Wie ruft der Jupp?" Und alle schrien zurück: "Feierabend, es gebt nix meh" - und dann war Schluss des Abends.