Vernissage der Fotoausstellung Modell-Naturen in der Ludwig Galerie Saarlouis

Vernissage : Die Lust am Schein

„Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie“: Neue Ausstellung in der Ludwig Galerie in Saarlouis ist eröffnet.

„Denn alles muss wie in Wirklichkeit sein, auch wenn diese Wirklichkeit reinste Erfindung ist“, heißt es in der Einführung des Katalogs zur Ausstellung „Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie“, die am Sonntagmorgen in der Ludwig Galerie eröffnet wurde. Es geht um die Grenzen zwischen Realität und Fiktion – und die Grenze selbst. Der Betrachter der großformatigen Fotografien fragt sich zunächst: Ist alles Täuschung, oder ist doch alles echt?

Christiane Stahl von der Alfred-Ehrhardt-Stiftung Berlin verdeutlicht anhand des Katalogtextes von Christine Jádis beispielhaft die Vorgehensweise des amerikanischen Künstlers James Casebere, der 2014 das berühmte Ölgemälde „Eismeer“ von Caspar David Friedrichs nachempfunden hat. Scharfkantig ragen aufgebrochene Eismassen aus arktischer Landschaft und türmen sich übereinander. Kaum zu erkennen sind Reste einer Vegetation. Ein düsterer Himmel über der Öde unterstreicht die dramatische Szenerie, die lediglich durch Lichtmomente aufgehellt wird. Vergeblich die Suche nach dem versinkenden Schiff in Friedrichs Bild.

Die Fotografie zeigt ein von Casebere in penibler Handarbeit angefertigtes Modell, das dem Original zum Verwechseln ähnlich sieht. „Ein extrem aufwändiges Unterfangen, wenn man weiß, dass sich Caseberes Modell über drei Quadratmeter erstreckt, und dass er eine Aufnahmetechnik verwandte, bei der rund 60 Einzelaufnahmen zusammengesetzt wurden, um das künstliche Eismeer in aller Detailschärfe abbilden zu können“, erläutert Stahl in ihrer Laudatio.

Auch die anderen 18 Künstler der Ausstellung haben die Vorlagen für ihre Bilder von Hand hergestellt und zumeist auf eine digitale Nachbearbeitung verzichtet. Sie arbeiten im „medialen Schwellenbereich“ zwischen Skulptur, Modellbau und Fotografie, wobei nur die Fotografien von Bedeutung sind, da die gebauten Modelle im Anschluss oft zerstört werden. Sie stellen die Wirklichkeit infrage, indem sie auf Illusionen abzielen oder das künstlich Gemachte herausstellen. Damit werden nicht nur die Grenzen geläufiger Kunstgattungen überschritten, sondern auch jene zwischen Mikro- und Makrokosmos, zwischen Anschauung und Abstraktion. Analyse oder Synthese sind nicht mehr möglich. Gewollt ist die Irritation, die das aktive Sehen erfordert.

Meister der Illusion sind auch die Künstler David LaChapelle, Kim Keever Didier Massard, Suzanne Moxhay und Hans Op de Beeck. Ihre Arbeiten zeichnen sich ebenfalls durch ihren Modellcharakter aus, stellen jedoch noch stärker das Konstruierte und Surreale in ihren Landschaften heraus.

Eine andere Werkgruppe befasst sich mit urbanen Mythen und Klischeevorstellungen des städtischen Raums. Thomas Wredes Serie „Real Landscapes“ zeigt entlegene, oft surreal wirkende Orte in weiter Landschaft vor Sonnenuntergängen oder dunstigem Himmel oder auch überflutete und zerstörte Landstriche. „Mit simplen Mitteln“ erzeugt er neue Bildwelten, die ausschließlich durch die Fotografie, in der Fotografie und als Fotografie existieren“, sagt der Künstler selbst. Ähnlich wie Julian Charrière wählt er einen mal kleineren, mal größeren Ausschnitt einer Landschaft, in den er Modellhäuser, Miniaturfahrzeuge oder kleine Spielzeugbäume platziert. Orientierungslosigkeit und Verunsicherung gewohnter Sehweisen machen sich ebenso wie die Endzeitstimmung mit humoristischem Unterton in den Fotografien von Lori Nix breit.

Ironie und Tragik spiegeln sich in der Kategorie „Konstruierte und historische Landschaften. Während das Schweizer Künstlerduo Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger Ikonen der Fotografie mit Hilfe von Nachbauten verfremden, jedoch das Making-of mit abbilden, beruft sich die Israelin Shirley Wegner auf das eigene Bildgedächtnis, baut raumfüllende Bricolagen von Landstrichen aus Alltagsmaterialien, kombiniert sie mit Zeichnungen und Malerei, um sie anschließend mit der Kamera festzuhalten. In ihrem beeindruckenden Bild „Night Explosion“ verwandelt sie orangefarbenes Papier in Flammen und bemalte Wattebäusche in Rauchwolken, die sich bedrohlich über die nächtliche Kulisse einer Stadt ausbreiten. „Das Modell erzeugt seine eigene Wahrheit“, zitierte Stahl den amerikanischen Architekturkritiker Arthur Drexler.