Umfrage: Kinder ohne Deutsch-Kenntnisse erst später einschulen?

Umfrage : „Kinder lernen doch total schnell“

Kinder mit wenig Deutschkenntnissen erstmal nicht einschulen? Die meisten Befragten halten nichts von diesem neuen Vorschlag aus der Bundespolitik.

Der Vorschlag des CDU-Politikers Carsten Linnemann, Kinder ohne ausreichende Deutsch-Kenntnisse erst später einzuschulen, stößt bei den Menschen im Kreis Saarlouis eher auf Ablehnung. Bei einer nicht-repräsentativen Umfrage in der Saarlouiser Innenstadt sprach sich eine deutliche Mehrheit der Befragten dagegen aus.

„Ich finde es gut, wenn die Kinder trotzdem in die Schule gehen“, meint Sabine Engelhardt-Cavelius aus Altforweiler. Bei ihrem zehnjährigen Sohn Lukas habe sie positive Erfahrungen gemacht. „Ich habe mit denen sogar Freundschaften geschlossen, die haben super gelernt“, pflichtet ihr Lukas bei. Die Mutter räumt zwar ein, dass dies „eine Herausforderung für das Lehrpersonal“ sei. Daher sei es wichtig, dass zusätzliche Lernpaten die Schüler betreuen.

„Ich halte überhaupt nichts von der Meinung des Herrn Linnemann“, sagt auch Yvonne Ziegler. Die Frau aus Bremen, die gerade mit ihrer Familie zum Verwandten-Besuch im Saarland weilt, ist selbst Deutsch-Lehrerin. Diese Herausforderung bestehe doch schon lange, aber „die Kinder lernen doch total schnell“, berichtet sie aus ihrer Erfahrung. Die Politik müsse die Schulen nur besser vorbereiten auf diese Aufgabe. Mehr Sprachförderung, schon in den Kita und kleinere Klassengrößen durch mehr Personal, lauten ihre Forderungen.

„Der Schulbesuch ist doch ein Grundrecht“, betont Vinzent Lorson (Saarlouis), „für jeden, ob neu zugezogen oder nicht, ob mit oder ohne Sprachkenntnisse.“ Man sollte die Kinder „nicht der Chance berauben, die Deutsch-Kenntnisse im Umgang mit den Mitschülern zu erlernen.“ Der Regelunterricht im Klassenverbund erhöhe zudem die Chance zur besseren Integration, soziale Kontakte würden so eher gefördert.

„Ich finde schon, dass unabhängig von den Sprachkenntnissen alle eingeschult werden“, sagt auch Clementina Gattone aus Saarlouis. Die Italienerin ist in Deutschland geboren und hat im Kindergarten die deutsche Sprache gelernt. Sie sieht daher „keine Probleme, man soll nicht alles verkomplizieren.“ Die Kinder würden die Sprache in der Schule schnell lernen, ist sie überzeugt. Zudem betreffe es nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund, sondern oft auch deutsche Kinder.

Die Problematik sei bei ausländischen wie deutschen Schülern vorhanden, meint auch Joana Meier aus Saarlouis. Die Deutsch-Polin betont: „Meine Kinder wachsen zweisprachig auf.“ In vielen Fällen sei aber eine vorgeschaltete Sprachschule schon wichtig, das ermögliche einen besseren Start in der Schule. Joachim Schmitt aus Schaffhausen ist „ganz klar der Meinung, dass Kinder erst richtig Deutsch lernen müssen.“ Seine Tochter arbeite als Sozialpädagogin an einer Brebacher Schule mit hohem Ausländeranteil. „Daher weiß ich, wie schwierig das ist.“ Er sieht vor allem Probleme für die anderen Kinder, den Stoff zu lernen, das gehe dann viel langsamer. „Unseren Kindern tut das nicht gut“, meint er abschließend.

Ähnlich kritisch sieht es Klaus Haager aus Saarlouis. „Die Kinder sollten erst Deutsch sprechen können, bevor sie in die Schule gehen“, sagt der gebürtige Berliner. Dort habe er früher viele Schul-Experimente erlebt, „die sind alle in die Hose gegangen“. Die Lehrer würden doch „mit dem regulären Stoff nicht hinkommen.“ Der verspätete Schuleintritt dagegen spiele bei den langen Schul- und Studienzeiten heutzutage keine Rolle.

Vinzent Lorson: Schulbesuch ein Grundrecht. Foto: Künkeler
Clementina Gattone: Kinder lernen schnell. Foto: Künkeler
Joachim Schmitt: Erst richtig Deutsch lernen . Foto: Künkeler
Klaus Haager: Erstmal Deutsch sprechen. Foto: Künkeler
Yvonne und Andreas Ziegler: Kinder lernen schnell . Foto: Axel Künkeler

„Bei uns in Luxemburg ist das überhaupt kein Thema“, betonen Sylvie und Nicolas Simon. Die Beiden kommen „immer wieder gerne nach Saarlouis, lieber als nach Trier.“ In Luxemburg lebten Menschen aus so vielen Nationen, da würden die Kinder die Sprache im Umgang mit anderen lernen, erzählen sie von den positiven Erfahrungen im Nachbarland. „Das geht so schnell.“

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