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Über die Startbahn in ein neues Leben

Saarlouis. Die Startbahn 25 ist im Saarland einzigartig. Junge Arbeitslose erhalten in der Saarlouiser Einrichtung Unterstützung bei der Jobsuche. Ein Besuch. Sarah Konrad

David Baus hat den Abgrund nicht kommen sehen. Er war plötzlich da. Unerwartet. Ohne Vorwarnung. Dabei hatte der 23-Jährige einen Plan. "Ich wollte Chemiker werden", erzählt er. Doch nach zwei Semestern an der Universität wird der junge Mann schwer krank. Ärzte stellen fest, dass er allergisch auf verschiedene Stoffe reagiert. Baus muss sein Studium abbrechen. Er steht vor dem Nichts. "Ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Auf einmal war ich arbeitslos." Er lächelt nervös. Die Haare hat Baus zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, die Ärmel seines blauen Hemdes leicht nach oben gekrempelt. Die Orientierungslosigkeit sei das Schlimmste gewesen, sagt er. Hoffnung schöpft Baus erst wieder, als er bei der Startbahn 25 landet.



Die Mitarbeiter der Einrichtung in der Ludwig-Karl-Balzer-Allee helfen Arbeitslosen bis einschließlich dem 24. Lebensjahr. Dort finden sie alles unter einem Dach: Fallmanager des Jobcenters, einen persönlichen Coach, Lehrer und Vermittler. Regelmäßig kommen Psychologen vorbei, Suchtberater sowie Vertreter des Jugendamtes. Ihr Ziel ist es, die Jugendlichen wieder ins Arbeitsleben zu bekommen. Neben Beratung bietet die Startbahn auch praktischen Unterricht in mehreren Fachrichtungen. Zunächst müssen jedoch alle Teilnehmer zwei Wochen lang den sogenannten Eingangsbereich durchlaufen.

Auch David Baus. Er sitzt mit 14 Jugendlichen an einem Tisch. Lineale, Zirkel, Farben stehen bereit. "Heute werdet ihr einen Farbkreis anfertigen", kündigt Anleiterin Mechthild Meiers an. Sie zeigt, wie die Konstruktion funktioniert und wie aus den Grundfarben weitere entstehen können. "Ich schaue mir genau an, wie die Jugendlichen diese Aufgabe lösen", erklärt Meiers. "Daran erkenne ich, ob sie exakt arbeiten und sich über längere Zeit konzentrieren können." Für Baus ist das kein Problem. Er zeichnet, mischt und hilft immer wieder anderen Kursmitgliedern. Heute ist sein letzter Tag im Eingangsbereich. Er hat schon einige dieser Übungen absolviert. Außerdem musste er Intelligenz-, Persönlichkeits-, Berufs- und Handwerkstests schreiben. Dabei stellte sich heraus: Baus kennt sich gut mit Musik und Technik aus. "Mein Coach hat mir eine Ausbildung zum Tontechniker empfohlen", erzählt er. "Auf die Idee wäre ich nie gekommen." Er ist zuversichtlich, noch weitere Interessen zu entdecken. Vor allem, wenn er morgen in die praktische Phase wechselt.

Diesen Schritt hat Janine Winter schon gemeistert. Sie war gerade im Deutsch-Unterricht und hetzt über den Flur in Richtung Küche. Es ist 11.30 Uhr. In einer guten halben Stunde muss das Essen fertig sein. Die 24-Jährige legt ihr Buch zur Seite und die Arbeitskleidung an. Ihre Kollegen sind schon dabei zu kochen. Heute gibt's Spinat-Creme-Suppe, Pasta mit drei verschiedenen Soßen, Salat und zum Dessert Erdbeerquark. Winter schnappt sich den Pürierstab, hält ihn in den riesigen Suppentopf. Anleiterin Susanne Schmidt eilt mit einem Messbecher Wasser herbei. "Achtung, dass es nicht spritzt", warnt sie und bittet einen Jungen, Sahne aus der Vorratskammer zu besorgen. Elf Jugendliche tummeln sich in der Küche. Sie schnibbeln Salat, kämpfen mit der Frischhaltefolie, wischen über die Ablagen und suchen ein Kuchengitter. Winter gefällt dieses Treiben. Obwohl kochen nie ihr Ding war. "Daheim kümmert sich mein Freund ums Essen." Erst als sie in den Hauswirtschafts-Bereich der Startbahn wechselte, stellte sie fest, wie viel Spaß ihr die Arbeit in der Küche macht.

In dieser Fachrichtung bereiten die Jugendlichen allerdings nicht nur Speisen für Teilnehmer und Mitarbeiter der Einrichtung zu. Sie bestellen Waren, lernen die Grundlagen der Gästebewirtung und organisieren Caterings für externe Veranstaltungen. Darüber hinaus erhalten sie einen Einblick in die Reinigung von Textilien und Räumen. "Die Jugendlichen lernen, Arbeitsabläufe zu planen und zu optimieren", erklärt Sarah Schmitt, Coach im Bereich Hauswirtschaft. Sie ist eine wichtige Ansprechpartnerin für die Teilnehmer, erstellt deren Wochenpläne, hilft ihnen bei Problemen Zuhause. Janine Winter hat sie vor etwa zwei Monaten kennengelernt. Die junge Mutter hat vor der Geburt ihres Sohnes den Hauptschulabschluss gemacht und das Berufsbildungszentrum besucht. Das anschließende Freiwillige Soziale Jahr hat sie jedoch abgebrochen. Die meisten Jugendlichen hier seien schon einmal im Leben gescheitert. "Grund dafür ist oft, dass sie falsche Vorstellungen haben. Sie merken erst in der Ausbildung, dass ihnen der Beruf keinen Spaß macht", sagt Schmitt. Dem wolle die Startbahn vorbeugen.



Auf etwas mehr als 2000 Quadratmetern können sich die Jugendlichen daher ausprobieren. In dem lang gestreckten Gebäude befinden sich neben Küche und Bistro auch Holz-, Metall- und Malerwerkstätte. Es gibt einen Kreativ- und einen Lernbereich, ein Bewerbungscenter sowie eine kaufmännische Abteilung. Etwa 230 Teilnehmer durchlaufen die Startbahn zurzeit. Sie ist wie ein eigener Organismus aufgebaut. Den gilt es, am Leben zu halten. Wer in den Werkstätten eingeteilt ist, kümmert sich um die Inneneinrichtung und die Reparaturen. Die Jugendlichen in der kaufmännischen Abteilung sind etwa für die Logistik verantwortlich.

Verantwortung zu übernehmen, hat auch Maria Miller in den vergangenen Monaten gelernt. Sie klopft aufgeregt an die Tür ihres Vermittlers Volker Uhl. In der Hand hält sie einen beigefarbenen Umschlag. Als die 24-Jährige den Raum betritt, strahlt sie. Uhl weiß schon, was sich in dem Couvert verbirgt. "Herzlichen Glückwunsch", sagt er und schüttelt Miller die Hand. Sie hat es geschafft - nach 150 Bewerbungen. Am 15. August beginnt die junge Frau eine Ausbildung im Groß/Außenhandel. "Sie war von Anfang an motiviert und zielstrebig", lobt der Vermittler. Etwa 60 Prozent der Teilnehmer wechseln am Ende des Projekts in ein festes Arbeitsverhältnis. Die meisten bleiben zwischen zwölf und 16 Wochen. Miller ist im Dezember 2016 in die Startbahn gekommen. Da sie wusste, in welchem Bereich sie arbeiten möchte, hat sie die praktische Phase übersprungen. "Ich bin nur dreimal pro Woche zu Beratungsgesprächen gekommen", erzählt die alleinerziehende Mutter. Sie spricht vier Sprachen, hat das Abitur abgebrochen. "Das war dumm", sagt sie heute. Ihre Betreuer haben Miller dazu gebracht, endlich intensiv Bewerbungen zu schreiben. "Ich bin wahnsinnig erleichtert, dass ich jetzt wieder ein Ziel im Leben habe", beschreibt die 24-Jährige.

Diese Sehnsucht nach einer Perspektive ist es, was die meisten Teilnehmer der Startbahn miteinander verbindet. Obwohl ihre Geschichten ganz unterschiedlich sind, haben David Baus, Janine Winter und Maria Miller doch eines gemeinsam: Die Startbahn hat sie vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt und ihnen eine Brücke in die Zukunft gebaut.

Zum Thema:

Startbahn 25 - das Projekt auf einen Blick Die Startbahn 25 ist eine gemeinsame Einrichtung des Jobcenters, des Landkreises Saarlouis und der beiden Träger Diakonisches Werk an der Saar gGmbH und gemeinnützige GmbH der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB). Finanziert wird das Programm aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds, des saarländischen Wirtschaftsministeriums und des Jobcenters. Die Startbahn 25, eröffnet im Jahr 2013, ist einzigartig im Saarland. Ziel der Einrichtung ist es, junge Menschen trotz Schwierigkeiten ins Arbeitsleben zu integrieren. Jugendliche finden in dem Gebäude in der Ludwig-Karl-Balzer-Allee 13-15 verschiedene Anlaufstellen an einem Ort; dazu zählen auch Fallmanager des Jobcenters, Berater, Trainer und Vermittler. An dem Programm teilnehmen können junge Leute aus dem Landkreis Saarlouis unter 25 Jahren, nachdem sie die Schule abgebrochen oder beendet haben. Die Jungen und Mädchen müssen Leistungsempfänger nach dem zweiten Sozialgesetzbuch (SGB 2) sein. In der Startbahn erhalten sie Unterstützung bei der Stellensuche, Behördengängen sowie Bewerbungen. In unterschiedlichen Fachbereichen bereiten Anleiter sie auf das Berufsleben vor. Weitere Infos gibt es im Internet auf der Webseite der Einrichtung. www.startbahn25.de