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Naturphänomen: Trügerisches Frühlingskleid im Herbst

Naturphänomen : Trügerisches Frühlingskleid im Herbst

Kastanienbäume im Stadtbild, wie in Dillingen und Saarlouis, sind nicht selten von der Miniermotte befallen.

Ein auf den ersten Blick ungewöhnliches Schauspiel fotografierte Leserreporterin Jutta Hassenteufel vor einigen Tagen am Seniorenpalais in der Brückenstraße in Dillingen. Dazu schreibt sie der Redaktion: „Zwischen den herbstlichen Kastanienbäumen trieb ein Baum neue Blütenstände aus. Wenn man bedenkt, dass die Kastanien in der Zeit von April/Mai bis etwa Juni normalerweise blühen, ist das doch wirklich eine schöne Laune der Natur.“ Auch Leser Jürgen Welsch fiel das „Frühlingskleid“ auf – „bemerkenswert“, findet er.

Doch so ungewöhnlich und bemerkenswert ist das Schauspiel nicht. „Dieses Phänomen gibt es seit mehreren Jahrzehnten – in ganz Europa“, sagt Olaf John, Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung aus Mandelbachtal im Saarpfalz-Kreis. Der Baumexperte hat die Bäume in der Brückenstraße für die Stadt Dillingen kontrolliert.

Verantwortlich für das Phänomen ist ein Insekt: die Miniermotte, die auch als Balkan-Miniermotte bezeichnet wird, weil sie erstmals in Mazedonien in den 1980er Jahren entdeckt wurde.

Die Motte schwächt die Bäume. Die Blätter werden braun und fallen schneller ab. Anschließend blühen die Bäume erneut. Sie werden praktisch zu einem zweiten Austrieb gezwungen. „Es kommt zu einer Notfruktuation“, sagt John. „Die Bäume sterben aber nicht ab. Im Frühjahr geht es wieder von vorne los.“ Betroffen sei die weißblühende Rosskastanie, die rotblühende werde nicht befallen. Johns Handlungsempfehlung an die Stadt Dillingen: „Das Laub akribisch vom Boden beseitigen, denn die Puppen der Schmetterlinge überwintern gerne im Laub.“

Dietmar Esser, Gärtnermeister beim Neuen Betriebshof Saarlouis (NBS), hält Laubentfernung ebenfalls für das beste Mittel. Mit dem Miniermotten-Problem beschäftigt er sich schon viele Jahre. „Wichtig ist regelmäßiges und fachgerechtes Entsorgen in einer Kompostieranlage“, sagt er.

Die Wallerfanger Straße in Saarlouis ist besonders betroffen. Dort stehen mehr als 200 Kastanienbäume. Nur: „Auch mit Laubentfernung lässt sich der Schädlingsbefall nur eindämmen, nicht verhindern“, sagt Esser. Das gilt genauso für andere Maßnahmen, beispielsweise für die Pheromon-Falle. Das bedeutet: Weibliche Duftstoffe werden am Baum angebracht, um Männchen anzulocken. „Sie fliegen in die Falle, bleiben dort stecken und sterben“, erklärt Esser.

 Blick auf die welkenden und blühenden Kastanienbäume in der Dillinger Brückenstraße.
Blick auf die welkenden und blühenden Kastanienbäume in der Dillinger Brückenstraße. Foto: Hassenteufel

Doch auch von der Natur bekommen die Bäume Hilfe. Nach Angaben von John entdecken Blaumeise und Kohlmeise die Miniermotte nämlich zunehmend als Nahrungsquelle.