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Selbstverteidigung
Selbstverteidigung gibt ein gutes Gefühl

Sophie am Boden – mit dem linken Bein wird die junge Frau Trainer Michael Paul gleich auf die Seite werfen, während Trainerin Kathrin Herbst die Übung beobachtet.
Sophie am Boden – mit dem linken Bein wird die junge Frau Trainer Michael Paul gleich auf die Seite werfen, während Trainerin Kathrin Herbst die Übung beobachtet. FOTO: Carolin Merkel / Merkel Carolin
Saarlouis. Frauen lernen in Saarlouis, wie sie sich mit einfachen Mitteln gegen potenzielle Angreifer effektiv zur Wehr setzen können.

„Sie möchten gerne etwas über unsere Selbstverteidigungskurse erfahren? Dann kommen sie doch einfach am Freitag im Training vorbei“, antwortete Kathrin Herbst am Telefon ganz spontan auf die Frage, ob sie Zeit für ein Interview und vor allem auch ein bisschen Praxis mit mir hätte. Voller Erwartung, aber auch mit vielen Fragen starte ich den Selbstversuch „Selbstverteidigung“ am Freitagabend. Mit im Gepäck habe ich meine Kamera, einen dicken Schreibblock und meine 16 Jahre alte Tochter Sophie. Sie soll mir als Fotomodell helfen, die wichtigsten Dinge im Bild festzuhalten. Am Zielort, dem Fitnessstudio „Sports and More“ in Saarlouis angekommen, steigt bei uns beiden schon ein bisschen die Nervosität. Was wird uns erwarten? Kampfsport, Körpereinsatz? Doch die Unsicherheit verfliegt schon nach wenigen Minuten im Gespräch mit Kathrin Herbst. Im Hintergrund trainieren auf den Matten bereits etliche Mitglieder, bereiten sich auf die nächsten Prüfungen im Ju-Jutsu vor. Mit dabei als Trainer ist Michael Paul, er soll später Sophie als Trainingspartner mit Gefahrensituationen konfrontieren.


„Natürlich ist Kampfsport gut für die Selbstbehauptung. Man tritt mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein auf“, erzählt Kathrin Herbst. Doch auch wer keinen Kampfsport ausübt, beruhigt sie, kann mit einigen einfachen Tipps sicher aus gefährlichen Situationen kommen.

Doch bevor es soweit ist und wir Bewegungen und Griffe gezeigt bekommen, erklärt Herbst, möchte sie erst einmal am Selbstbewusstsein und an der Willensstärke arbeiten. Fünf Module, erklärt sie, mit jeweils drei Zeitstunden, erwarten die Kurs-Absolventinnen insgesamt. „Dazwischen können auch mal zwei Wochen Pause liegen. Vieles, was wir hier erarbeiten, muss bei den Mädchen und Frauen erst einmal sacken“.

Im ersten Modul, das wird schnell deutlich, werden die einfachsten Dinge wie ein klares Nein und ein selbstbewusster Blick erwartet. Hört sich einfach an, denke ich, doch das Gegenteil ist der Fall. „Das erleben wir sehr oft. Frauen können oft gar nicht so bestimmt Nein sagen, wie sie denken. Dazu stehen sie meist sehr unsicher, und auch der Blick sagt eigentlich etwas anderes“. Doch, beruhigt sie, das sei absolut normal, gehe den meisten Teilnehmerinnen ebenso. „Von uns Frauen wird immer erwartet, dass wir nett und freundlich sind. Sonst heißt es schnell, wir wären Zicken“, weiß sie aus Erfahrung. Den Blick nicht senken, sein Gegenüber anschauen, die Armlänge Abstand einfordern, so verlaufen die Übungen des ersten Moduls. Sophie schlägt sich tapfer. Grenzen setzen ist Thema, aber auch festlegen, was Gewalt individuell für den Einzelnen bedeutet. „Es kann auch ratsam sein, bei einem unguten Gefühl die Straßenseite zu wechseln. Letztlich weiß man nie, wie der andere drauf ist, ob er vielleicht ein Messer dabei hat“, gibt Kathrin Herbst zu bedenken.

Hier setzt das zweite Modul an, in dem Kontaktangriffe besprochen werden. Vor allem Maßnahmen, schnell und sicher aus einer Situation zu kommen, sollen geübt werden. Nach ein paar Versuchen schafft es meine Tochter, sich aus dem Griff ums Handgelenk zu befreien – ein erstes Erfolgserlebnis. „Wir zeigen Techniken, die Frauen auch tatsächlich anwenden würden“, sagt die Fachfrau.



Dann darf Sophie ausprobieren. Eine schallende Ohrfeige oder lieber der Tritt gegen das Schienbein – für beides gibt es Lob. „Jüngere Frauen haben hier weniger Schwierigkeiten, die älteren dagegen tun sich meist wirklich schwer, etwa gegen den Kopf zu schlagen“, erzählt Herbst. Gerade deshalb, betont sie, sei es wichtig, diese Übungen sehr oft zu wiederholen. Im dritten Modul schließlich geht es heftiger zur Sache, Schlag- und Trittangriffe sollen abgewehrt werden. „Wir versuchen in den Einheiten auch immer, die Teilnehmerinnen unter Stress zu setzen. Dazu dienen auch sehr viele schnelle Bewegungen, bis der Puls rast“, erklärt Herbst. Im vierten Modul dürfen die Damen in ihrer Handtasche kramen, wir sind „unbewaffnet“. Doch, so erfahren wir, „ziemlich alles eignet sich, um einen Angreifer zu verletzten“, sagt die Trainerin. Allerdings warnt sie davor, Handy oder Schlüssel zu benutzen. „Beides braucht man dringend, um sich in Sicherheit zu bringen“.

Sophie darf erst eine Haarklammer, dann eine Kunststoffflasche ausprobieren. Die Übung zeigt, dass der Täter, in diesem Fall Michael Paul, überrascht von ihr ablässt, wenn sie sich konzentriert wehrt. „Es ist ganz wichtig, sich zu wehren. Nichts machen ist keine Option. Und die meisten Täter erwarten keine Gegenwehr“, erklärt Kathrin Herbst. Und auch das, betonen beide Trainer, kann durch regelmäßiges Üben automatisiert werden.

Im letzten Modul geht es schließlich darum, sich selbst am Boden liegend zu wehren und zu befreien. Meine Tochter braucht erst mal einen Moment Bedenkzeit, doch dann will sie es wissen. Ein beherzter Tritt in die Rippen, mit dem anderen Bein stößt sie Michael Paul weg und strahlt. „Das hat mir richtig Spaß gemacht, das machen wir nochmal“, erklärt sie. Nach dem Crashkurs raucht uns beiden der Kopf – natürlich kann der Abend nicht die 15 Stunden in den fünf Modulen ersetzen. Doch die beiden haben einen beeindruckenden Einblick gegeben – vielleicht kommen wir zum nächsten Kurs als Teilnehmerinnen. Auf jeden Fall, das können wir beide bestätigen, sollte jede Frau sich theoretisch, vor allem aber auch praktisch mit dem Thema intensiv auseinandersetzen. Allein schon das Wissen, aber auch die Übung gibt viel mehr Sicherheit. Der nächste Kurs „Selbstverteidigung“ beginnt mit dem ersten Modul im Mai, nähere Informationen dazu auf der Homepage oder bei Kathrin Herbst.

Kontakt: Kathrin Herbst, Fight Uni-
versity – Kampfsport und mehr e. V., Otto-Hahn-Straße 17, 66802 Überherrn, Telefon (0176) 24 00 41 49, E-Mail: info@jujutsusaar.de.

(cim)