1. Saarland
  2. Saarlouis
  3. Saarlouis

Interview mit Eugen Ruge: Schweigen war für ihn keine Option

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit Eugen Ruge : Schweigen war für ihn keine Option

Der Schriftsteller, der für „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ den Deutschen Buchpreis gewann, spricht über die Arbeit an seinem aktuellen Roman „Metropol“ und darüber, warum er sich dem Willen seiner Großmutter widersetzte.

Nach Moskau im Jahr 1936 versetzt Eugen Ruge seine Leser in seinem aktuellen Roman „Metropol“. Es geht um die deutsche Kommunistin Charlotte, die der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerade noch entkommen ist. Im Spätsommer bricht sie mit ihrem Mann und der jungen Britin Jill auf zu einer mehrwöchigen Reise durch die neue Heimat Sowjetunion. Sie sind Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern. Unter den Volksfeinden, denen in Moskau der Prozess gemacht wird, ist auch jemand, den Charlotte besser kennt, als ihr lieb ist. Im Mittelpunkt steht dabei das Hotel Metropol, in dem Charlotte und Wilhelm insgesamt 477 Tage und Nächte verbringen, in der Angst, durch diese Bekanntschaft in die von Stalin inszenierte „Große Säuberung“ des kommunistischen Parteiapparats zu geraten. Über die Arbeit an dem Buch und das Zusammenspiel von Realität und Erfindung sprach Ruge im Interview mit der SZ.

Herr Ruge, bereits in Ihrem ersten autobiografischen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wurde unter anderem die Vergangenheit Ihrer Großeltern thematisiert. Auch in die Kaderakte über die Arbeit Ihrer Großmutter Charlotte beim Nachrichtendienst OMS der Kommunistischen Internationale hatten Sie damals bereits Einblick. Warum haben Sie diesen Teil der Vergangenheit Ihrer Großeltern in Ihrem Debütroman ausgelassen?

RUGE Ich wollte die Geschichte meiner Großmutter ursprünglich in die „Zeiten“ mit einbauen, aber ich habe dafür keine Form gefunden. Ich fand es richtig, den zeitlichen Rahmen so abzustecken, dass am Anfang die Rückkehr der Familienangehörigen aus entgegengesetzten Teilen der Welt steht: aus Mexiko und aus Moskau. Damit habe ich sofort die Welt in der Geschichte der DDR, die ja sonst oft noch aus der Binnenperspektive erzählt wird. Wenn es so anfängt, dann ist die Moskau-Geschichte meiner Großmutter nur als Rückblende zu erzählen. Als Rückblende ist sie aber zu groß, es wäre eine Blase im Ganzen gewesen, oder sagen wir ruhig: ein Geschwür. Sie merken, das ist eine schwierige Sache. Es hat einfach mit der Form und dem Rahmen zu tun, den jedes Buch braucht.

In Ihrem Roman „Metropol“ setzen Sie sich mit den Verhältnissen zur Zeit des stalinistischen Terrors am Beispiel Ihrer Großmutter Charlotte und ihres zweiten Manns Wilhelm auseinander, die beide für den Nachrichtendienst der Komintern arbeiteten. Im Gegensatz zu Ihrem Debütroman, in dem Wilhelm eher im Fokus stand, steht in „Metropol“ Ihre Großmutter Charlotte im Vordergrund. Warum ist das so?

RUGE Ich finde nicht, dass Wilhelm im Fokus stand, dieser Eindruck ist möglicherweise durch den Film entstanden, der sich auf Wilhelms Geburtstag konzentriert. Wilhelm ist in den „Zeiten“ eher so etwas wie eine wichtige Nebenfigur, ein schon etwas närrischer, starrköpfiger Patriarch, ohne wirkliche Macht. In „Metropol“ steht Charlotte aus verschiedenen Gründen im Vordergrund. Ich hatte zu meiner Original-Großmutter ein engeres Verhältnis als zu ihrem Mann, sie war auch geistig beweglicher, interessanter als Wilhelm. Und schließlich ist sie mit mir verwandt und ich glaube, dass ich ihr durchaus ähnele. Wenn ich eine Figur in dieser verrückten Zeit nachempfinden will, kommt einem das alles entgegen. Und um mir gleich selbst zu widersprechen: Es gibt noch zwei andere Figuren, die ziemlich im Vordergrund stehen, mit denen bin ich nicht verwandt und zumindest eine von ihnen ist ein wirkliches Scheusal, ein vielfacher Mörder. Auch ihn habe ich nachzuempfinden versucht.

Zu Beginn Ihres Romans wenden Sie sich direkt an Ihre Großmutter. Sie schreiben darüber, dass Charlotte nie wollte, dass dieser Teil ihrer Vergangenheit ans Licht kommt und sie es sogar beinahe geschafft hätte. Inwiefern haben Sie diese Geheimnisse dazu angetrieben, „Metropol“ zu verfassen?

RUGE Es verstößt ja offenkundig gegen den Willen meiner Großmutter, dass die Geschichte erzählt wird. Hier stellt sich eine ethische Frage. Ich habe entschieden, die Geschichte dennoch zu erzählen, weil ich das Schweigen dieser Kommunistengeneration über die Verbrechen des Stalinismus als Option nicht akzeptiere, es ist keine Privatangelegenheit. Dieses Schweigen über die eigenen Fehler, verbunden natürlich mit der Weigerung zu analysieren, war tödlich für den Sozialismus. Das Argument war übrigens immer: Wir können darüber nicht reden, weil es dem Feind nützt. Das Argument gibt es ja auch heute. Ich glaube, dass das in den politischen Untergang führt.

Der Schaffensprozess Ihres Romans scheint eher ungewöhnlich gewesen zu sein. Der Titel „Metropol“ spielt auf das im Jahre 1905 erbaute Moskauer Hotel an, in dem Ihre Großeltern nach ihrer Suspendierung insgesamt 477 Tage verbrachten. Sie schliefen sogar in diesem Hotel, genauer gesagt in dem Zimmer, in dem auch Ihre Großeltern schliefen. Außerdem recherchierten Sie im Russischen Staatsarchiv für soziopolitische Geschichte. Wie empfanden Sie die Recherche und warum haben Sie sich dazu entschieden, in diesem Hotel zu übernachten?

RUGE Wenn Sie einen Roman schreiben wollen, das heißt, wenn Sie sozusagen innerlich durchprobieren wollen, wie Menschen sich in einer Situation verhalten könnten, dann müssen Sie die Situation so gut wie möglich kennen, egal ob das eine erfundene Situation in einer erfundenen Welt ist oder eine historische Situation in einer historischen Welt. Ich wollte so viel wie möglich wissen, um so gut wie möglich zu erfinden. Übrigens kommen die besten Erfindungen aus der Realität, mitunter ist sogar die Realität die bessere Erfindung. Selbstverständlich musste ich in dem Zimmer schlafen, da ich sogar die Zimmernummer kannte. Ich habe da vielleicht in gewisser Weise empfunden, was Zeit ist. Meine Großmutter war in demselben Zimmer. Nur die Zeit hat uns getrennt, also nur eine von vier Dimensionen – ziemlich wenig.

In Ihrem Roman beschreiben Sie die inneren Konflikte Ihrer Großmutter und auch ihre Zweifel, die sich während der Zeit im Hotel Metropol anbahnen. Sie zweifelt zunehmend an der Richtigkeit des immer schlimmer werdenden stalinistischen Terrors. Die Fehler für diese Gedanken scheint Ihre Großmutter dennoch bei sich selbst zu suchen. Es wird deutlich, dass für Charlotte die Aspekte der Zugehörigkeit und auch Loyalität von großer Bedeutung sind. Wie erklären Sie sich den starken Willen Ihrer Großmutter, diese Zugehörigkeit aufrechterhalten zu wollen, und denken Sie, dass dieser Aspekt in der heutigen Gesellschaft eine ebenso große Rolle spielt?

RUGE Das ist ein Problem jeder Ideologie. Ideologie erkennt man vielleicht daran, dass die Leute anfangen, mit Begriffen wie Gut und Böse zu operieren, anstatt zum Beispiel mit Richtig und Falsch. Man selbst ist natürlich der oder die Gute. Das sogenannte Gute hat aber in verschiedenen historischen Situationen vollkommen verschiedene Inhalte. Für meine Großmutter war es die kommunistische Weltanschauung, die sich gesetzmäßig in der Sowjetunion realisierte. Das war der Kreis der Zugehörigkeit. Wenn sie damit nicht übereinstimmte, musste das an ihr liegen. Und da ist es wie mit jeder Ideologie, mit jeder Frömmigkeit: Sie fördert Schuldgefühle, weil niemand imstande ist, die Ansprüche, die sie stellt, zu erfüllen. Das Böse wohnt eben auch immer in uns und umso mehr hassen wir es, indem wir es externalisieren. Das funktioniert bei heutigen Ideologien genauso. Obwohl natürlich jeder glaubt, er sei nicht ideologisiert. Aber auch das ist ein Kennzeichen: Durchschaubare Parolen sind eben gerade keine Ideologie.

Sie vereinen in Ihrem Roman historische Dokumente und autobiografische Erzählungen mit Fiktion. Welche Rolle spielen die fiktionalen Erzählungen in der Geschichte und wie aufwendig war die historische Recherche für Sie?

RUGE Das Fiktionale ist das Eigentliche in dem Buch. Warum? Es ging mir nicht darum, den Stalinismus noch einmal darzustellen. Zumindest war das kein ausreichender Antrieb fürs Schreiben. Was ich erkunden wollte, war, was Menschen zu glauben imstande sind, ganz im Sinne des oben gesagten. Und zwar nicht etwa dumme, gefühllose Menschen und auch nicht etwa aus Angst, wie man an dem Beispiel Feuchtwanger sieht. Aber wenn man darüber schreiben will, wie Menschen sich verirren, wie bestimmte Bilder von der Wirklichkeit, aber auch Selbstbilder zustande kommen, obwohl ja die Faktenlage für etwas ganz anderes spricht, dann muss man in die Figuren hineingehen, sich in ihre Situation begeben. Und das ist dann halt Fiktion.