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„Saarlouis ist eben eine Autofahrerstadt“

„Saarlouis ist eben eine Autofahrerstadt“

Fahrradwege, die plötzlich enden, marode oder zu schmal sind. Ampelübergänge, die Fahrradfahrer völlig ausklammern oder pöbelnde Passanten in der Fußgängerzone: Radfahrer haben es nicht leicht in der Autostadt Saarlouis. Bei einer Radtour mit dem städtischen Verkehrswegeplaner und der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub) -Kreisgruppe Saarlouis hat sich die SZ zeigen lassen, wo es Radfahrer in Saarlouis besonders schwer haben.

Vom Hauptbahnhof Richtung Altstadt geht es los. Schon nach wenigen Metern in der Bahnhofsallee wird klar: Radfahrer haben sich hier dem Fußgänger-, Auto- und Busverkehr unterzuordnen. Weder einen Fahrradschutzstreifen wie auf der Gegenfahrbahn noch einen Radweg gibt es hier. "Kann man den Fußweg nicht für die Radfahrer freigeben?", fragt Hermann Manfredini, Sprecher der ADFC-Kreisgruppe Saarlouis. "Über einen Schutzstreifen oder einen kombinierten Rad- und Fußgängerweg wird derzeit nachgedacht", gibt Reiner Körner, städtischer Verkehrswegeplaner, Auskunft.

Ein paar Meter weiter an der Kreuzung Schanzenstraße herrscht dann Verwirrung. In der Fußgängerampel taucht auch ein Fahrradsymbol auf. Der Fahrradfahrer, der ordnungsgemäß auf der Straße gefahren ist, soll nun also kurzerhand auf den Gehweg wechseln, um den zweiteiligen Ampelübergang zu nutzen. Macht er das, steht er auf dem Übergang mitten auf der Kreuzung vor dem nächsten Rätsel: Die zweite Ampel ist einer reine Fußgängerampel, das Radsymbol fehlt. "Am besten macht man sich unsichtbar", scherzt Manfredini, steigt von seinem Fahrrad ab und schiebt es auf die andere Straßenseite.

Dort wartet ein Hoffnungsschimmer. Direkt vor der Gustav-Heinemann-Brücke steht das blau-weiße Schild, das er zuvor vermisst hatte und den breiten Weg als kombinierten Rad- und Fußgängerweg kennzeichnet. Doch die Freude hält nur kurz, denn das Schild wird nach der nächsten Einmündung "Im Rayon" nicht wiederholt. Dadurch wird es automatisch aufgelöst und der Fahrradfahrer müsste theoretisch wieder zurück auf die Straße.

Und was ist mit der roten Markierung, die hier beginnt und einen Radweg auszuweisen scheint? "Die rote Markierung hat nichts zu sagen und ist rechtlich nicht bindend", sagt Verkehrswegeplaner Körner. Die Radfahrer , die das nicht wissen, werden sich spätestens vor dem Gymnasium am Stadtgarten direkt vor der Alten Saarbrücke wundern. Dort endet der unterteilte Gehweg abrupt. Wer hier auf die Straße ausweichen möchte, wird von einem hohen Bordstein daran gehindert. Die meisten fahren also über den Fußgängerweg über die Alte Saarbrücke - zum Ärger der Passanten, die sich durch die Radfahrer eingeengt fühlen. Nicht selten kommt es dabei zu verbalen Beschimpfungen. Dass die Radfahrer hier nicht hingehören, macht erneut die Ampel, die über den Anton-Merziger-Ring führt, deutlich. Sie ist nur für Fußgänger ausgerichtet.

In der Französischen Straße gibt es Grund zur Hoffnung: Ein großes Schild weist darauf hin, dass Fahrradfahrer im Schritttempo durch die Fußgängerzone fahren dürfen. Anderer Meinung ist eine Passantin, "Hier darf man nicht Fahrrad fahren", behauptet sie kopfschüttelnd.

ADFC-Sprecher Manfredini sieht auch in der Innenstadt Verbesserungsmöglichkeiten: "Es gibt kaum Einbahnstraßen, die für Fahrradfahrer in beide Richtungen geöffnet sind", gibt er zu bedenken. Grundsätzlich sei das möglich, stimmt Verkehrswegeplaner Körner zu. Dieses Anliegen sowie die weiteren Beschilderungs-Probleme werde er an das städtische Ordnungsamt weiterleiten.

Die Lisdorfer Straße, die sich dem Kreisel am Kleinen Markt anschließt, gehört zu den Einbahnstraßen, die Manfredini gerne für Radfahrer freigegeben wüsste. "Um auf die Ludwigstraße zu gelangen, müssen Radfahrer derzeit einen unnötig großen Bogen fahren", sagt er. Durch die Parkstreifen auf beiden Seiten wäre die Öffnung für Radfahrer aber aus Platzgründen nur schwer möglich, sagt Körner.

Das größte Sorgenkind für Radfahrer bleibt aber die Wallerfanger Straße. Bereits seit Jahren sorgt der mit rund 80 Zentimetern viel zu schmale und marode Radweg dort für Unbehagen. Viele schimpfen auf die Stadt, die untätig bleibe. Die zentralen Forderungen: Die Radweg-Schilder entfernen und einen Schutzstreifen auf der Straße einrichten. Was viele nicht wissen: Die Stadt ist hier gar nicht zuständig: "Die Wallerfanger Straße ist eine Landstraße, die Verkehrsregelung liegt also beim Kreis", erklärt Körner. Die Stadt Saarlouis könne die Benutzungspflicht der Radwege also nicht aufheben, das müsse der Kreis tun. In mehreren Schreiben hätte die Stadt den Kreis bereits darauf aufmerksam gemacht, berichtet Körner. Eine Reaktion sei bisher ausgeblieben.

An der Bushaltestelle "Neue Brauereistraße" ist die Lage besonders dramatisch: Das kleine Stück Radweg, das vor der Haltestelle existiert, ist seit dem Umbau der Haltestelle nicht mehr asphaltiert und führt über Baumwurzeln. "Hier hat es schon einen schlimmen Unfall gegeben, weil ein Radfahrer den Weg trotzdem benutzt hat", sagt Körner. Um das Befahren zu verhindern, hat die Stadt an der Stelle Warnbaken aufgestellt.

Was die Situation der Radfahrer zudem erschweren könnte: Der Landesbetrieb für Straßenbau (LfS) denkt darüber nach, die derzeit zweispurige Landstraße vierspurig auszubauen (wir berichteten). Dies soll im Zuge der Sanierung der Autobahnanschlussstelle Wallerfanger Straße geschehen und Staus eindämmen. Dass dabei noch Platz für Radwege oder Schutzstreifen übrig bleibt, hält Körner für unwahrscheinlich.

Im vor kurzem wieder aufgelebten "Arbeitskreis Verkehr Saarlouis" diskutiere die Stadt zusammen mit Institutionen, Verbänden und Interessengruppen derzeit mögliche Lösungsansätze. "Dabei kann sich auch der ADFC aktiv einbringen", sagt Körner. Manfredini, der von den Überlegungen des LfS noch nichts wusste, sichert seine Beteiligung zu. Auf eine breite Mitgliederbasis kann er jedoch nicht zurückgreifen. Von den rund 50 Mitgliedern seien nur sechs aktiv. Der Schaffhausener nimmt es mit Humor: "Saarlouis ist eben eine Autofahrerstadt." Zehn Teams mit insgesamt 81 Teilnehmern sind 12 310 Kilometer mit dem Fahrrad gefahren. Das ist Saarlouis' Bilanz nach der Teilnahme an der Aktion "Stadtradeln". Zum ersten Mal hatte die Kreisstadt daran teilgenommen.

"Wir hatten keine Ahnung, wie viele Leute mitmachen werden. Dafür, dass wir zum ersten Mal mitgemacht haben und während des dreiwöchigen Aktionszeitraums Regenwetter herrschte, sind wir sehr zufrieden", ordnet der städtische Klimaschutzmanager Horst Rupp die Zahlen ein. Stolz ist er darauf, dass sich sechs Stadtverordnete sowie 32 Mitarbeiter der Stadtverwaltung an der Aktion beteiligt hatten.

"Stadtradeln" existiert seit 2008 deutschlandweit. 16 saarländische Kommunen beteiligten sich dieses Jahr zum ersten Mal daran. Das "Klima-Bündnis", ein kommunales Netzwerk zum Schutz des Klimas, trägt die Aktion und will sich damit für den Klimaschutz und bessere Radwegenetze einsetzen.

Wer wissen möchte, welche anderen saarländischen Kommunen an der Aktion teilgenommen haben, findet auf der Seite stadtradeln.de oder direkt unter dem Link bit.ly/2affXzK eine detaillierte Ergebnis-Übersicht.

Meinung:

Undynamisch für Radfahrer

Von SZ-Redaktionsmitglied Jasmin Kohl

Weltoffen, multikulturell, gastfreundlich und dynamisch - so stellt sich die Stadt Saarlouis in ihrem Stadtportrait vor. Auch über die drei vorderen Attribute lässt sich streiten, aber Radfahrer werden sich vor allem über das letzte ärgern. Denn diese Stadt scheint alles zu vereinen, um Radfahrer in ihrer Dynamik zu bremsen. Dabei sträubt sich Saarlouis' Topographie gegen diese Tatsache, denn größere Steigungen gibt es hier nicht.

Stadt und Kreis müssen dringend daran arbeiten, dass sich die Situation für Radfahrer verbessert. Denn sind einmal die Rahmenbedingungen geschaffen, kommt auch der größte Autofan in die Versuchung, die Benzinschleuder hin und wieder gegen den Drahtesel zu tauschen. Sich damit herauszureden, dass die Saarlouiser nun einmal leidenschaftliche Autofahrer sind und kein Interesse am Radfahren haben, ist zu einfach.

Tut man es doch, dann bitte mit etwas mehr Konsequenz, auch im Stadtportrait: "Weltoffen, multikulturell, gastfreundlich und autofahrerliebend" müsste es dann heißen.