| 19:56 Uhr

Nicht einmalig, das ist einmalig

Denkmalpfleger Rupert Schreiber stellte die Roxheimer Kirche als Zwilling von Neuforweiler vor.
Denkmalpfleger Rupert Schreiber stellte die Roxheimer Kirche als Zwilling von Neuforweiler vor.
Neuforweiler. Manches der unerwartet vielen Gesichter wurde länger, als Denkmalpfleger Rupert Schreiber kürzlich in einem Vortrag über die Kirche von Neuforweiler zum Satz kam: „Diese Kirche ist nicht einmalig.“ Aber dann setzte er fort: „Es gibt sie zwei Mal. Und das macht sie dann doch einmalig.“ Johannes Werres

150 Jahre Pfarrei und Einweihung der Kirche St. Medardus in Neuforweiler waren jüngst Anlass für einen Vortrag des staatlichen Denkmalpflegers Rupert Schreiber. Er überraschte sein Publikum mit Fotos der Kirche St. Sebastian in Roxheim bei Bad Kreuznach. Tatsächlich, ein exakt gleicher Grundriss, gleicher Aufriss, gleiche Maße. Nur die äußere Anmutung unterscheidet sich etwas. "Denn Neuforweiler hatte mit seinem Sandstein mehr Glück."

Der Zwilling war den Kunsthistorikern bislang offenbar entgangen. Schreiber fand ihn, weil er sich intensiv mit dem Architekten Franz Georg Himpler (gestorben 1916) befasst hat. Schreibers meisterhafter Vortrag zum 150-jährgen Bestehen von Kirche und Pfarrei stellte Himplers Werk vor.

Der Architekt entwarf, kaum dass er die königliche Bauakademie in Berlin 1859/60 verlassen hatte, unter anderem die Kirchen St. Katharina in Wallerfangen und St. Marien in Ensdorf. Das Ensdorfer Gebäude bezieht seine Formensprache wesentlich aus dem Bamberger Dom. Aus dem Ensdorfer Baukasten wiederum setzte Himpler die 1865 geweihte Neuforweiler Kirche zusammen. "Für wenig Geld, die Pfarrei war noch gar nicht gegründet, und doch mit einem echten Gewölbe."

Himpler war seit seinen Entwürfen für Wallerfangen in der Region gut im Geschäft, als ihm 1867 sein Halbbruder einen Strich durch die Rechnung machte. Franz Josef Karl Himpler, ein Schlosser, ermordete bei einem Überfall auf ein Pfarrhaus in Trierweiler die Haushälterin Anna Maria Fisch. Er wurde zum Tode verurteilt. Das scheint Franz Georg so beschämt zu haben, dass er schon einen Monat später seine Auswanderung nach Amerika zu planen begann. Im Juli 1867 war er mit Frau und Kindern drüben. Er arbeitete zunächst weiter als Kirchenarchitekt.

In der Heimat erlaubte - ungewöhnlich, wie Schreiber feststellte - die bischöfliche Verwaltung 1869 der Pfarrei Roxheim, die Pläne Himplers für Neuforweiler wiederzuverwenden. "Wahrscheinlich, ohne dass Himpler davon wusste und ohne Honorar." So entstand der Zwilling.

Schreiber sagte, Himpler habe auf zwei Kontinenten Erfolg gehabt und könnte deswegen auch der bedeutendste Architekt des Saarlandes genannt werden. Im Vortrag wurde zugleich ungewöhnlich deutlich, wie ein Baustil, hier der historistische, sich entwickeln und verbreiten kann. Wer damals öffentlich bauen wollte, musste an einer Bauakademie gelernt haben, an der in Berlin zum Beispiel. Dort studierte Himpler, und zwar bei Wilhelm Lübke. Der habe, sagt Schreiber, als erster Kunsthistoriker überhaupt an einer deutschen Architektenschule gelehrt. Eines seiner Lehrbücher historischer Architektur hat Himpler sehr genau studiert, wie Schreiber belegen konnte. Da taucht zum Beispiel ein Giebel des mittelalterlichen Kölner Domes auf. Den kopierte Himpler in seinem Entwurf für die Kirche St. Katharina in Wallerfangen (1860 bis 1863). Es wurde, so Schreiber, der "erste rein neugotische Kirchenbau im Bistum Trier ." Neugotisch und neuromanisch wurden die meisten deutschen Kirchen in den Jahrzehnten um 1900 gebaut.

Als Himpler nach 1867 in den USA baute, benutzte er offenbar auch eigene alte Pläne. So ist laut Schreiber eine Kirche in Detroit (St. Joseph) eine große und die Marienkirche in Rome bei New York eine kleine Schwester von St. Katharina in Wallerfangen, eine "Pocket Edition von Wallerfangen". Letzteres kein Wunder. Denn den Geistlichen an dieser Kirche, Peter Joseph Schmitt, kannte Himpler aus dessen Wallerfanger Kaplanszeit.

Die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates von St. Medardus in Neuforweiler , Elisabeth Himbert, will jetzt anregen, die Roxheimer Pfarrei St. Sebastian zum Jubiläum der Gründung der Neuforweiler Pfarrei vor 150 Jahren einzuladen.


Im Inneren ist die Roxheimer Kirche (links) historistisch ausgemalt wie die in Neuforweiler. Fotos: Hartmann Jenal (3), Rupert Schreiber (2)
Im Inneren ist die Roxheimer Kirche (links) historistisch ausgemalt wie die in Neuforweiler. Fotos: Hartmann Jenal (3), Rupert Schreiber (2)