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Neuforweiler
Tante Emma geht in den Ruhestand

Irene Kerren schließt nach fast 60 Jahren ihren Tante-Emma-Laden in Neuforweiler.
Irene Kerren schließt nach fast 60 Jahren ihren Tante-Emma-Laden in Neuforweiler. FOTO: Johannes Bodwing
Neuforweiler. Der Laden von Irene Kerren ist eine Institution in Neuforweiler. Jetzt aber sperrt ihn die 83-Jährige zu. Von Johannes Bodwing

Zum 30. September schließt einer der letzten so genannten Tante-Emma-Läden im Kreis Saarlouis. Es ist das 24 Quadratmeter große Geschäft von Irene Kerren in Neuforweiler. Dort bedient sie seit 1961 in der St. Avolder Straße 105 ihre Kunden. „Jeden Morgen bin ich um Viertel nach fünf aufgestanden“, erzählt Kerren zwischen Theke und Regalen. „Um sechs Uhr wurde geöffnet, von zwölf bis 14 Uhr war Mittag, und abends gegen 18.30 Uhr war Schluss.“


Seit zwei Jahren hat sie noch von sechs bis zwölf geöffnet. „Ich würde ja noch weitermachen“, sagte sie. Aber es geht nicht mehr, aus gesundheitlichen und familiären Gründen. Irene Kerren wurde am 24. Dezember 1934 in St. Nikolaus im Warndt geboren. 1941 zogen ihre Eltern nach Schwalbach. Dort arbeitete Kerren später als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft. 1961 folgte die Hochzeit, damit wurde sie in Neuforweiler sesshaft. Im selben Jahr pachtete sie den Laden in der St. Avolder Straße.

„Den hat die Distributa damals eingerichtet. Die waren in Ordnung.“ Deshalb habe sie das Handelsunternehmen über Jahrzehnte hinweg auch nicht gewechselt. Zwei Söhne hat Kerren. „Als die noch klein waren, habe ich auch mal den Laden zu gemacht, dann sind wir in Urlaub gefahren.“ Der Fernverkehr auf der alten B 269, die durch Neuforweiler führt, brachte zusätzliche Kundschaft. „Für die habe ich Frikadellen gemacht und Nudelsalat.“ Das gibt es jetzt nicht mehr. Seit dem Bau der neuen Verbindung zwischen Lisdorf und französischer Grenze bei Überherrn fehlt die Nachfrage.



Früher sei es normal gewesen, dass es nach Geschäftsschluss an der Tür der Kerrens klingelte. Ihr Haus liegt ein Stück weit vom Laden entfernt in derselben Straße. Dem einen fehlte dann Butter, ein anderer brauchte Backpulver, „aber nur, wenn die mich anschließend wieder nach Hause gefahren haben, haben sie außer der Reihe noch was bekommen“. Und nicht nur das. „Mein Mann hat am Samstag Sachen zu den älteren Leuten gefahren. Und an Heilig Abend habe ich hier bis sieben, acht Uhr gestanden.“ Manche Kunden ließen ihre Rechnung erst mal anschreiben. „Ich sage jetzt nicht, wer das war“, meint Kerren lächelnd, „denn bezahlt haben die immer.“ Von Kindern berichtet Kerren, die montags ihr Taschengeld in Süßigkeiten umtauschten. Dafür gab es Guddzja, und Kerren legte immer noch zwei extra dazu. „Die haben dann draußen auf der Treppe gesessen und nachgezählt, ob ich auch wirklich zwei mehr ausgeteilt hatte.“

Heute würden die Kinder von ihren Eltern vorbeigefahren. Und seit den 70er Jahren hätten sich die Supermärkte deutlich auf die Kundenzahl ausgewirkt. Über die Jahre seien zudem viele Kunden gestorben oder weggezogen.

In den Regalen steht noch immer, was so im Haus gebraucht wird. Hinter einem Standregal ist der Alkohol versteckt, rechts neben der Eingangstür finden sich unter anderen Obst und Gemüse, in der Theke liegen Wurstwaren und Käse. Selbst Schreibwaren gibt es. Wenn der Laden schließt, kommen die Lebensmittel zur Tafel, sagte Kerren. Schreibwaren und Zeichenmaterial gehen an den Kindergarten.

„Es hat mir immer Spaß gemacht. Mit den Leuten reden – und dann zu tratschen.“ Wenn der eine Kunde noch von einem Beinbruch berichtet hatte, war es einige Leute später bereits ein Schwerstverletzer.

„Es war eine schöne Zeit“, erinnert sich Irene Kerren. Aber jetzt wird sie den Lebensabend zusammen mit ihrem Ehemann genießen.