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Muslimische Studenten helfen syrischen Schülern

Muslimische Studenten helfen syrischen Schülern

Heimweh, Vorurteile, Diskriminierung – auch in Deutschland führen viele Flüchtlingskinder kein unbeschwertes Leben. Um ihnen zu helfen, hat das Max-Planck-Gymnasium vier muslimische Studenten eingeladen. Sie geben syrischen Schülern Tipps zur Integration.

Die Angst von einer Bombe zerfetzt zu werden, begleitete Ahmad Ismail jeden Tag. Beim Einkaufen, auf dem Weg zur Schule und beim Spielen mit Freunden. "In meinem Ort stehen überall Scharfschützen. Sie haben einen Verwandten getötet", erzählt der 15-Jährige. Als eine Bombe in der Nähe seiner Schule einschlägt, steht für ihn und seine Eltern fest: Sie müssen Syrien verlassen. "Mein Vater hat gesagt, es ist genug", erinnert sich Ahmad.

Zwei Monate dauert die Flucht. Mit dem Boot, dem Auto und zu Fuß reist die Familie vom Nahen Osten nach Deutschland. "In Österreich waren die Grenzen zu. Dort mussten wir zwei Nächte warten", sagt Ahmad. Seit acht Monaten wohnt er in Saarlouis , besucht das Max-Planck-Gymnasium. Doch von einem sorgenfreien Leben ist der Junge noch weit entfernt. "Mein Vater darf nicht einreisen. Er sitzt in der Türkei fest", berichtet er. Hinzu kommen Heimweh, Diskriminierung und Vorurteile. "Manchmal glauben die Deutschen, Syrien sei wie Afrika. Sie fragen mich, ob ich einen Fernseher oder ein Handy habe. Das nervt", berichtet Ahmad während einer Gesprächsrunde in seiner Schule. An der nehmen neben ihm noch 22 weitere Flüchtlingskinder teil. "In solchen Situationen müsst ihr mit den Menschen reden und ihnen erklären, dass Syrien ein modernes Land ist", rät Hassan Hatoum. Der Physik-Student ist in Deutschland geboren, seine Eltern stammen aus dem Libanon. Er hat Verständnis für die Probleme der Flüchtlingskinder und möchte ihnen bei der Integration helfen.

Dieses Ziel hat auch Patrick Wilhelmy. Für die Projekt-Tage hat der Spanisch-, Biologie- und Religions-Lehrer daher ein spezielles Seminar organisiert. Über das Avicenna-Studienwerk hat er vier muslimische Studenten kennengelernt und ins Max-Planck-Gymnasium eingeladen. Zwei Tage lang tauschen sie ihre Erfahrungen mit den syrischen Kindern aus. "Es ist toll zu sehen, wie die Menschen hier Fuß fassen. Aber ich beobachte auch, dass sie Schwierigkeiten haben. Sie brauchen Antworten, die ich ihnen als Nicht-Muslim nicht geben kann", sagt Wilhelmy.

Viele Flüchtlingskinder fragen etwa, wie sie bei Diskriminierungen reagieren sollen. "Sie möchten wissen, wie sie ihre Meinung äußern können, ohne jemanden zu verletzen", erzählt Studentin Ouassima Laabich. "Ich rate den Schülern dann, zu sich selbst zu stehen." Wie schwer das sein kann, weiß die 23-Jährige nur zu gut. Ihre Eltern stammen aus Marokko, sie selbst trägt ein Kopftuch - und muss sich dafür immer wieder rechtfertigen. "Ich studiere, wohne alleine und bereise die Welt. Dass ich ein Kopftuch trage, ist allein meine Entscheidung", erklärt Laabich.

Diese Selbstsicherheit beeindruckt Amal Ghaly. Die Schülerin ist ebenfalls vor acht Monaten nach Deutschland gekommen. Sie sieht die Flucht als eine Chance. "Ich will das Abitur machen und Wirtschaft studieren", berichtet sie. Die 17-Jährige schätzt an Deutschland die Demokratie, das Schulsystem und vor allem die Ungezwungenheit. "Hier kann ich sagen, was ich möchte. Anziehen, was ich möchte. Und denken, was ich möchte", erklärt Amal. Sie kann sich bereits problemlos auf Deutsch verständigen. Doch zu Hause fühlt sie sich in der Bundesrepublik nicht. Freunde habe sie hier zum Beispiel noch keine gefunden.

Auch Ahmad verbringt seine Freizeit meistens allein. "Die Deutschen sind zwar nett", sagt er, "aber das Gemeinschaftsleben ist ganz anders." Oft denkt der Junge an seine Heimat. Die Nachbarn seien ohne Ankündigung zu Besuch gekommen, hätten manchmal spontan bei seiner Familie übernachtet. "Das gibt es in Deutschland nicht. Hier verabredet man sich sogar zum Kaffeetrinken", sagt Ahmad.

 Was war gut an dem Seminar und was nicht? Lehrer Patrick Wilhelmy (v. l.) hilft Ahmad Ismail und Amal Ghaly beim Ausfüllen der Positiv- und Negativ-Karteikarten. Fotos: Sarah Konrad
Was war gut an dem Seminar und was nicht? Lehrer Patrick Wilhelmy (v. l.) hilft Ahmad Ismail und Amal Ghaly beim Ausfüllen der Positiv- und Negativ-Karteikarten. Fotos: Sarah Konrad

Dennoch ist er zuversichtlich. "Ich liebe Syrien, aber ich kann dort nicht leben", sagt er. In Deutschland habe er die Chance, zu studieren und Arzt zu werden oder Detektiv. "Wir brauchen einfach ein bisschen Zeit, um uns einzugewöhnen", sagt Ahmad und lächelt. Er freut sich auf sein Leben in Deutschland. Auf ein Leben ohne Angst.