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Mit Wörterbuch für die Lehrer

Weltkartenspiel: Wie viele Menschen flüchten weltweit wo hin? Fotos: Landkreis/Brigitta Schneider
Weltkartenspiel: Wie viele Menschen flüchten weltweit wo hin? Fotos: Landkreis/Brigitta Schneider
Saarlouis. Viele junge Leute mit Migrationshintergrund brauchen mehr Unterstützung: vor allem in der Schule, denn das ist der zentrale Ort der Integration. In Saarlouis beginnt jetzt ein Versuch dazu. Hier haben die Schülerinnen und Schüler selbst das Sagen. Johannes Werres

So, wie Ruken Gören und Amina Chekh Nabo aus der Gemeinschaftsschule In den Fliesen gestern in Saarlouis den Start des Projektes "Schulen und Schüler für Schüler " auf Deutsch präsentierten, so hätten sie es auch auf Türkisch gekonnt. Und auf Kurdisch. Und auf Arabisch. Schülerinnen mit Migrationshintergrund , würde man sie offiziell nennen. Ihre Familien kommen von beiden Seiten der türkisch-syrischen Grenze. "Was für ein Potenzial, was für eine Ressource", staunte Natalie Sadik, Schulentwicklerin beim Landkreis Saarlouis , bei dem Workshop im Landratsamt.

Sadik hat schon vor geraumer Zeit an den sieben Schulen des Landkreises in Saarlouis gefragt: Wer könnte sich vorstellen mitzumachen, um Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund zu helfen? In der Schule, weil dies der zentrale Ort sei, an dem sich die Jugendlichen integrieren können? Uwe Peters, Leiter des Robert-Schuman-Gymnasiums, berichtete gestern von der Resonanz: "In Klassenstärke" hätten sich Schüler zum Mitmachen gemeldet. Sadik hat das auch an den anderen Schulen erlebt. Jungen und Mädchen mit und ohne "Migrationshintergrund ". Sadik: "Der Bedarf ist einfach da. An allen Schulen und Schulformen. Das kriegen die jungen Leute ja mit."

Und so erwacht "Schulen und Schüler helfen Schülern" langsam zum Leben. "Ein ganz spannendes Projekt", unterstrich Landrat Patrik Lauer .

Erste Ideen beim Treffen von Schülergruppen gestern im Landratsamt: So schlugen Schüler zum Beispiel vor: Man könne doch Nachhilfe geben, wenn es an Deutsch- oder Mathekenntnissen fehle. Fliesen-Schüler boten dazu an, zu den Kleinen der Grundschule im Vogelsang zu kommen. Oder man könne einander zu Sportveranstaltungen begleiten. Oder Eltern mit anderer als Muttersprache als Deutsch könnten Schul-Infos übersetzen. Oder man könne sich berichten lassen von erfolgreichen Migranten-Biografien; oder man könne die jungen Leute über ihre eigenen Erfahrungen, ihren eigenen Weg, erzählen lassen.

Manchen Vorschlag werden jetzt die Schüler miteinander umsetzen, und manchen mit Partnern eines Netzwerks. Vor allem aber werden die Schulen Rahmenbedingungen setzen, damit aus dem momentanen Idealismus Dauer werden kann. Nur so kann der Titel des Projektes, "Schulen und Schüler für Schüler ", Sinn ergeben.

Beteiligt sind die Gemeinschaftsschule in den Fliesen und Martin Luther King, die Anne-Frank-Förderschule sowie die Saarlouiser Gymnasien am Stadtgarten, Robert Schuman und Max Planck , eine Kooperation gibt es mit der Vogelsanggrundschule.

Unter den Vorschlägen der Schüler war auch dieser: "Wir könnten", erklärte Ruken, "ein Wörterbuch erstellen. Damit auch die Lehrer uns verstehen."

Meinung:

Für eine neue Gesellschaft

Von SZ-RedakteurJohannes Werres

Das ist nicht mehr fröhliche Folklore wie früher: Seht her, so bunt kochen und tanzen unsere ausländischen Mitbürger. Das hier ist Reaktion auf eine längst veränderte Welt - bei uns. Eine Welt, in der sich Heimat nicht mehr über den Geburtsort (oder -Kontinent) der Bewohner definiert. Eine Welt, in der die vielen so Verschiedenen die Gesellschaft von morgen erst bilden müssen. Da geht es um viel mehr als die gemeinsame Sprache, so wichtig sie auch ist. Die Vernetzung zur Gesellschaft geschieht vor allem in der Schule. Doch ministerielle Kultusverwaltung ist träge wie eh und je. Für sie ist es kein Kompliment, dass es die Schulentwickler des Kreises sind, die Ressourcen und Idealismus junger Leute vor Ort erkennen, fördern, nutzen und ihnen Raum geben, die neue Gesellschaft mit aufzubauen.

Ruken Gören
Ruken Gören
Amina Chekh Nabo
Amina Chekh Nabo