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Auch das ist Strukturwandel
Instillo vernetzt Biotechnologie im Stillen

Die Akteure (von links): Rudolf Krumbholz, Dr. Daniel Müller, Dr. Bernd Baustümmler, Ministerpräsident Tobias Hans, Franz-Josef Major, Ferdinand Bierbrauer, Dr. Markus Limberger, Steffen Krause.
Die Akteure (von links): Rudolf Krumbholz, Dr. Daniel Müller, Dr. Bernd Baustümmler, Ministerpräsident Tobias Hans, Franz-Josef Major, Ferdinand Bierbrauer, Dr. Markus Limberger, Steffen Krause. FOTO: Franz-Josef Major
Überherrn. Geballte Biotechnik: 60 Naturwissenschaftler, ein Drittel mit Doktortitel, arbeiten bei der Instillo Group in Überherrn. Ministerpräsident Tobias Hans gab sich bei einem Besuch beeindruckt. Von Johannes Werres

Was sich seit ein paar Jahren in dieser 5000-Quadratmeter-Halle im Häsfeld in Überherrn vollzieht, „steht für das, was wir im Saarland aufbauen wollen“. Und Ministerpräsident Tobias Hans befindet weiter: „Der nächste große Umbruch im Saarland steht vor der Tür. Er wird mit weniger Arbeitsplätzen verbunden sein.“ Und Hans bestätigt, dass das „bemerkenswerte Geschäftsmodell“ der Instillo Group in Überherrn noch nicht so recht bekannt sei.


Zuvor haben ihm die Vertreter der Instillo Group ihr Geschäftsmodell ausgebreitet. 60 Arbeitsplätze, fast nur Naturwissenschaftler, ein Drittel promoviert, wie Gründer und Geschäftsführer Dr. Bernd Baumstümmler sagt. Es wird geforscht und entwickelt, labortechnisch gearbeitet für die Industrie – also um Geld zu verdienen. Entstanden sei eine Art Science-Park, bloß ohne jede öffentliche Förderung, sagt Baumstümmler. Fachleute aus über zehn Nationen, es sei leichter, jemand aus dem Ausland vom Saarland zu überzeugen als jemanden aus dem übrigen Deutschland. Hans wird später als Problem skizzieren, dass saarländische Studenten nach dem Abschluss nicht leicht im Saarland zu halten seien.

Die Halle gehört der Instillo GmbH. Sie unterstützt die anderen jungen Firmen der kleinen Gruppe mit Infrastruktur. Instillo wurde 2010 gegründet und kam 2014 ins Häsfeld. Dabei auch die MJR PharmJet GmbH. Instillo hatte sie gegründet, um den einst vom Lebacher Chemiker Dr. Bernd Penth entwickelten Micro-Jet-Reaktor (MJR) einzusetzen und zu vermarkten. Der MJR ermöglicht die einfache und kostengünstige Herstellung von Mikro- und Nanopartikel. Die Firmen MJR PharmJet und nanoSaar lab erarbeiten vor allem Methoden dafür.



Dann gibt es dort die MyBiotech GmbH, gegründet Ende 2016. Dort werden biotechnologische Verfahren zur Herstellung von Naturstoffen entwickelt. Das in der Forschung eng vernetzte Unternehmen arbeitet dazu mit Mikroorganismen wie Myxobakterien, erklärte Geschäftsführer Dr. Daniel Müller. Die Verfahren bringen etwa Naturstoffe mit antibiotischer Wirkung oder Nahrungsergänzung hervor.

Die Instillo Group hat ihren Sitz im Häsfeld.
Die Instillo Group hat ihren Sitz im Häsfeld. FOTO: Jean Roi

Weiteres Unternehmen der Instillo-Group: die Quasaar. 20 Leute gehören dazu, bis zu 50 könnten es in zwei bis drei Jahren werden, sagt Dr. Markus Limberger. Dieses Unternehmen ist spezialisiert auf Tests von Wirkstoffen vor allem in der Pharmaindustrie. So gibt es eine Linie mit Klimakabinen. In jeder herrschen die Bedingungen eines anderen Erdteils. In den Kabinen wird die Haltbarkeit von Medikamenten getestet. Kunden sind auch die ganz Großen der Branche, sagt Baumstümmler. In dieser Branche sei eine solche Zusammenarbeit von Großen und kleinen Neuen durchaus üblich.

Die Instillo-Partner arbeiten aber auch gemeinsam mit externen Partnern. Aktuelles Beispiel: Omega-3-Fettsäuren, die nicht mehr aus Fischöl, sondern aus Algen gewonnen werden. Das kleine Unternehmen ALGAE SL aus dem ländlichen Stadtteil von Saarlouis, Picard, entwickelt Methoden zur Produktion von Algen. Basis ist der neueste Stand der LED-Technik als Sonnenersatz und die Nachbildung natürlicher Bedingungen in einem speziellen Becken, wie Ferdinand Bierbrauer und Franz-Josef Major schildern. Algen gälten als „Wunderpflanzen“, deren Wertstoffe noch gar nicht ganz genutzt würden. Die eigentliche Produktion würden sie gern ins Saarland holen, aber dafür fehlt noch das Kapital.

Die MyBiotech wiederum kann im MJR die Nährstoffe aus den Zellwänden der Algen extrahieren: Dazu werden die Algen mit hohen Geschwindigkeiten aufeinander geschossen. Sie platzen und das Gewünschte liegt frei. Ideal, sagt Baumstümmler, wäre es das Algen-Becken und einen Micro-Reaktor direkt zusammenzuschalten. Das würde den sonst üblichen, teuren Trocknungsprozess überflüssig machen: echte Innovation.

MyBiotech entwickelt weitere Methoden, aus Algen auf biotechnischem Weg Omega-3-Fettsäuren zu erzeugen. Abgesehen davon, dass diese Stoffe als Nahrungsergänzung und in der Medizin eingesetzt werden könnten und eine große Zukunft hätten, würde diese Produktion auch bedrohte Fischbestände schonen.

Die MJR und MyBiotech arbeiten also in einer Kette, wobei die ersten Schritte der Kette, also der Aufschluss der Zellen und die Gewinnung eines ersten Rohextraktes, in enger Zusammenarbeit geschehen, Die weiteren Reinigungsschritte, die zu immer reineren Omega-3 Fettsäuren führen, werden dann von der MyBiotech bearbeitet

Die MyBiotech arbeitet an der Extraktion und an der Aufreinigung der Omega-3 Fettsäuren. Die MJR PharmJet arbeitet an der sogenannten Formulierung (Darreichungsform) von Medikamenten. Hier gab es bereits Projekte mit Partnern, um Omega-3 Fettsäuren magengerecht zu verkapseln (Nanopartikel).

Wenn diese Produkte auf den Markt gehen, müssen sie getestet und kontrolliert werden: Das könnte am Ende der Kette Quasaar tun.

Der Ministerpräsident, der zur Gratulation zur Mittelstands-Auszeichnung gekommen war, um Instillo zur Auszeichnung als eines der 100 innovativsten Unternehmen Deutschlands zu gratulieren: „Ein superspannendes Geschäftsfeld.“