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Orgelakademie
„Man muss die Orgel zum Singen bringen“

Musikprofessor, Komponist und Organist Michael Radulescu (links) mit dem Organisten der Kirche in Lisdorf, Armin Lamar, am Spieltisch
Musikprofessor, Komponist und Organist Michael Radulescu (links) mit dem Organisten der Kirche in Lisdorf, Armin Lamar, am Spieltisch FOTO: Harald Weiler
Saarlouis. Der deutsch-rumänische Orgelprofessor Michael Radulescu leitet die 11. Europäische Orgelakademie in Lisdorf. Von Jutta Stamm

Die Katholische Pfarrkirche „St. Crispinus und St. Crispinianus“ Saarlouis-Lisdorf veranstaltet vom 27. bis 29. September zum elften Mal in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Saarlouis und der Katholischen Kirchengemeinde Saarlouis-Lisdorf die Europäische Orgelakademie. Der Förderverein „Klingende Kirche“ konnte dafür bereits zum sechsten Mal den renommierten Orgelexperten Prof. Michael Radulescu (75) aus Wien als Dozenten verpflichten. Der Orgelprofessor wird die Lehrveranstaltungen heute Abend mit einem Konzert eröffnen. Zu hören sind Werke aus dem „Dritten Theil der Clavier Übung“ von Johann Sebastian Bach.


Herr Professor Radulescu, Sie sind seit 2007 Dozent der Europäischen Orgelakademie in Saarlouis-Lisdorf. Was ist das Besondere an der Lisdorfer Akademie?

Michael Radulescu Die Freundschaft.



In den Orgelakademien 2007, 2009, 2012, 2015, 2016 stand nahezu das gesamte Orgelwerk von Johann Sebastian Bach als Thema im Mittelpunkt. Auch in diesem Jahr. Wie wichtig ist für Sie Bachs Orgelmusik, und was empfinden Sie, wenn Sie Orgelwerke von Bach in Ihren Konzerten spielen?

Radulescu Ich empfinde das Höchste, denn Bach ist der Allergrößte.

Von der ersten Europäischen Orgelakademie bis zur diesjährigen spannt sich als großer Bogen erneut das Kursthema der „Dritte Theil der Clavier Übung“. Was ist für Sie das Besondere an diesem Werkzyklus des ehemaligen Leipziger Thomaskantors?

Radulescu In seinem Werk finden wir den größten harmonischen und rhytmischen Reichtum. Die theologischen Aussagen und die rethorischen Figuren seiner Musik, insbesondere die Tonarten und der archchitektonische Aufbau faszinieren. Gerade im „Dritten Theil der Clavier Übung“ gelingt es Bach, mit Stakkatovierteln Tränentropfen zu symbolisieren, wobei er die entfernteste Tonart, b-Moll, wählt. Synkopen sind als Feuer des Hl. Geistes zu deuten. Es ist eine fünfstimmige, großartige Komposition.

Wann und wie sind Sie mit dem Instrument Orgel in Berührung gekommen, und was hat Sie bewogen, Organist zu werden?

Radulescu In der düstersten Zeit des Kommunismus, wir lebten in Rumänien. Ich war gerade mal vier Jahre alt, als mich mein Vater, der ein Kammerorchester in Bukarest hatte, mit in die Matthäus-Passion von Bach nahm und mir anschließend die zweimanuale Orgel zeigte. Zunächst war ich erschrocken über die Vielfalt der Tasten, aber als ich den vollen Klang des Instruments hörte, war ich bereits mit dem Bazillus Orgel infiziert. Mit sieben bekam ich den ersten Klavierunterricht, mit 13 durfte ich mich in Kronstadt an die Orgel setzen. Mein Lehrer war ein gebildeter Mann, der die großen Oratorien an der viermanualen Orgel in der Schwarzen Kirche aufführte. Später lernte ich auch das Dirigieren und Komponieren. Übrigens hatte ich als Kind ein Bild von Bach über meinem Bett hängen.

Als langjähriger Orgelprofessor in Wien und durch zahlreiche Meisterkurse haben Sie zahlreiche Nachwuchsorganisten gefördert und geprägt. Wird es uns in der heutigen Zeit noch gelingen, junge Menschen für dieses Instrument zu begeistern?

Radulescu Ich glaube schon, ja, ich bin überzeugt. Sonst werden wir mit der ganzen Mechanik und Elektronik zu Chrétiens. Wir müssen mit dem, was wir zu wissen glauben, mit der Musik zu einer moralischen Instanz werden.

Die Bedeutung der Orgel und der Orgelmusik zeigt sich unter anderem darin, dass die UNESCO den Orgelbau und die Orgelmusik in Deutschland zum Weltkulturerbe erhoben hat. Wie sehen Sie die Zukunft der Orgel, des Orgelbaus und der Orgelmusik in Zeiten rückläufiger Zahlen an Kirchenbesuchern und aktiven Christen?

Radulescu Eine traurige Geschichte, die auch die Geistlicheit zu verantworten hat. Immer weniger Menschen werden von dem Faszinosum der Orgel angesteckt. Man muss sie an die Orgelmusik heranführen, man muss sie einweihen. Gerade in der Orgelmusik offenbart sich der Charakter der Musik als eine Disziplin des Quadriviums, der sieben klassischen Künste. Ein Problem ist auch das Hören, man muss zuhören können.

Welchen Stellenwert haben für Sie in der heutigen Zeit neben dem normalen Lehrbetrieb an Musikhochschulen Meisterkurse und Orgelakademien?

Radulescu Solche Kurse müssen mit einer bestimmten Thematik verbunden sein. Aus dem „Dritten Theil der Clavier Übung“ von Bach kann man viele Erkenntnisse sammeln: Man lernt beispielsweise etwas über Proportionen und Zitate. Man darf die Orgel nicht wie einen Apparat behandeln. Es ist der Gestus, der zählt. Man muss die Teilnehmer, die ja alle schon studierte Organisten sind, beispielsweise zwingen, eine Tonfolge zu singen, ein Motiv vorzusingen, um die Musik mit dem Herzschlag und dem Atem zusammenzubringen. Ohne die Vorstellung des Singens bekommt man die Orgel nicht zum Singen.

Das Eröffnungskonzert zur 11. Orgel­akademie mit Prof. Michael Radulescu findet am heutigen Mittwoch, 26. September, 19.30 Uhr, statt. Schlusskonzert mit den Akademieteilnehmern ist am Samstag, 29. September, 19 Uhr, in der Lisdorfer Kirche. Der Eintritt ist frei.

Das Gespräch führte Jutta Stamm.