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Orgelkonzert
Perfekte Fingerfertigkeit und großes Einfühlungsvermögen

Saarlouis. Mit einem der imposantesten Werke von Bach, dem „Dritten Theil der Clavier Übung“, eröffnete der Wiener Orgelexperte und Bachkenner Professor Michael Radulescu die „Europäische Orgelakademie“ in der Lisdorfer Pfarrkirche. Von Jutta Stamm

Wenn es einer versteht, die warm glänzende Klangpracht einer Orgel sowie die melodischen Qualitäten von Bachs Musik zur Geltung zu bringen, dann ist es Michael Radulescu, ehemals Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Wien. So waren viele Konzertbesucher gekommen, die ihm bereits große Wertschätzung entgegenbringen, unter ihnen bekannte Organisten und die 19 Teilnehmer und Teilnehmerinnen seiner Meisterklasse. Radulescu leitet die Orgelakademie in Lisdorf seit Bestehen im Jahr 2007. Er ist ein angesehener Künstler und erfahrener Lehrer zugleich. 2005 erhielt er das „Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien“, 2007 wurde ihm vom österreichischen Ministerium für Unterricht und Kunst der „Würdigungspreis für Musik“ für sein musikalisches Lebenswerk verliehen.


Der „Dritte Theil der Clavier Übung“ von Johann Sebastian Bach, den der Thomaskantor 1739 anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Lutherischen Reformation in Leipzig veröffentlichte, gehört nicht nur in technischer, sondern insbesondere in musikalischer Hinsicht zu den anspruchsvollsten Werken der barocken Orgelliteratur. Radulescu, Jahrgang 1943, spielt das „kompositorische Hexenkabinett“ mit Hingabe. Mit seinem fast zweistündigen Vortrag an der dreimanualen Mayer-Orgel taucht er – wie er sagte – ab „in eine andere Welt“.

Umrahmt von einem Präludium und einer Fuge in Es-Dur hat Bach die lutherische Missa brevis (Kyrie und Gloria) sowie die Katechismus-Choräle Martin Luthers zu den Zehn Geboten, Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Taufe, Beichte und Abendmahl vertont. Die minutiös durchstrukturierte Sammlung bietet von der Zweistimmigkeit der Duette bis zum dichten sechsstimmigen Kontrapunktgeflecht des Chorals „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ die unterschiedlichsten Satzmodelle. Dabei verlangt Bach Sattelfestigkeit in allen erdenklichen Stilebenen: vom altehrwürdigen „stile antico“ (wie in der h-Moll-Messe) bis hin zum beinah modischen Trio-
sonatensatz. Der gesamte Zyklus mit 27, 3x3x3, Stücken bildet den Katechismus von Luther ab. Die Zahl Drei beherrscht den Zyklus im Großen wie im Kleinen.



Eindrucksvoll lotet Radulescu die Bachschen Exerzitien aus und ermöglicht einen profunden Einblick in die religiöse Weltanschauung des Barockkomponisten. Mit unglaublicher Fingerfertigkeit und stilsicherem Einfühlungsvermögen – jeder Ton ist nachempfunden – gelingt es Radulescu völlig unprätentiös, Bachs rhetorische Figuren, seine Zitate, seine Zahlensymbolik sowie die Proportionen einzelner Choralbearbeitungen und ihre Aussagen zu entschlüsseln sowie die theologische Architektur des Werks zu interpretieren. Er wählt durchweg zügige Tempi, doch bleiben diese so bemessen, dass der andächtige Zuhörer Bachs kontrapunktische Kunststückchen sehr wohl nachvollziehen kann. Dazu trägt nicht zuletzt die überaus klare Artikulation und Phrasierung bei. Radulescu bringt die Orgel zum Singen und Schwingen. Dabei steht sein meditatives Spiel ganz im Dienst des Komponisten. Für ihn ist die Aufführung des Werks als Predigt „ohne Worte“ zu verstehen. Das Publikum zeigt seine Begeisterung mit lang anhaltendem stürmischem Beifall.

Das Schlusskonzert der Akademieteilnehmer findet am Samstag, 29. September, 19 Uhr, in der Lisdorfer Kirche statt. Der Eintritt ist frei.