| 20:51 Uhr

Brücke
Kürzester Weg nach Saarlouis ist wieder frei

Das zweite Brückenteil schwebt ein.
Das zweite Brückenteil schwebt ein. FOTO: Thomas Seeber
Saarlouis. Vor 130 Jahren wurde sie abgerissen. Am Montag hat ein Kran wieder eine Brücke in Originalgröße auf die Pfeiler in der Saarlouiser Festung aufgelegt. Johannes Werres

Bauern aus Wallerfangen und Beaumarais hatten um 1800 ihre liebe Not, wenn sie ihre Waren in der Festung Saarlouis verkaufen wollten. Sie kamen über den Treidelpfad an der (alten) Saar, mussten irgendwie um die Festungswerke herum zum Französischen Tor (heute Kleiner Markt). Das war weit. Aber immer noch besser als über das Deutsche Tor. Denn dazu mussten sie die Saar überqueren.


Dann übernahmen 1815 die Preußen die Festung von den Franzosen. Die Preußen zeigten sich zivilistenfreundlich. Im Rahmen eines großen Investitionsprogrammes, mit dem sie die Festung Saarlouis erneuerten, bauten sie ab 1820 nicht nur die Kasematten, sondern auch ein kleines Brückchen quer über das südwestliche Eck der Überschwemmungsfestung, den Ravelin V. Das Brückchen führte den Weg vom Treidelpfad weiter durch die Vaubanstraße und einen kleinen Durchlass im Wall in die Stadt. Der Durchlass hatte den Namen Wallerfanger Poterne.

Bis die Festung abgerissen wurde, 1889, war die Brücke intakt. Inklusive einer Ziehbrücke zur Stadt hin, die um 22 Uhr hochgeklappt wurde, wie Stadtplaner Jürgen Baus erzählt.



Seit gestern steht die Brücke wieder. Im Rahmen der Umgestaltung des Ravelin V waren die Pfeiler gefunden worden. Jetzt musste nur noch die Brücke selbst aufgelegt werden: Eichenbohlen mit Stahlgeländer. Originallänge von 17 Metern. Plus drei Meter Gitterrost anstelle der Zugbrücke. In ein paar Wochen wird sie freigegeben.

Dann kann man, sagt Stadtplaner Baus, barrierefrei von der Stadt über die Brücke und das im Boden markierte Wegstück und den Treidelpfad bis nach Beaumarais und fast bis nach Wallerfangen kommen. Auch mit dem Fahrrad ist es wieder der kürzeste Weg.

Reine Baukosten der Brücke: 142 000 Euro brutto. Sie ist Teil des IV. Bauabschnittes der Umgestaltung. Glück für die Stadt: Denn sie zahlt nur ein Sechstel der Baukosten. Fünf Sechstel übernehmen Bund und EU aus Förderprogrammen. 4,9 Millionen Euro, zumeist von Bund und EU bezahlt, haben die ersten vier Bauabschnitte seit 2001 gekostet. Der fünfte ist in Planung. Er soll bis Herbst 2019 fertig werden. Hergerichtet wird dabei die Mauer zur Bastion VI hin (heute griechisches Lokal). Ihre ganz unterschiedlichen Höhen zeugen vom Abriss, der so genannten Schleifung 1889. Die wird, sagte Baus gestern, thematisiert. Sie soll leicht erkennbar werden. Am Ende sollen alle fünf Bauabschnitte des Ravelin knapp sechs Millionen Euro gekostet haben. Zu diesen reinen Baukosten kommen geschätzt zwei Millionen Euro Nebenkosten. Acht Millionen Euro wird also diese Kombination aus Natur und Geschichte am Saaralt-arm kosten. Im Wesentlichen wurde sie von vom Landschaftsarchitekten HDK Dutt & Kist in Saarbrücken geplant.

Am Rande: Über das seinerzeit rein hölzerne Brückchen brachten die Bauern vor allem eines aus Beaumarais und Wallerfangen nach Saarlouis auf den Markt mit, wie Baus erklärte: Spargel.

KOMMENTAR
Geschichte wiederholt sich doch ein winziges bisschen
Von Johannes Werres

Es hat Charme: Das Ravelin-Brückchen wurde in den 1820ern von Preußen im Rahmen eines großen Sanierungsprogrammes für Saarlouis errichtet. Das brachte geldwerte Leistungen und wohl auch Aufträge nach Saarlouis. Die Neuauflage des Brückchens nach fast 200 Jahren war nur als Teil von Förderprogrammen denkbar, die geldwerte Leistungen und Aufträge nach Saarlouis brachten. Beide Male wurden Mittel von außen in Saarlouis gebunden. Wobei das im aktuellen Fall wohl etwas schwieriger war, wegen der komplizierten Anträge. Das ermöglicht kleckern statt klotzen. Heißt: ermöglicht nachhaltige Verbesserungen für die Stadt.

Der Ravelin V ist ein gutes Beispiel dafür. Ein neues Stück Park. Einblick in das Herz, in die Funktion der Überschwemmungsfestung Saarlouis. Bürger wie Besucher sehen ganz real, worin die Bedeutung von Saarlouis bestand. Mauern vitalisieren sich zu Identität, zum Gesicht der Stadt. Mal sehen, ob die Jury diesen Ball auffängt, wenn sie über das geplante Denkmal für die französischen Festungsbauer Vauban und Choisy entscheidet.

Symbolkraft: Hier laufen preußische und französische Militärarchitektur zusammen: Der preußische Pfeiler lehnt sich an die (abgeschrägte) französische Mauer an.
Symbolkraft: Hier laufen preußische und französische Militärarchitektur zusammen: Der preußische Pfeiler lehnt sich an die (abgeschrägte) französische Mauer an. FOTO: Thomas Seeber
Das erste der beiden Teilstücke wird auf die originalen Sandsteinpfeiler aufgesetzt.
Das erste der beiden Teilstücke wird auf die originalen Sandsteinpfeiler aufgesetzt. FOTO: Thomas Seeber
Die Brücke wird rechts und links von zwei rekonstruierten Pfeilerpaaren begrenzt.
Die Brücke wird rechts und links von zwei rekonstruierten Pfeilerpaaren begrenzt. FOTO: Becker&Bredel