Partnerschaftsgespräche in Saarlouis zum Städtebau: „Jeder soll in seinem Viertel gut leben können“

Partnerschaftsgespräche in Saarlouis zum Städtebau : „Jeder soll in seinem Viertel gut leben können“

Wie kann man eine Innenstadt stärken, ohne die Stadtteile zu vernachlässigen? Was tun Eisenhüttenstadt, Saint-Nazaire und Saarlouis, um ihre Stadtteile aufzuwerten? Darum ging es bei den 25. Partnerschaftsgesprächen in Saarlouis.

Erstaunlich, wie sich ganz verschiedene Bilder gleichen können. Kaum verschiedener könnten die Anmutungen von Saint-Nazaire am Atlantik, Eisenhüttenstadt in Brandenburg und von Saarlouis im Saarland sein. Und doch, wie sich bei den 25. Partnerschaftsgesprächen dieser drei Städtepartner am Montag und Dienstag schnell herausstellte: alle drei Städte sind nicht klassisch gewachsen, sondern praktisch am Reißbrett geplant, Eisenhüttenstadt ab 1950, Saint-Nazaire wegen fast völliger Zerstörung im Zweiten Weltkrieg in der Nachkriegszeit und Saarlouis als französischer Garnisonsort ab 1680. Alle drei haben aber auch ältere Stadtteile und bringen derzeit mit vielen Millionen Euro systematisch neues Leben in die Stadtzentren ebenso wie in die Stadtteile. Darum ging es bei diesen Partnerschaftsgesprächen im Theater am Ring.

Was sich gleicht: In den drei Kommunen werden zahlreiche Projekt angepackt, deren Millionen-Kosten großenteils nicht von der Kommunen, sondern aus meist nationalen Programmen oder durch EU-Förderprojekte bezahlt werden. Saint-Nazaire etwa stecke bis 2025 über 90 Millionen Euro in Projekte zur Revitalisierung, sagte Benoît Ferrandon von der Stadt Saint-Nazaire.

Saarlouis wertet im Projekt „Soziale Stadt“ bis 2028 geplante 38 Millionen Euro für Roden und weitere 32 Millionen Euro für Fraulautern auf, wie Sabine Herz vom Planungsbüro FIRU erläuterte, die das Projekt für Saarlouis betreut. Eisenhüttenstadt bekämpft seinen Einwohnerschwund bereits seit 2006 mit dem Projekt „Soziale Stadt“.

Aus Saint-Nazaire: Benoit Ferrandon. Foto: Sascha Schmidt/Stadt Saarlouis
Aus Eisenhüttenstadt: Andrea Peisker. Foto: Sascha Schmidt/Stadt Saarlouis

„Jeder soll in seinem Viertel gut leben können“, nannte Ferrandon das Ziel der Stärkung von Stadt und Stadtteilen. Andrea Peisker von der Stadt Eisenhüttenstadt nannte als Ziel: „Dass jeder Bürger gut redet von Eisenhüttenstadt.“ Und das die Leute einfach bleiben: Die Stadt hat seit 1990 mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verloren. Saint-Nazaire und besonders Eisenhüttenstadt präsentierten ihre Projekte als stark vom Bemühen geprägt, Bewohnerinnen und Bewohner der Stadtteile aktiv einzubeziehen. So verfügen die Bürger von Saint-Nazaire über ein Budget von 800 000 Euro, um eigene Projekte unabhängig von der Stadtverwaltung umzusetzen.

In Saarlouis sieht „Soziale Stadt“ derzeit je 10 000 Euro für Roden und Fraulautern vor. Der Betrag solle aber auf 15 000 Euro aufgestockt werden, sagte Bürgermeisterin Marion Jost.

Aktive Bürgerbeteiligung sei schon deswegen wichtig, weil sie gegensteuere, wenn eine Verwaltung die tatsächlichen Interessen der Bewohner nicht richtig wahrnehme, sagten die Vertreter von Saint-Nazaire und Eisenhüttenstadt.

Aber das ist so eine Sache: Bürgerinnen und Bürger lassen sich nicht so leicht begeistern, oft sehe man dieselben Gesichter. In Saint Nazaire, erklärte Ferrandon, habe man zum Beispiel eine große Anzahl Bürger ausgelost, und eine ordentliche Anzahl habe dies als Einladung angenommen, an den Gesprächen zur Stadtteilerneuerung teilzunehmen. Es gelinge aber nicht immer, einen solchen Prozess in Gang zu setzen.

Aus Saarlouis: OBerbürgermeister Peter Demmer. Foto: Sascha Schmidt/Stadt Saarlouis

In Eisenhüttenstadt versucht man es mit vielen kleinteiligen Maßnahmen. So gibt es einen Treffpunkt „offis“, an dem man nebenbei auch (und nur dort) die Gelben Säcke erhält oder die Stadtteilzeitung. „Es ist besonders schwierig, junge Menschen für das wichtige Projekt Soziale Stadt zu animieren“, bilanzierte Eisenhüttenstadts Bürgermeister Frank Balzer. Aber die Ansprache der Bürger sei wichtig, sagte Peisker, denn: „Man muss eine möglichst breite Basis der Zielgruppe ansprechen; sich nicht damit zufrieden geben, selbsternannte Interessenvertreter am Tisch zu haben.“

Die deutschen Langzeitprojekte „Soziale Stadt“ verlangen ausdrücklich eine Bürgerbeteiligung. In Saarlouis, noch ganz am Anfang des Prozesses, kamen bis zu 60 Bürger zu den ersten Bestandsaufnahmen.Das Interesse wachse, wenn die Projekte konkreter und umgrenzter werden, erwartet Herz.

Breit die Palette von Maßnahmen, die in den Kommunen angegangen wurden. Die deutschen Partner beneideten Saint-Nazaire um die Möglichkeit, Geschäfte in der Innenstadt zu kaufen und an Geschäftsleute zu geben. Oder um die Sanierung der Markthalle für zehn Millionen Euro. In Eisenhüttenstadt geht viel Energie in den Abriss oder die Aufwertung von Wohnraum.

Aus Eisenhüttenstadt: Michael Reichl. Foto: Sascha Schmidt/Stadt Saarlouis

Saarlouis hat bislang die Innenstadt gestärkt. Und da zum Beispiel „zehn Millionen Euro ins Theater am Ring gesteckt“, wie OB Peter Demmer betonte. Und viele Millionen in die Freilegung und Gestaltung des Ravelin V, wie Stadtplaner Jürgen Baus sagte. Er zeigte, wie sich seit Beginn der Ravelin-Sanierung der Tourismus in Saarlouis in einem Ausmaß vergrößert habe, wie man es bis dahin nicht für vorstellbar gehalten habe.

Der Saarlouiser Stadtplaner und Denkmalpfleger Jürgen Baus. Foto: Sascha Schmidt/Stadt Saarlouis
Sabine Herz von FIRU erläutert das Projekt Soziale Stadt in Saarlouis. Foto: Sascha Schmidt/Stadt Saarlouis

Alle drei Kommunen, das zeigte die Tagung, beschränken sich nicht mehr auf isolierte Maßnahmen, um den Alltag der Bürger zu verbessern. Demmer: Die Tagung habe gezeigt, „statt punktueller Vorhaben ist nun ein strukturiertes Vorgehen“ angesagt. Und: „Die Einbindung Betroffener ist besonders wichtig, wir brauchen ein Höchstmaß an Akzeptanz.“ Die Partnerschaftsbeauftragte von Saint-Nazaire, Gaelle Benizé-Thual: „Wir brauchen ein Maximum an Kommunikation.“

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