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Ist der Zug in die Stadt vielleicht schon wieder abgefahren?

Ist der Zug in die Stadt vielleicht schon wieder abgefahren?

Was im niedersächsischen Diepholz lief, würde mancher Bürgermeister auch im Kreis Saarlouis von sich sagen: "Wir haben das ganze Repertoire durchgezogen, alles, was man so macht zur Belebung der Innenstadt. Aber so richtig hat das alles nicht funktioniert." Zwischenbilanz von Bernd Öhlmann, dem Wirtschaftsförderer des kleinen ländlichen Städtchens Diepholz, bei einer Podiumsdiskussion der Grünen am Dienstag zum Thema "Neue Wege für lebendige Ortskerne" im Theater am Ring.

Diepholz ging dann im Rahmen eines Pilotprojektes eine Kooperation mit dem Internet-Handel ebay ein. 30 Läden machten mit. Sie vernetzten sich digital mit Hilfe von ebay. "Es wurde zu einem Zusatzgeschäft für 15 bis 20 Läden". Ziel auch: Mehr Leute in diese Läden zu bringen, die Innenstadt also zu beleben. Ein Anfang, sagte Öhlmann. Machbar aber definitiv nur begleitet, schon die rechtlichen Fragen würden den einzelnen Händler überfordern.

Probieren, riet der Praktiker Öhlmann, sich digital vernetzen und zusammenarbeiten, ganz sicher nicht einfach auf Veränderungen warten. Das war Tenor der ganzen Diskussion.

Ulrike Regele (Deutscher Industrie- und Handelskammertag) geht davon aus, dass nicht städtische Lagen Probleme bekommen , sondern die kleinen und mittleren Orte. Sie seien von einem bis 2024 prognostizierten Umsatzrückgang um ein Viertel betroffen. Kunden erwarteten heute mehr, wenn sie sich zum Aufenthalt in kleineren Orten hingezogen fühlten. Die Strategen von Handel und Tourismus müssten daher "endlich" zusammenfinden.

Und wer Ortskerne beleben wolle, müsse vor allem für eines sorgen: "Breitband, Breitband, Breitband". Also schnelles Internet, forderte Regele.

Etwas andere Akzente bei Raumplaner Wilhelm Klauser aus Berlin "Die Zukunft wird dezentral sein", sagte er voraus. Der Zug in die Städte werde sich umkehren, "das spüre ich schon jetzt". Wer den Trend zurück in kleinere ländliche Orte richtig begleite, habe gute Chancen, Ortskerne zu beleben. Basis: Weder für das Arbeiten noch für das Einkaufen werde man feste Plätze in den Städten brauchen, also zum Beispiel das eigene, ständig besetzte Büro. Einerseits. Andererseits: Neubauten für Unternehmen in kleinen Orten rechneten sich kaum. Deswegen müsse umgebaut, ausgebaut werden. Die Räume müsse man sich teilen. Zwei Tage die Sparkasse, zwei Tage ein Versicherungsbüro und so weiter. Man brauche dazu ja nur einen Tisch und einen Drucker.

Ein Projekt "Große Emma" habe das vorgemacht, zeigte Klauser. Leiten dürfe einen dabei ausdrücklich nicht - wie so oft - die Frage an die Bürger, ob sie diese oder jene Leistung am Ort im ländlichen Raum nutzen würden. "Sie sagen immer ja, und dann passiert nichts." Gefragt werden müssten die Unternehmen: "Was wollt ihr leisten?"

Variabel genutzte Räume mit vielen Nutzern müssten mit digitaler Information gut vernetzt werden. Das biete neue Chancen. Etwa in Form von "Serviceketten". Dabei werde das Angebot eines Ladens um Dienstleistungen erweitert, sagte Klauser. Kunden erführen das auf ihrem Smartphone. Klauser rechnet außerdem mit einem Ende der großen Verkaufsflächen bei den Discountern auf der grünen Wiese. "Das kann rabiat und schell enden." Neue Verkaufsorganisationen kämen mit viel kleineren Flächen aus.

Markus Tressel, der Saarlouiser Bundestagsabgeordnete der Grünen, forderte "Landesplanung aus einem Guss". Das "Kirchturmdenken jedes Bürgermeisters" bei Ansiedlungen dürfe nicht bleiben. Was der Vorsitzende des Verbandes des Einzelhändler in Saarlouis, Harald Feit, im Prinzip auch so sah. Aber, sagte er in der von der grünen OB-Kandidation Claudia Beck moderierten Diskussion: "Die Kommunen stehen nun mal im Wettbewerb untereinander. Nicht zuletzt wegen der Gewerbesteuer. So einfach ist das also nicht."