| 19:55 Uhr

„Intuition im Mittelpunkt“

Gilad Atzmon und sein Saxofon – mittlerweile ist Saarwellingen seine zweite Heimat.
Gilad Atzmon und sein Saxofon – mittlerweile ist Saarwellingen seine zweite Heimat. FOTO: Gerhard Alt
Saarlouis. Der britische Saxofonist Gilad Atzmon ist künstlerischer Leiter der 12. International Jazzwerkstatt vom 8. bis 14. August in Saarwellingen. Anlässlich eines Konzerts im Frühjahr im Alten Rathaus sprach er mit SZ-Mitarbeiter Gerhard Alt.

Herr Atzmon, Sie haben über 100 internationale Auftritte im Jahr und sind von Beginn an Dozent an der Jazzwerkstatt. Was motiviert Sie, immer wieder nach Saarwellingen zu kommen?



Atzmon: Nach zwölf Jahren ist Saarwellingen wie eine zweite Heimat für mich. Ich liebe den Ort, ich liebe die Menschen, und - ich schätze, das weiß mittlerweile jeder - ich bin ein Schwenker-Fanatiker.

Bitte beschreiben Sie kurz, was in den Workshops geschieht.

Unsere Jazzwerkstatt stellt die musikalische Intuition in den Mittelpunkt - im Unterschied zu akademischem oder theoretischem Wissen. Ich glaube, dass es der Musik in erster Linie um Schönheit geht und wir eine Menge davon erreichen, wenn wir spielen. Dazu gehören die Jam Sessions jeden Abend, umfangreiche Combo-Workshops und Instrumentalunterricht.

Wie der Philosoph Martin Heidegger glaube ich: Lehren ist andere lehren, wie man lernt. Wir lehren unsere Schüler, wie sie selbst ihre eigenen Lehrer werden.



Was ist am wichtigsten beim Jazzspielen: Spieltechnik, Musiktheorie, Rhythmusgefühl, Beherrschung des Instruments, Emotionen...

Atzmon: Das kann ich in drei Grundsätzen zusammenfassen. Um in jedem Bereich (Rennfahrer, Politiker, Musiker, Liebhaber) besser zu werden, musst du: A. herausfinden, was deine größten Schwächen und die Schwierigkeiten in deinem Spiel sind (Ton, Technik, Theorie, Ohren, Originalität, Kraft usw.). Denn es sind immer deine eigenen Schwierigkeiten, die dir im Weg sind; B. deine persönliche Methode und Gewohnheit zu üben entwickeln, um deine Schwierigkeiten zu überwinden; C. dran bleiben, immer weiter üben und deine eigene Methode verbessern. Denk dran: Deine Schwierigkeiten werden nicht verschwinden, aber du kannst sie im Zaum halten.

Worin unterscheiden sich Ihre Rollen als Lehrer von Jazz und als Künstler, der Jazz vor Publikum spielt?

Atzmon: Ich glaube tatsächlich, dass die Rolle des Jazzlehrers und des Jazzkünstlers sehr verschieden ist, es besteht fast ein Widerspruch. Der Jazzkünstler strebt danach, sich dauernd und unentwegt neu zu erfinden. Man sagt, ein Jazzmusiker sei jemand, der dasselbe Stück nicht ein einziges Mal gleich spielt (a person who doesn't play the same thing once). Dagegen muss der Jazzlehrer methodisch, widerspruchsfrei, konsequent und durchschaubar sein. Während Jazz gespielt wird, im Idealfall vom Unterbewusstsein geleitet, überführt der Jazzlehrer den unterbewussten Zusammenhang in ein Wissen. In unserem Bemühen, diese Spannung zwischen Ausbildung und Schönheit aufzuheben, liegt die Kreativität. Wir versuchen, die Jazzausbildung zu einem kreativen Ereignis zu machen, in welchem die Schönheit der Zweck ist.

Sie haben Philosophie studiert und über Kants "Kritik der Urteilskraft" gearbeitet. Kant meint, Schönheit bewirke "interesseloses Wohlgefallen". Dient Ihre Musik noch anderen Zwecken?

Atzmon: Dies ist allerdings ein sehr wichtiger Punkt. In der Tat hat Kant mir mehr Jazz beigebracht als andere Jazzlehrer. In Übereinstimmung mit Kants Begriff der Schönheit geht es unleugbar um das Streben nach dem Erhabenen. Genau da sehe ich den Gegensatz zwischen der Kunst des Jazzspielens und der Ausbildung. Die Analyse des Erhabenen ist geradezu ein heilloses Unterfangen. Kant stimme ich zu, dass die Hervorbringung von Schönheit die Domäne des Genies ist. Ich räume ein, dass du nicht trainieren kannst, Genie zu sein, aber du kannst die Bedingungen erleichtern, die es ermöglichen, dass das Genie zu Tage tritt und sich durch Kreativität selbst verwirklicht.

Steht heute nicht alles unter dem Aspekt der Nützlichkeit oder Verwertbarkeit, auch die Musik?

Atzmon: Vor fünf Jahren hätte ich anders geantwortet. Heute ist die Musikindustrie wegen Streaming, Spotify und Apple Music etwas Totes, Einheitliches. Alles läuft auf Vereinfachung hinaus. Der Künstler ist wirklich arm, trotzdem frei. Wir können spielen, was immer wir wollen und alles, was wir für schön halten. Wir sind nicht auf Genres oder Verkäufe beschränkt. Es tut weh, zuzugeben, dass ein Jahrhundert der zerstörerischen Kulturindustrie von der Schönheit wenig übrig gelassen hat. Die Industrie reduziert Schönheit auf Mode mit Hilfe von Kommerzialisierung. Wenn Musik einmal keine Ware mehr ist, ist sie schön.

Und wenn jemand im Workshop Sie bittet, mitzuhelfen, Jazz zum Beruf zu machen, was sagen Sie dann?

Atzmon: Natürlich! Eine Absolventin von uns, Nora Kamm, ist heute eine sehr erfolgreiche Saxofonistin. Nicht wenige junge Leute, die unsere Workshops im Laufe der Jahre besucht haben, machen jetzt ihre Abschlussprüfung in Musikschulen in ganz Europa.

Ich bin 53 Jahre, Profimusiker seit über drei Jahrzehnten. Ich habe jede Sekunde davon genossen. Wäre ich ein junger Musiker, würde ich dieselbe Wahl wieder treffen. Allerdings ist es in der aktuellen Situation nicht immer leicht, Musiker zu sein. Die Musikwelt schrumpft. Die sich entscheiden, Musiker zu sein, sollten sich sicher sein, dass sie den Druck aushalten können.

In Ihrer Musik vereinen Sie Swing, Bebop und Pop mit orientalischen Traditionen. Ich kann mir gut vorstellen, wie es klingen würde, wenn Gilad Atzmon "Der Mond ist aufgegangen" oder "Kein schöner Land in dieser Zeit" spielte. Sie auch?

Atzmon: Das ist nun wirklich eine schlechte Nachricht. Das kann ja nur heißen: Ich bin allmählich zu berechenbar. Vielleicht sollte ich in Rente gehen.

Gott bewahre! Aber bitte sagen Sie in einem Satz, was Jazz ist.

Atzmon: Die Schönheit verwirklicht sich selbst.