Immer schön der Größe nach

Saarlouis/Saint-Nazaire. In den 50er Jahren war Weihnachten ganz anders als heute", schreibt Marianne Bruno. "Es gab keine christliche Tradition bei uns. Bloß ein Familienfest. Also keinen Advent, keine Mitternachtsmesse. Bloß einen Tannenbaum, einen großen Tannenbaum. Wir waren sechs Kinder und wohnten in einem großen Haus

Saarlouis/Saint-Nazaire. In den 50er Jahren war Weihnachten ganz anders als heute", schreibt Marianne Bruno. "Es gab keine christliche Tradition bei uns. Bloß ein Familienfest. Also keinen Advent, keine Mitternachtsmesse. Bloß einen Tannenbaum, einen großen Tannenbaum. Wir waren sechs Kinder und wohnten in einem großen Haus. Der Tannenbaum war im Wohnzimmer aufgestellt: Papa baute ihn auf. Damals gab es Glaskugeln, wenige, aber wunderbar, Girlanden und echte Kerzen. Am Vorabend mussten wir unser Paar Schuhe wachsen (wir hatten nur eines), und sie wurden unter den Tannenbaum gestellt. Dann schloss Papa die Türe ab, steckte den Schlüssel in die Tasche und wir mussten schlafen gehen.

Am folgenden Morgen wachten wir früh auf und die Eltern trödelten herum. Aber wir waren so aufgeregt, dass sie aufstehen mussten. Wir mussten uns dann der Größe nach vom Kleinsten bis zum Größten aufstellen - das brauchte ganz schön Platz, wir waren ja zu sechst - Papa öffnete feierlich die Tür und ließ zuerst den Kleinsten eintreten. Mama brachte ihn zu seine Schuhen, und so ging es weiter.

Dann wurden die Kerzen von unseren Eltern angezündet. Währenddessen durften die Kinder entdecken, was der Weihnachtsmann, der Bonhomme Noel, in den Schuhen abgelegt hatte. Oft war das ein Brioche, eine Orange und Schokoladenbonbons. Und vor oder hinter den Schuhen befand sich das Geschenk: Es gab ja keinen Überfluss. Je nach Alter fand das Kind ein Buch, eine Puppe, Puppengeschirr, ein Spielzeugauto. Aber immer bloß eins. Und wir bewahrten sorgfältig das Einwickelpapier und die Bänder auf. So kommt es, dass viele alte Leute die Geschenke lange behalten haben und es vielleicht immer noch tun. Denn sie waren so selten und kostbar, dass sie kaum angefasst wurden. Ich selbst konnte vor Kurzem meiner Enkelin das Puppengeschirr aus Porzellan schenken, die ich mit sechs Jahren bekommen habe. Mittags aßen wir das traditionelle Weihnachtsessen: Gänseleber für die Eltern, den knusprigen Truthahn, Weihnachtskuchen mit viel Sahne und gekrönt von Baiser-Pilzen."

 Weihnachten in Saint-Nazaire heute: Ein Schwenker, ein Gastgeschenk aus Saarlouis, dient als Tannenbaumhalter bei Yves-Marie Leroux in Saint-Nazaire. Foto: Christiane Bähr
Weihnachten in Saint-Nazaire heute: Ein Schwenker, ein Gastgeschenk aus Saarlouis, dient als Tannenbaumhalter bei Yves-Marie Leroux in Saint-Nazaire. Foto: Christiane Bähr

Und heute, so schreibt Bruno: Mit Plastiktannenbaum, der seine Farben wechseln kann, vielen Geschenken. Und "obwohl wir nicht gläubig sind, öffnen die ganz Kleinen jeden Tag im Dezember ein Türchen am Adventskalender, der oft gekauft ist - mangels Zeit, ihn selbst herzustellen." we