Helmut Schirra schließt Antiquitätenhandel in Saarlouis

Antiquitäten : „Es geht alles, wenn es Ihnen gefällt“

Auktionen macht er schon länger nicht mehr, nun schließt er nach 40 Jahren auch seinen Antiquitäten-Handel in Saarlouis für immer. Helmut Schirra sagt mit Bedauern: Die Zeit der guten Geschäfte mit alten Möbeln ist längst vorbei.

Früher hätte er das nie gemacht. Gespräche fanden immer im Büro statt. Helmut Schirra, Auktionator, Gutachter und Antiquitätenhändler in Saarlouis, hätte sich gewiss nicht auf einer Antiquität niedergelasssen, die er verkaufte. Jetzt aber sitzt er mit seiner Frau Heidemarie in einer Sitzgruppe im Stil Louis XVI., um 1900, allerliebst, für einen Spottpreis zu haben. Ein Hauch von Salon. Schirra wickelt nach 40 Jahren seine Firma in Saarlouis-Lisdorf ab. Die arbeitsintensiven Auktionen hat er schon 2007 aufgegeben. Seitdem gibt es nur noch zwei Auktionatoren im Saarland. Jetzt löst Schirra den restlichen Bestand auch seines Antiquitätengeschäftes auf.

In einem der anderen Räume steht das Prachtstück des verbliebenen Bestandes, ein bretonischer Hochzeitsschrank aus dem 19. Jahrhundert. Eine Erinnerung auch an die Anfänge Schirras in dem Metier vor 40 Jahren.

Der heute 74-Jährige hat einen erstaunlichen Weg hinter sich. Volksschule, kaufmännische Lehre, Buchhalter, zwei Jahre Bundeswehr, parallel zu allem acht Jahre Abendschule mit Abschluss Diplom-Betriebswirt. Sechs Jahre Verwaltungsleiter in der Industrie. Dann eine Schnapsidee, angestoßen durch einen Freund: Selbstständig, man wollte in Antiquitäten machen.

Persönliche Beziehungen führten zum Einkauf in die Bretagne und nach Paris. Ende 1978 begann Schirra mit dem Handel.

Ahnung hatte er da nicht die geringste. „Ich verstand etwas von Betriebsführung, aber nicht von Antiquitäten.“ Er lernte intensiv Französisch, machte einen Fernkurs Antiquitäten. Und offenbar hatte er einen Blick für den handwerklichen und künstlerischen Wert alter Dinge, für Marktpreise und für Kunden, wusste, dass deren Vertrauen sein Kapital sein würden. Schon wenige Jahre später schrieb er Gutachten für Gerichte, das tut er bis heute. Noch nie sei eines dieser Gutachten erfolgreich bestritten worden, erzählt er. Ende 1979 wurde er auch Auktionator, seit den 90ern öffentlich bestellter und vereidigter Versteigerer.

2600 Kunden hat Schirra in seiner Kartei. Beratung? Ihnen keine Märchen zu erzählen, war seine Leitlinie. „Viele haben gefragt, ob dies oder jenes zusammenpasst, ob das geht. Ich habe immer gesagt: Es geht alles – wenn es Ihnen gefällt. Genau so haben wir uns auch privat eingerichtet. Nur danach, ob uns ein Stück gefällt.“ Schirras Frau Heidemarie, frühere Chefsekretärin, dann im Handel ihres Mannes tätig: „Bloß die Proportionen müssen zueinander passen.“

Von seinen privat erworbenen Möbeln habe er in den ganzen 40 Jahren keines zum Wiederverkauf zurückgetragen, sagt Schirra. Auch einen bretonischen Hochzeitsschrank nicht, den er schon im ersten Jahr unbedingt behalten wollte. „Aber ich hatte das Geld nicht. Mein ganzes Kapital steckte am Anfang in der Ware, vor allem in der Aufarbeitung. Die ist teuer.“ Ein Jahr später war der Schrank noch da, und Schirra konnte ihn aus seinem eigenen Bestand kaufen.

Einen zweiten Schwerpunkt neben alten Möbeln aus Frankreich setzte Schirra mit alten Lampen. „Ich denke, ich hatte zeitweise die größte Auswahl alter Lampen in Deutschland“, sagt er. Was zu der Kuriosität führte, nach dem Produktionsstopp für herkömmliche Glühbirnen einen Vorrat aus dem Ausland zu beschaffen, 20 000 Stück, „die waren nach zwei Jahren weg. Jetzt habe ich noch 3000 Stück mit Bajonett-Fassung.“

An so richtig prominente Einzelstücke in den 40 Jahren können sich die Schirras nicht erinnern. Tagesgeschäft eben, „mit vielen schönen Begegnungen, eine wirklich interessante Zeit“.

Doch fast die Hälfte dieser 40 Jahre „ging es mit dieser Branche bergab. Seit dem Jahr 2000. Wenn ich jünger gewesen wäre, hätte ich mir schon vor zehn Jahren einen neuen Job suchen müssen.“

Die 2600 Kunden „sind fast alle auch schon älter“. Und junge Leute, ergänzt Frau Schirra, „legen auf anderes Wert, leben anders, in kleineren Wohnungen“. Die Zeit der „rustikalen“ Antiquitäten, handwerklich Meisterwerke, oft beschnitzt, sei erstmal vorbei. Vorbei auch die Zeit, in der Interessenten einfach mal vorbeikämen, um zu schauen. Heidemarie Schirra: „Viel hat sich auf die Flohmärkte verlagert.“

Ein Gespräch im Laden von Schirra auf Sofa und Sesselchen, Louis XVI-Stil und zart beschnitzt, hätte in früheren Jahren an eine nachmittägliche Teestunde erinnern können. Ein passendes Tischchen hätte sich im Angebot sicher finden lassen, dünnes Porzellan sowieso. Doch das meiste ist längst verkauft. In den Vitrinen drum herum ein bisschen V & B, ein Griechisch-Lexikon von 1807, Bilder an den Wänden. Einige Möbelstücke sind auch noch da. Da muss es ein alter Stuhl statt des Salon-Tischchens tun, um die Cappuccino-Tasse abstellen zu können. Abwicklung eines Geschäftes eben, aber auch einer Epoche bürgerlichen Geschmacks mit Vorliebe für Altes und Expertise, mit Sinn für meisterliches Handwerk. Schirra verkauft jetzt für den halben Preis. Mal sehen, sagt er, was übrig bleibt. „Vielleicht mache ich dann eine Abschlussauktion.“

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