Heimeligkeit verbindet

Eine Familie aus Saarlouis wird zum größten Sponsor eines lothringischen Ortes.

Am Esstisch in der alten Mühle in Schreckling, "Moulin Becker", erfährt man, dass es durchaus Ersatz gibt für die alte, gewachsene und dann weitgehend verschwundene verwandtschaftliche Verflechtung von Menschen diesseits und jenseits der Grenze. "Als Bürgermeister bin ich froh, dass sie da sind", sagt der Maire von Heining-lès-Bouzonville, Barthélmy Lemal, zum Ehepaar Nicole und Harald Recktenwald, das aus Saarlouis nach Schreckling gezogen ist. Schreckling, ein paar hundert Meter nur hinter der Grenze, ist einer der drei Orte von Lamals Gemeinde. Wie so viele hört man auch ihn klagen, dass die Kinder nicht mehr miteinander spielen können, weil sie die Sprache des Nachbarn nicht mehr verstehen.

Tags zuvor hatte der Maire 5000 Euro von den Recktenwalds entgegengenommen, zum Bau eines Spielplatzes in der Gemeinde. Die Recktenwalds aus dem Saarland sind zum größten Sponsor des winzigen lothringischen Ortes geworden: mit einem Weihnachtsmarkt. Es war jetzt der sechste Weihnachtsmarkt an der Mühle.

Jahr um Jahr brachte er mehr Geld ein. Über 18 000 Euro spendete die Familie, das meiste für den Ort. Für den Spielplatz. Für die Restaurierung eines alten Kreuzes. Der Staat habe Zuschüsse dafür von viel zu komplizierten Bedingungen abhängig gemacht, sagt der Maire.

25 Stände gab es, einen Tag lang. Die Helfer kamen zuerst aus der Familie, dann aus der Schrecklinger Nachbarschaft, Deutsche wie Franzosen. Schwierig sei anfangs die französische Beteiligung gewesen, sagt Nicole Recktenwald. Bei den Ständen wie bei den Besuchern. "Die Franzosen haben da einen ganz eigenen Geschmack. Alles muss bunt sein, glitzern und blinken." Inzwischen aber kommen auch Standbetreiber aus Lothringen: Imker, Töpferei, Bio-Waren. Sie finden sie sich wie deutsche Anbieter nicht nur auf dem Mühlengelände wieder - sondern auch auf einer Warteliste.

1000 Besucher waren es auf dem Weihnachtsmarkt 2016, schätzen die Recktenwalds. Jahr um Jahr wurden es mehr. Ein Viertel stamme nun aus Frankreich, meint Harald Recktenwald. Das ist viel, denn Schreckling selbst hat nur 70 Einwohner, die Hälfte davon sind Deutsche.

Schreckling, der französische Teil von Leidingen und Heining bilden die Gemeinde Heining-lès-Bouzonville (516 Einwohner). Bürgermeister Barthélmy Lemal, französische und deutsche Bürger treffen sich nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt. Auch im Rathaus, denn Nicole Trockenwald gehört mit drei weiteren Deutschen dem Gemeinderat (15 Sitze) an - "mit gar nicht mal so wenigen Stimmen gewählt", wie sie sich am Esstisch der Mühle erinnert. Wie Lemal ist sie parteilos. Der Maire arbeitet seit mehr als 40 Jahren auf der Dillinger Hütte.

Dieses Esszimmer in der alten Mühle, das Wohnzimmer daneben, der Blick auf den Weiher: ein Traum. Nicole Recktenwald hat früher in Saarlouis-Roden ein kleines, aber feines Geschäft für Wohnungs-Accessoires geführt. Es seien gerade die einstigen Kunden gewesen, die sie auf die Idee des Weihnachtsmarktes gebracht haben, erzählt sie. Das Mühlengelände eignet sich dafür, weil es gerade im Winter schlicht malerisch aussieht, es strahlt Heimeligkeit aus. Ehemann Harald, der eine Firma für Autoteile betreibt, hat beobachtet, dass die französischen Besucher des Marktes hauptsächlich wegen der gastronomischen Begleitung kommen, wegen Austern und Crémant. "Und sie kommen wegen der Atmosphäre."

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 Vor dem Weiher der alten Mühle in Schreckling: Barthélmy Lemal, Harald und Nicole Recktenwald. Foto: Thomas Seeber
Vor dem Weiher der alten Mühle in Schreckling: Barthélmy Lemal, Harald und Nicole Recktenwald. Foto: Thomas Seeber Foto: Thomas Seeber

Erbaut im 18. und im 19. Jahrhundert (we) Die Becker Mühle in Schrecklingen (Schreckling) wurde 1746 erbaut. Ihre heutige Gestalt erhielt sie nach einem Brand um 1840. Mehrfach wechselte sie den Besitzer. Seit 2011 gehört sie der Familie Recktenwald. Sie veranstaltet dort den einzigen deutsch-französischen Weihnachtsmarkt in der Region.