Heiko Maas im Gespräch mit der SZ Saarlouis

Heiko Maas im SZ-Gespräch : Das Zuhause in Berlin, die Heimat im Saarland

Zwischen Tokio, Seoul und Berlin liegt dann auch mal wieder Saarlouis. Bei einem Besuch in der Heimat trifft sich Bundesaußenminister Heiko Maas mit Redakteuren der SZ zum Gespräch.

Wie lebt man als Bundesaußenminister? Heiko Maas hat es parat: „Außenminister sein ist immer Ausnahmezustand. Die ersten 100 Tage waren der totale Ausnahmezustand.“

Der Sozialdemokrat aus Schwalbach sitzt am Rande des Altstadtfestes in Saarlouis und erzählt. Da spricht einer, der die Rolle seines Lebens gefunden hat. Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Amtsantritt Mitte März. „Das hätte ich mir nie träumen lassen. Aber politische Karrieren sind sowieso nicht planbar.“

Maas, 51, ist eben erst von einer Reise nach Japan und Südkorea zurückgekehrt. 26 Stunden in der Luft, 47 Stunden dauerte der ganze Besuch. Aussteigen in Tokio bei 40 Grad und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. „Echt heavy. Auf dem Hinflug eine Nacht weniger, auf dem Rückflug zwei Nächte hintereinander. Ein Rest von Jetlag ist noch da. Aber zum Glück habe ich die Veranlagung, damit klar zu kommen. Ich kann auch im Flieger schlafen.“Gewusst hat er das nicht, als er Andrea Nahles und Olaf Scholz sein Ja-Wort gab, den Posten an der Spitze des Auswärtigen Amts zu übernehmen. „Ich hatte vorher ja keine große Möglichkeit, das zu testen.“

Und es wundert ihn immer noch ein bisschen: In der Regierungsmaschine, Typ Airbus A 340, gibt es Schlafkabinen – „seltsam, wenn man sich auch im Bett anschnallen muss“. Dann das Programm. „Durchgetaktet.“ Natürlich die gemeinsamen Erklärungen auf beiden Seiten komplett vorbereitet. Und doch: „Politik hat ganz viel mit persönlichen Beziehungen zu tun. Ich verstehe mich mit dem japanischen Amtskollegen Taro Kono ganz gut. Ich habe ihn früher schon öfter getroffen.“

Der Japaner hat ihm erzählt, die letzte ähnliche Abmachung mit Deutschland habe ausgerechnet sein Vater, damals auch Außenminister, unterschrieben. Darauf Maas: „Ich habe meinen Söhnen, 16 und 12, zugesichert, jede Berufswahl zu unterstützen – außer der eines Politikers.“ Diese Taktik, berichtet Maas mit einem Schmunzeln, habe der Japaner entgegnet, sei bei ihm wohl schief gegangen. Aber so lassen sich „Allianzen“ schmieden, „für den freien Handel in der Welt“. Offenheit, das ist seine Überzeugung, wird dir zurückgegeben.

Vier-Augen-Gespräche der Außenminister – etwa kurz vor Beginn großer Konferenzen – sind üblich. „Ich erzähle dann viel von mir.“ Außenminister duzen sich untereinander sofort, anders als andere Ressortminister. Ohne Dolmetscher redet man Englisch. Der Grundstock aus der Schule damals sei „absolut brauchbar“ gewesen. Bei Spezialthemen wird es schwierig, aber in die Diplomatensprache „da kommt man ganz gut rein“.

Die Vielfliegerei hat dabei auch geholfen.117  792 Kilometer ist er in den ersten 100 Tagen geflogen, sagt Maas, gezählt vom Auswärtigen Amt. „Mehr als etwa Gabriel, Steinmeier oder Fischer. Ich bin dort nach den 100 Tagen zum Reise-Weltmeister ernannt worden.“ Das bereitet ihm sichtlich ein gewisses Vergnügen. Er wusste gar nicht, dass eine solche Liste geführt wird.

Über 1000 Flugkilometer durchschnittlich pro Tag. Deswegen totaler Ausnahmezustand. War er also selten zu Hause? „Ich war viel unterwegs, sagen wir mal so.“ Aber wo ist das Zuhause von Heiko Maas? „Da, wo Familie und Kinder sind.“ Das ist derzeit Berlin, er wohnt im Stadtteil Wilmersdorf. In Berlin aber, sagt Maas, „werde ich nie alles kennen. Das werde ich auch nie aufholen.“

Anders das Saarland, das er seine Heimat nennt. „Das wird sich auch nicht mehr ändern. Im Saarland könnte man mich überall abwerfen, ich wüsste immer, wie ich weiterkomme.“ So hat er zwei Wohnsitze: den in Berlin und den im heimischen Schwalbach-Elm.

Heiko Maas, der Außenminister, ist SPD-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Saarlouis/Merzig-Wadern. Parteiämter in der Saar-SPD hat er nicht mehr. Saarländer bleibt er. „Zu den angenehmen saarländischen Eigenarten“ zählt er, dass jemand, der zum Beispiel in Berlin seinen Job macht, „und den Ruf nicht versaut, von den Saarländern anerkannt und respektiert wird. Die Parteizugehörigkeit steht dabei nicht an erster Stelle. Das ist eigentlich sehr schön.“

Seine Bühne aber ist die große Berliner Bühne, dort sind seine Themen. „Es sind die großen gesellschaftspolitischen Themen wie Sicherheit und Freiheit.“ Das habe er schon als Bundesjustizminister (2013 bis 2018) so gesehen. Damals habe er „95 Gesetze gemacht. Das waren konkrete Ergebnisse zwischen Aktendeckeln. Als Außenminister mache ich kein einziges Gesetz. Das ist eine ganz andere Arbeit.“

Wehmut eines Juristen? Was hat ihn zum Wechsel gereizt? „Als Außenminister war es die Größe der Aufgaben. Krieg und Frieden, die ganz großen Aufgaben in einer Zeit, in der sich die Welt neu sortiert. Alles in Bewegung, viel zu tun, viel Arbeit.“ Extrem viel lernt er, sagt Maas, „ich sehe, was nicht viele sehen, ich empfinde das als absolutes Privileg“.

Er kommt zurück auf die Reise nach Japan und Südkorea. Fotos auf seinem Smartphone zeigen ihn an der Demarkationslinie zwischen Süd- und Nordkorea. Er lächelt. Von draußen, hinter einer verschmierten Glasscheibe, fotografiert ihn ein nordkoreanischer Soldat, das Gesicht vermummt. Maas sagt in die Geräuschkulisse des Altstadtfestes ein paar Meter weiter: „Dass ich in diesem Moment das Bild für die freie Welt abgeben durfte, war ein Privileg.“

Eine Lehrzeit gab es nicht für den Außenminister. „Der Ernstfall kam schon nach ein paar Stunden im Amt.“ Wie verhalten sich Europas Außenminister zur Forderung der USA, nach dem Gift-Vorfall in Salesbury in England russische Diplomaten auszuweisen? „Sollen wir aus Solidarität Diplomaten ausweisen?“ Der französische Amtskollege rief beim neuen deutschen Außenminister an. So begann Maas’ Amtszeit, es folgten die 100 Tage besagter totaler Ausnahmezustand.

Bundesausenminister Heiko Maas im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung. Foto: Thomas Seeber
Bundesaußenminister Heiko Maas im Gespräch mit der SZ. Foto: Thomas Seeber
Bundesausenminister Heiko Maas im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung. Foto: Thomas Seeber

Zum Laufen kommt Marathon-Mann Maas seitdem kaum noch. Aber, manchmal, fügt er an dieses Gespräch in Saarlouis an, leise, da denke er: „Ja, was du da machst, machst du ordentlich, Kollege.“