Einzelhandel: Französische Kunden nicht selbstverständlich

Einzelhandel : Französische Kunden nicht selbstverständlich

Über ein Drittel des Umsatzes macht der grenznahe saarländische Einzelhandel mit Kunden aus Frankreich. Das muss nicht immer so bleiben: Thema einer Tagung der IHK in Saarlouis.

Der Einzelhandel in den grenznahen Städten des Saarlandes profitiert enorm von seinen französischen Kunden, aber er hat auch viel zu verlieren. Das ist ein Fazit einer Veranstaltung der IHK in den Räumen der Kreissparkasse Saarlouis (KSK) am Dienstagabend.

35 Prozent des Umsatzes von 86 befragten Händlern und Gastronomen in Saarbrücken bringen französische Kunden, wie eine Untersuchung im Sommer 2017 ergab. Ähnlich dürfte es in anderen grenznahen Städten an der Saar, etwa Saarlouis, aussehen, vermutete Andrea Gröppel-Klein, Direktorin des Instituts für Konsum- und Verhaltensforschung an der Uni Saarbrücken. Sie hat die Studie erarbeitet. Eine andere Studie habe ergeben, dass Saarbrücken mit 6600 Menschen pro Stunde die meistbesuchten Einkaufsstraßen unter den mittelgroßen deutschen Städten habe.

Dominik Scheid, Geschäftsführer der Globus SB-Warenhaus Holding GmbH & Co. KG, sagte, in den grenznahen Globus-Märkten liege der Anteil französischer Kunden zwischen etwa einem Drittel und bis fast zur Hälfte, die meisten im Globus in Saarbrücken. Die Studie ergab, dass französische Kunden im Schnitt 120 Euro im Monat im Saarland ausgeben. Deutsche Kunden dagegen fahren seltener nach Frankreich und geben dort statistisch nur rund 43 Euro im Monat aus.

Weiteres Ergebnis zumindest für Saarbrücken: Französische Kunden sehen Stadt und Stadtbild wesentlich positiver als die deutschen. Was kaufen Franzosen in Saarbrücken? 98,5 Prozent der Befragten gaben an, Kleidung zu kaufen. 77,9 Prozent kaufen Kosmetik und 69,8 Prozent Lebensmittel. Im Schnitt gäben französische Kunden pro Jahr in Saarbrücken 1400 Euro aus. „Eine enorme Zahl“, wie Gröppel-Klein findet. „Die französischen Kunden lassen viel Geld bei ihrem Einkauf in Saarbrücken“, sagt auch Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke. Er schätzt, dass ein Drittel des Umsatzes auf Franzosen zurückgehe.

Doch die Waage kann nach der anderen Seite ausschlagen. Große Konsum-Zentren für Einkauf und Freizeit auf der französischen Seite der Grenze umwerben nicht nur Franzosen, sondern gezielt auch Deutsche, sagte die Professorin. Das größte Zentrum, B’est bei Farébersviller nicht weit von Forbach, hat in diesem Jahr mit 55 000 Quadratmetern eröffnet. 2017 öffnete in Metz das Muse mit 37 000 Quadratmetern, 2014 Waves bei Metz mit 33 000 Quadratmetern. Solche Zentren gibt es auch in Luxemburg. Das größte, Cloche d’Or, habe 70 000 Quadratmeter und orientiere sich an einem Einzugsbereich von 1,5 Millionen Menschen, sagte Maud Korsec, frühere Leiterin des Einkaufszentrums Geric in Thionville.

Auch andere Faktoren könnten den Handel über die Grenzen verändern, erklärte Gröppel-Klein: Etwa, wenn im Rahmen der europäischen Harmonisierung die nationalen Unternehmenssteuern vereinheitlicht werden sollten, wie das der französische Präsident Emmanuel Macron anpeilt. Oder wenn sich das Preisgefüge ändere. Derzeit kosteten Lebensmittel in Frankreich zehn bis 30 Prozent mehr als in Deutschland. Doch in Deutschland verteuerten sich Lebensmittel merklich.

Dabei erhofften sich französische Kunden in Deutschland vor allem günstige Preise, sie schätzten zudem das große Warenangebot. Fast alle Befragten gaben denn auch an, Lebensmittel zu kaufen, gefolgt von Kleidung und Kosmetik. Wie die Deutschen nutzen sie gern die Gastronomie. Dort schätzen sie die Vielfalt von Speisen und Getränken, ausdrücklich aber auch die Sprachkenntnis des Personals.

Aus diesen Vorlieben heraus gab Gröppel-Klein Hinweise, wie der saarländische Handel französische Kunden halten könne. Dazu zähle der Ausbau der Zweisprachigkeit. Globus etwa baut sein auf Französisch übersetztes Infoangebot im Internet aus, wie Geschäftsführer Scheid sagte. Die Studie hat ergeben, dass sich Franzosen ein viel größeres Angebot an französischen Marken in den deutschen Geschäften wünschten (wie umgekehrt auch die Deutschen in französischen). Topthemen seien auch „Sicherheit und Sauberkeit“.

Korsec steuerte zu diesen Marketingempfehlungen die politische Komponente bei. Heute stünde nicht mehr Geschäfte, sondern ganze Regionen in Konkurrenz zueinander. Es brauche ein abgestimmtes „Regulativ“ bei den politisch gesetzten Bedingungen, über die Grenzen hinweg in der ganzen Großregion. Zum Beispiel eine Beobachtungsstelle für den Handel. Korsec plädierte auch dafür, wenigstens Teile von Fußgängerzonen wieder zu öffnen. „Es gibt sicher einen größeren Bedarf an Parkplätzen für Behinderte als Stellplätze für Fahrräder.“ Städtische Atmosphäre sei ein Pfund, mit dem Innenstädte in der Konkurrenz mit den großen Zentren wuchern könnten, unterstrich Korsac ebenso wie Gröppel-Klein.

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