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"Familie Çelik ist nicht vergessen"

Saarlouis. Im September 2002 wurde die sechsköpfige Familie Çelik aus Gerlfangen (Landkreis Saarlouis) in die Türkei abgeschoben. Zehn Jahre hatten die kurdischen Asylbewerber zuvor mit einer Duldung im Saarland gelebt. An ihr Schicksal erinnerten der Saarländische Flüchtlingsrat (SFR) und der Unterstützerkreis der Familie gestern in Saarlouis - aus Anlass des Tags der Menschenrechte am 10 Von SZ-Redaktionsmitglied Frauke Scholl

Saarlouis. Im September 2002 wurde die sechsköpfige Familie Çelik aus Gerlfangen (Landkreis Saarlouis) in die Türkei abgeschoben. Zehn Jahre hatten die kurdischen Asylbewerber zuvor mit einer Duldung im Saarland gelebt. An ihr Schicksal erinnerten der Saarländische Flüchtlingsrat (SFR) und der Unterstützerkreis der Familie gestern in Saarlouis - aus Anlass des Tags der Menschenrechte am 10. Dezember. Heinz-Peter Nobert, Anwalt und SFR-Vorstand, erklärte, am Schicksal der Familie Çelik würden "die ganze Unmenschlichkeit" auch saarländischer Flüchtlingspolitik "und ihre traumatisierenden Konsequenzen deutlich". Der SFR fordere "die Wiedereinreise der Familie ins Saarland".Denn der Familie, die heute in der alten Heimat in Nusaybin an der türkisch-syrischen Grenze lebt, "geht es nicht gut", berichtete Anne Bies aus Gerlfangen, die seit zehn Jahren den Kontakt zu Çeliks hält und regelmäßig an die Landespolitik appelliert - "damit wenigstens die Kinder ein Signal erhalten, zurück ins Saarland kommen zu dürfen". In der Türkei werde die ärmlich lebende Familie als "die Deutschen" verunglimpft. Zuletzt habe der älteste Sohn als einziger Ernährer der Familie seine Arbeit verloren, weil er "schwer erkrankt ist". Die Familie wolle gern ins Saarland zurück, sagte Bies: "Sie sagen, sie wollen nach Hause - also nach Deutschland". Dafür setzten sich ihre Unterstützer weiterhin ein. "Auch nach zehn Jahren sagen wir: Die Familie ist nicht vergessen."


Nobert kritisierte die "asylpolitische Entscheidung der damaligen Innenministerin Annegret Kramp-Karrenbauer", die 2002 zu der Abschiebung geführt hatte. Der "Fehler der Regierung" von damals müsse wiedergutgemacht werden. Bisherige Antworten von Politikern auf die Appelle der Unterstützer - wie ein Schreiben des Innenministeriums aus dem Vorjahr - empfinde man als "nicht ernsthaft", so Bies.

Rückblick: In der Nacht des 5. September 2002 wird Familie Çelik von einem "großen Polizeiaufgebot" (Nobert) aus ihrem Haus in Gerlfangen abgeholt und abgeschoben. Zehn Jahre war die Flüchtlingsfamilie gut in Gerlfangen integriert gewesen, sagen die Unterstützer, die Kinder waren gut in der Schule. Mutter Syria und Vater Sukru (heute 49 und 45 Jahre alt) waren 1991 mit Sohn Mesut (heute 23, körperbehindert) aus der Türkei geflohen. Ihre Kinder Mazlum (20), Gülbahar (19) und Dogan (16) sind im Saarland geboren.



Die Abschiebung wurde unter anderem mit dem "Vorwurf einer missbräuchlichen Verlängerung des Aufenthalts" (Nobert) begründet: 1992 war die Familie aus ihrem zugewiesenen Asyl in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) geflohen und hatte im Saarland einen zweiten Asylantrag gestellt - unter falschem Namen. Ein Rechtsverstoß, um den auch der Unterstützerkreis weiß. Nobert: "Der Fehler der Eltern" sei menschlich verständlich gewesen ("In Halberstadt fühlten sie sich nicht sicher") und hätte "nicht zwangsläufig zur Abschiebung führen müssen. Es gibt andere Beispiele dafür". Dagegen seien alle Asyl-Anträge und Klagen der Familie abgelehnt worden; auch eine "Altfallregelung" im Bleiberecht kam bei dem auch politisch umstrittenen Fall nicht zum Tragen. Nicht nur im Saarland gab es damals eine Debatte um die Flüchtlingspolitik. Seit 2002 kämpft der Unterstützerkreis für die Rückkehr der Familie. "Wir fordern die Wiedereinreise der Familie Çelik ins Saarland."

Heinz-Peter Nobert,

Saarländischer Flüchtlingsrat