Europafest in Saarlouis mit Führung im Landratsamt und im Bunker

Europafest in Saarlouis : „Ich durfte nicht einmal meiner Mutter etwas davon sagen“

Eine Führung durch den einst streng geheimen Stabsbunker unter dem Landratsamt.

Von seiner unbekannteren Seite präsentierte sich der Landkreis Saarlouis am Samstag und Sonntag. Nicht als Verwaltungseinrichtung, sondern mit ungewohnten Einblicken und Feierlaune beim „Europafest“ im Park an der Professor-Notton-Straße. Das letzte Mal wurde 2016 groß gefeiert, zum 200. Geburtstag des Landkreises und bei sonnigem Wetter. Am Samstag gab es dagegen Regenschauer, wenige sonnige Momente und kühle Temperaturen. Das drückte auch kräftig auf die Besucherzahlen.

Vor der offiziellen Eröffnung gab es ab 13 Uhr bei einer Führung Einblicke in die Verwaltungsgebäude. Dabei stand das Ensemble aus Kreisständehaus, Erweiterung von 1911 und Neubau von 1963 im Fokus. Zur gleichen Zeit lernten andere Besucher den Stabsbunker tief unter der Erde kennen. Dort informierten der ehemalige Leiter des Fernmeldezuges, Andreas Heisel, und Michael Rech, zuständig beim Landratsamt für öffentliche Ordnung und Sicherheit. „Am 31. 12. 2013 kam vom Innenministerium, diesen Bunker zu entwidmen“, berichtete Rech. Bis dahin unterlag der Anfang der 60er Jahre angelegte rund 40 mal 50 Meter große Komplex der Geheimhaltung. Nur etwa 50 Personen wussten von seiner Existenz. Die erste öffentliche Führung fand bei den Feierlichkeiten 2016 statt.

Zwei Etagen unter dem Großen Sitzungssaal liegen die kargen Räume. Im Falle eines Atomkrieges sollten dort 35 bis 40 Leute die wichtigsten Funktionen aufrecht halten. Darunter Führungskräfte von Polizei, Bundeswehr, Feuerwehr und Katastrophenschutz. Die Leitung hätte der Landrat gehabt. Zu den Aufgaben gehörte es, die erfolgten Schäden und Strahlenbelastungen zu ermitteln und weiterzuleiten. Aber auch, „wo bekommen wir Bagger her, um Löcher für all die Leichen zu graben“, schilderte Heisel. Familienangehörige wären nicht hineingekommen, sagte er. „Ich durfte nicht einmal meiner Mutter etwas davon sagen.“

Ziel der Anlage war es, „die Regierungsgewalt der Bundesrepublik aufrecht zu halten, um dann die Kräfte zu sammeln und zurückzuschlagen“. Dazu waren für rund 30 Tage Wasser und Vorräte geplant. Was danach auf die Überlebenden hätte zukommen können, blieb im Ungewissen. Aber Geld hätten sie gehabt. 15 Milliarden als Zweitwährung, die in einem Bunker bei Cochem an der Mosel deponiert waren.

Eine der 16 Teilnehmer der Führung hatte einen militärischen Bunker erwartet. „Aber das hier war trotzdem interessant“, meinte sie abschließend. Die stählernen Eingangstüren in Saarlouis hätten einer Bombe standgehalten, wie sie 1945 auf Hiroshima abgeworfen worden war. Laut Planung sollte der Schutt des zerstörten Landratsamtes zusätzlich schützen. Hinter dem gesicherten Eingang lag die Küche. Bei der Führung waren Notrationen von früher auf einem Tisch ausgelegt. Zumindest die Hartkekse seien noch essbar, bestätigte Rech. Getrennte Schlafräume für Männer und Frauen gab es. Wobei Frauen für Bürotätigkeiten zuständig waren, Entscheidungen waren Männern vorbehalten. Die erfolgten in einem Besprechungsraum, in dem Meldungen zusammenliefen und Einsätze koordiniert wurden.

Eine eigene Fernmeldezentrale hielt den Kontakt zu Such- und Hilfstrupps im Freien aufrecht sowie zu übergeordneten Stellen. Der Notausgang endet noch immer in einer Betonplatte, etwa fünf Meter vom Großen Sitzungssaal entfernt. Bei Übungen wurden die Helfer auch mal drei Tage eingesperrt, erinnerte sich Heisel. Und „die Stimmung war alles andere als gelassen“. Auch weil jeder wusste, wie real die Gefahr war. Bei der Kubakrise 1962 beispielsweise „ist die Welt haarscharf an einem Atomkrieg vorbeigeschrammt“, sagte Rech. Die Situation änderte sich ab 1985 mit Glasnost unter Michael Gorbatschow.

Zwei, die sich auskennen: Andreas Heisel (von links) und Michael Rech erklärten bei einer Führung den Besuchern die Abläufe im Stabsbunker unter dem Landratsamt in Saarlouis. Foto: Johannes A. Bodwing

Am Ende der Führung wies Michael Rech auf die Ehrenamtlichen bei Hilfsdiensten hin. „Unser Katastrophenschutz baut auf diesen Leuten auf“, erinnerte er daran, auch mit der Hoffnung, dass sich weitere dort engagieren.

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