| 21:09 Uhr

Es weht ein Hauch von Geheimnis

Ein Schutzanzug erinnert an den Hintergrund des Stabsbunkers: Michael Rech (links), zuständig beim Landratsamt für öffentliche Ordnung und Sicherheit, und der ehemalige Leiter des Saarlouiser Fernmeldezuges, Andreas Heisel. Fotos: Johannes A. Bodwing
Ein Schutzanzug erinnert an den Hintergrund des Stabsbunkers: Michael Rech (links), zuständig beim Landratsamt für öffentliche Ordnung und Sicherheit, und der ehemalige Leiter des Saarlouiser Fernmeldezuges, Andreas Heisel. Fotos: Johannes A. Bodwing
Saarlouis. Der Kreisfeuerwehrverband Saarlouis feiert Ende dieser Woche den 83. Kreisfeuerwehrtag. Die zugehörigen Wehren sind Teil des heimatlichen Katastrophenschutzes. Zu diesem gibt es ein 50 Jahre lang gehütetes Geheimnis unter dem Landratsamt Saarlouis. Johannes A. Bodwing

"Welche Möglichkeiten hätten wir da gehabt?", überlegt Michael Rech vom Amt für öffentliche Ordnung und Sicherheit fast zwei Etagen unter dem Saarlouiser Landratsamt. "Entweder hier verhungern und verdursten oder oben verstrahlt zu werden." Noch immer weht ein Hauch von Geheimhaltung um den ehemaligen Stabsbunker. Beim Bürgerfest zur 200-Jahr-Feier des Landkreises war er erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich. "Das war eine Ausnahme", sagt Rech.


Solche Stabsbunker wurden während des Kalten Krieges auf Kreisebene errichtet. Dazu ergänzt der Leiter des ehemaligen Fernmeldezuges, Andreas Heisel: "Aufgabe im V-Fall war die Aufrechthaltung der Befehlsgewalt der Bundesrepublik Deutschland." Und das auch in einer atomaren Katastrophe.

Was dies bedeutet hätte, lassen Unterlagen des Warschauer Paktes von 1979 erahnen. Demnach sollte im Kriegsfall ein atomarer Gegenschlag erfolgen, von Brüssel über Antwerpen, Stuttgart bis München. US-Militärs hatten schon 1956 Ziele für Atombomben in Osteuropa festgelegt. Allein 179 in Moskau und 145 in Leningrad. Ost-Berlin sollte systematisch zerstört werden, mit Atombomben auf 91 Ziele. Der Feuersturm hätte auch große Teile Westberlins verwüstet.



Vor diesem Hintergrund wurde der Bunker im Juli 1966 zur 150-Jahr-Feier des Landkreises eingeweiht. Aber bis 2016 wussten davon nur ausgewählte Leute. Denn im Ernstfall sollten hier etwa 35 Entscheider Verwaltungsfunktionen aufrecht halten. "Wäre in 200 Metern Entfernung eine Hiroshima-Bombe explodiert", sagt Kreisbrandinspekteur Bernd Paul, "hätte man das hier überstanden". Etwa zwei Wochen lang zwischen kahlen Betonwänden. Unter diesen Bedingungen hätte eine ganz strenge Hierarchie bestanden, sagt Rech. "Befehl ist Befehl." Und Paul führt aus: "Deshalb hat die Feuerwehr immer noch eine militärische Struktur. Ich kann beim Einsatz nicht diskutieren, ob die Leiter hier hin kommt oder da hin."

Der Saarlouiser Stabsbunker verlor am 31. Dezember 2013 seine ursprüngliche Aufgabe. Aber noch immer steht vieles der Ausstattung. Eine einfache Küchenzeile für die Aufbereitung der Notrationen, daneben Toiletten mit Hebewerk, das die Notdurft nach oben befördert. Feldbetten nach Geschlechtern getrennt, mit zwei Dritteln Männer und einem Drittel Frauen.

Die Luft im Bunker wurde mit 100 Kilogramm Sand gefiltert, darunter war auch Aktivkohle. Zum Entkommen aus dem Bunker ist ein schmaler Notausgang vorhanden.

Im Kreis Saarlouis gab es zusätzlich kleinere Bunker an erhöhten Positionen in Gerlfangen, Berus, Falscheid und Schmelz-Außen. Von dort sollten je zwei Personen unter anderen Bombenexplosionen melden, Windrichtung und Strahlungswerte. Im Stabsbunker lief all das zusammen. Die alte Fernmeldeanlage kann Heisel wie im Schlaf bedienen. "Erst werden die Batterien eingesetzt, dann lassen sich Verbindungen stöpseln und per Wählscheibe vermitteln."

Nicht nur die Bundesregierung regt die Bevölkerung inzwischen wieder zur Bevorratung an. Auch Kreisbrandinspekteur Bernd Paul rät, auf Katastrophen vorbereitet zu sein: "Eine Bevorratung, um notfalls einige Zeit Trinkwasser und Essen zu haben."

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Meinung:

Elektrisiert

Von SZ-Redakteur Johannes Werres

Als wir beschlossen, einen Beitrag über den alten Stabsbunker zu bringen, da hätte der Bericht auf die Kulturseite gehört. Die alte Leitstelle ist ein Museum. Doch ein paar Tage danach ist das Thema Krisenkonzepte für den Katastrophenschutz politisch aktuell. Heute verabschiedet der Bundestag ein solches Konzept. Wie elektrisiert haben viele Bürger auf ein Detail daraus reagiert: dass ihnen ein Lebensmittelvorrat für Krisen empfohlen wird. Dabei ist gerade das nicht neu. Anlass aber, darüber nachzudenken, was es bedeutet, dass wir immer verwundbarer werden, je mehr wir von Strom und Telekommunikation abhängen. Dass der alte Stabsbunker, wohl noch voll intakt, je wieder benutzt wird, will keiner annehmen. Aber Zeiten ändern sich. Neue Krisen scheinen plötzlich nah. Deswegen landet der Artikel über den Bunker doch nicht auf der Kulturseite.

Andreas Heisel bedient die alte Telefonanlage noch immer wie im Schlaf.
Andreas Heisel bedient die alte Telefonanlage noch immer wie im Schlaf.
Notration in der Bunkerküche. Auch das gibt es heute noch zu sehen.
Notration in der Bunkerküche. Auch das gibt es heute noch zu sehen.
Packenweise Formulare sind noch im Stabsbunker deponiert, das zeigen (von links) Kreisbrandinspekteur Bernd Paul, Andreas Heisel und Michael Rech.
Packenweise Formulare sind noch im Stabsbunker deponiert, das zeigen (von links) Kreisbrandinspekteur Bernd Paul, Andreas Heisel und Michael Rech.