Erstmal gegen die Wand gelaufen

Klänge es nicht so altmodisch, würde man sagen: eine bemerkenswerte junge Dame, diese Michelle Becker. Sie steht kurz vor dem Abi, will danach Psychologie studieren. Ihr Einstieg ins Schulsystem hatte nun gewiss nicht danach ausgesehen.

Michelle Becker, 20, macht jetzt Abitur, sie braucht einen guten Abischnitt, weil sie Psychologie studieren möchte. Ein Einskomma-Abschluss ist für sie nach den Vornoten keine vermessene Hoffnung.

Das ist jetzt so. Davon hätte sie vor ein paar Jahren noch nicht mal geträumt. Dazwischen liegt eine erstaunliche Schulkarriere. Sie war nur möglich, weil Michelle eine ruhige, unbeirrbare Beharrlichkeit entwickelt hat - und weil das Schulsystem vielgestaltiger ist als man denkt.

Michelle Becker ist in Beckingen aufgewachsen. In der Grundschule kämpfte sie mit einem leichten Sprachfehler. Heute ist der logopädisch längst ausgebügelt. Aber als Michelle auf die Erweiterte Realschule wechselte, hinderte er das Mädchen am Lernen. "In Deutsch zum Beispiel und in Englisch." Mathe war eh nicht ihre Stärke. Es reichte zum Hauptschulabschluss. Erzieherin wollte Michelle Becker dann werden, wie eine Freundin. Von ihr kannte sie die Akademie für Erzieherinnen und Erzieher am Technisch Gewerblich-Sozialpflegerischen Berufsbildungszentrum (TGSBBZ) Saarlouis . Dazu brauchte sie einen Realschulabschluss.

Also wählte sie eine Schule am TGSBBZ: Die Sozialpflegeschule (SPS), sie bereitet gezielt auf hauswirtschaftliche, soziale und pflegerische Berufe vor. Sie endet nach zwei Jahren mit dem Realschulabschluss. "Nach einem Jahr dort wusste ich: "Ich will mal Psychologie studieren."

Das hieß: Nach zwei Jahren noch eine Schule draufsetzen.Drei Jahre gymnasiale Oberstufe am TGSBBZ bis zum Abi. Das Wichtgste auf einem solchen Weg sei, sagt sie: "Ein Ziel vor Augen zu haben. Denn mit einem Ziel vor Augen fällt es leichter, über kleine Misserfolge hinweg zu sehen und weiter zu machen."

Das Oberstufengymnasium "war nun eine ganz andere Art zu lernen. Ich bin da erstmal gegen die Wand gelaufen. Andere, die vom Gymnasium hierher gewechselt waren, kannten das ja schon." Ging aber auch. Was half: Eine TGSBBZ-Variante der Oberstufe ist auf junge Leute zugeschnitten, die im Bereich Gesundheit und Soziales arbeiten wollen. Schon an der SPS hatte Michelle zusätzlich Biologie als Prüfungsfach gehabt. "Das lag mir." Und nun, in der Oberstufe, auch Psychologie : "Da freue ich mich schon, wirklich", dann zögert sie, weil: Wer freut sich schon aufs Lernen fürs Abi? Aber dann, doch, so sei es eben: "Ich freue mich schon aufs Psychologie-Lernen. Das liegt mir einfach."

Michelle Becker ist inzwischen auch Sprecherin aller rund 1700 Schülerinnen und Schüler. "Ich mag diese Schule einfach." Das liege vor allem an der "kunterbunten Vielfalt der Schüler", gemischt auch nach Herkunft, den vielen unterschiedlichen Biografien. "Wir haben eine Politiklehrerin, die gelernte Metzgermeisterin ist."

Mittlerweile hat auch die Studienstiftung Saar Michelle Becker entdeckt. Die Stiftung fördert sie als Junior-Stipendiatin, hilft ihr beim Übergang an eine saarländische Hochschule. Michelle bekennt sich zu "Leistung", zu "Ehrgeiz". Das geht weit. Trotz Schule, trotz ausgeprägtem Familiensinn, arbeitet sie, um möglichst viel ihres Lebensunterhaltes selbst zu bestreiten. Derzeit in einer Fabrik.

Meinung:

Ganz genau darum geht es

. . . Michelle Becker.

Von SZ-Redakteur Mathias Winters

Nur die Geschichte, von einer jungen Frau, die - wie es so nett heißt - die Kurve gekriegt hat? Nein, ein Bericht, der hoffentlich vielen anderen Mut macht, es ebenfalls mit einem Aufbau der eigenen (Schul-)Ausbildung anzupacken. Und Michelle Becker erzählt auch den vielen tatsächlichen und selbsterklärten Bildungsexperten etwas, das über viel zu viel Kleinklein viel zu oft vergessen wird: Das Schul- und Ausbildungssystem ist nur so gut, wie es jungen Menschen die Möglichkeit gibt, das Beste aus sich herauszuholen. Ganz genau darum geht es. Wenn das nur endlich mal zur Maxime unserer bundesweiten Bildungspolitik würde.