Er kämpft gegen die Atomkraft

Saarwellingen. Er ist 74 Jahre alt, und er lässt keine Demo gegen Atomkraft aus, tut seine Meinung in Cattenom, Metz und Perl oder Saarbrücken kund. "Mein Ziel ist, sämtliche Atomanlagen still zu legen", sagt Ambrosius Theis. Er hat die "Bürgerinitiative gegen die atomare Bedrohung Saarwellingen" mit begründet - 1986, in dem Jahr der Katastrophe von Tschernobyl

Saarwellingen. Er ist 74 Jahre alt, und er lässt keine Demo gegen Atomkraft aus, tut seine Meinung in Cattenom, Metz und Perl oder Saarbrücken kund. "Mein Ziel ist, sämtliche Atomanlagen still zu legen", sagt Ambrosius Theis. Er hat die "Bürgerinitiative gegen die atomare Bedrohung Saarwellingen" mit begründet - 1986, in dem Jahr der Katastrophe von Tschernobyl. Theis wirkt bestens informiert und vertritt seine Ansicht sehr sachlich und ruhig. Und eigentlich steht er nicht gern im Mittelpunkt, wie hier im Gespräch mit der SZ. Aber seine Sache ist ihm eben wichtig.

In seiner Küche leuchtet in roten Digitalziffern der Wert der Umgebungsradioaktivität, aktuell 239 Nano-Sievert. Den ermittelt sein Geiger-Müller-Zählrohr außen an der Hauswand. Er hat damals 2000 Mark gekostet. Die finanzierte die Initiative über eine offiziell genehmigte Haus- und Straßensammlung. Heute hat Theis ein Speichergerät installiert, zuvor haben er und seine Frau über Jahre in einem Büchlein täglich mehrfach Werte notiert, dazu kleine Symbole zu den Wetterbedingungen gemalt. Das Büchlein liegt noch auf dem Küchenschrank.

So haben sich in 26 Jahren Unmengen von Daten angesammelt, Informationen auf Blättern, in Ordnern und Büchern: wissenschaftliche Wahrheiten, Angst machende Szenarien und verschwörerische Theorien. Theis' kleines Arbeitszimmer, das gleich, wenn man ins Haus reinkommt, rechts vom Flur abgeht, ist voll davon. Vom Fußboden bis kurz unter die Decke stapeln sie sich in einem wandbreiten Regal, manche lugen aus einem Beistellschrank hervor, weitere stapeln sich auf einem Tisch. Zwei Computer fassen noch mehr als das Papier in dem kleinen Raum.

Ambrosius Theis hat alles studiert und mit Gleichgesinnten diskutiert. Das tut er heute noch täglich online mit seinen Mitstreitern. So entstehen Theorien, die auf seinen Messungen fußen, die manche beunruhigen und andere für gaga halten. Zum Beispiel die Theorie über den 14. und den 31. August des Jahres 1990. "An den Tagen, an denen wir hohe Werte registriert haben, klafft auf den amtlichen Grafiken der Länder Rheinland-Pfalz und Saarland eine Lücke. Dass zwei Messgeräte von zwei Ländern gleich zweimal zur selben Zeit ausfallen, erscheint fast unwahrscheinlicher als ein Supergau." Unter der Bedingung, dass er beide Male erhöhte Radioaktivität gemessen habe, behauptet Theis, "dass wir im Ernstfall überhaupt nicht oder zumindest ungenügend oder falsch informiert werden". Deshalb plädiert er dafür, dass alle selbst messen. "So kann man verhindern, dass falsche Aussagen verbreitet werden. Denn oft messe ich nach Störfällen in Cattenom, wenn der Wind aus dieser Richtung weht, erhöhte Werte. Aber es heißt, Radioaktivität ist nicht frei geworden'", sagt Theis.

Damals jedenfalls hätten sich im Regenwassersammler "vier Mal so hohe Werte als normal, oder was damals normal war", ergeben. Denn von normaler Umgebungsradioaktivität könne schon lange keine Rede mehr sein. "Atombomben und Atomanlagen haben soviel freigesetzt, dass die normalen Werte verändert sind", sagt Theis. Seit Tschernobyl sei der Durchschnittswert gestiegen. "Wegen der Halbwertzeit der Stoffe müsste er aber runtergehen." Dass die Messstationen seiner Bürgerinitiative funktionieren, das zeigten Vergleiche mit den großen Stationen in Perl (Station von Rheinland-Pfalz) und Berus (Station des Saarlandes).

Für den gelernten Waldfacharbeiter, der später wegen Krankheit Industriekaufmann wurde, ist es der Wahnsinn, wie heutzutage mit radioaktiven Materialien umgegangen wird. Wenn es um die Anschaffung von Werkzeug, Edelstahlgeschirr oder Fliesen geht, kann es schon mal vorkommen, dass Theis mit einem Kontaminationszähler im Geschäft steht. Schon Verstrahltes gefunden? "Nein." Aber für Vorträge zum Thema nutze er beispielsweise Fliesen, die den Geigerzähler schnell ticken lassen. Je schneller er tickt, desto höher die gemessene Strahlung. Solche Fliesen seien in Umlauf, sagt Theis.

Dass ihn deshalb manche belächeln, ist ihm nicht fremd. Aber andere sorgten sich und fragten: "Hast Du keine Angst, dass dir auf den Demos was passiert?" Hat er? "Nein." Davor nicht. Aber mit der Atomtechnik, "da passiert irgendwann was, das sagt das Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Es ist bescheuert, zu sagen: So etwas kann bei uns nicht passieren." "Oft messe ich nach Störfällen in Cattenom, wenn der Wind aus dieser Richtung weht, erhöhte Werte."

Ambrosius Theis

aus Saarwellingen

"Da passiert irgendwann was, das sagt das Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Es ist bescheuert, zu sagen: So etwas kann bei uns nicht passieren."

Ambrosius Theis

Hintergrund

Die Bürgerinitiative (BI) gegen die atomare Bedrohung Saarwellingen arbeitet im Hintergrund mit vielen Messwerten. Nach Angaben von BI Gründungsmitglied Ambrosius Theis ist sie aber so vernetzt, dass er im Falle eines Atomunfalls zehn Mitstreiter saarlandweit sofort ansprechen könne. Sie alle wären sofort wieder aktiv und würden ihrerseits ihre Kreise mobilisieren. Nach der Katastrophe von Tschernobyl hatte sich "der harte Kern der BI" regelmäßig getroffen.

Monatlich veröffentlicht die BI Grafiken zu den aktuellen Werten der Umgebungsradioaktivität im Saarwellinger Nachrichtenblatt. Im Internet sind sie für jeden Monat von 1989 bis heute abrufbar, die Adresse lautet: www.bigab-saarwellingen.kilu.de/grafik414.php. Ein Atomtechniker in Rente bereitet die Grafiken laut Theis auf.

300 bis 350 Besucher zählte Theis Ende der 80er Jahre in der Saarwellinger Festhalle auf seinen Vorträgen über die atomare Bedrohung, heute hält er noch wenige Vorträge, Besucher kommen allerdings kaum noch, berichtet er.

Das Ziel der BI und insbesondere das des Saarwellingers Ambrosius Theis ist, "auf die Gefahr der Atomtechnik hinzuweisen und erneuerbare Energien voranzutreiben, die, entgegen vieler Aussagen, Arbeitsplätze bringen", sagt Theis. mcs