Eingebildete Allergien sind ebenfalls auf dem Vormarsch

Eingebildete Allergien sind ebenfalls auf dem Vormarsch

Kreis Saarlouis. Immer mehr Menschen sind überzeugt, ein Lebensmittel nicht zu vertragen. "In Umfragen geben 33 Prozent an, eine Unverträglichkeit zu haben, nach der Diagnose bleiben aber nur ein paar übrig", sagt Professor Tilo Biedermann, Allergologe der Uniklinik Tübingen

Kreis Saarlouis. Immer mehr Menschen sind überzeugt, ein Lebensmittel nicht zu vertragen. "In Umfragen geben 33 Prozent an, eine Unverträglichkeit zu haben, nach der Diagnose bleiben aber nur ein paar übrig", sagt Professor Tilo Biedermann, Allergologe der Uniklinik Tübingen. Der Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA) bestätigt diese Tendenz: Demnach leiden nur rund zehn Prozent der Deutschen insgesamt an Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten. "Internetkrankheiten" nennt Biedermann Erkrankungen wie Histaminintoleranz. "Dieser Begriff hat bei Google täglich hunderttausende Klicks. Zurück geht das Ganze auf einen einzigen Autor, der dieses Krankheitsbild beschrieben hat. Trotzdem kommen viele bereits mit einer Selbstdiagnose zu uns."Dass die Zahl der Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten zu steigen scheint, liege an der hohen Präsenz des Themas. "In fast allen Supermärkten gibt es heute laktosefreie Produkte. Das ist zwar gut für die Betroffenen", sagt Biedermann. "Allerdings wird dieses Thema erheblich überstrapaziert. So entsteht der allgemeine Eindruck, Laktose sei schlecht für die Gesundheit. Manche ernähren sich sogar vorsichtshalber laktosefrei. Das ist natürlich völlig absurd." Tatsächlich gab es laktosefreie Milch noch vor ein paar Jahren außerhalb von Reformhäusern kaum zu kaufen. Mittlerweile steht sie sogar in den Kühlregalen der Discounter. Biedermann verzeichnet jedoch kaum mehr Patienten, die den Milchzucker nicht vertragen.

"Häufig schieben Menschen die Schuld für jede Befindlichkeitsstörung der Nahrung zu", sagt Professor Thomas Fuchs vom ÄDA. "Wer Kopfschmerzen hat, hat vorher ja auch gegessen. Die Ursache muss aber nicht in der Nahrung liegen. Es ist nur einfacher, es aufs Essen zu schieben als auf Eheprobleme oder Stress."

Oft ist es gar kein Lebensmittel, das Menschen nicht vertragen, sondern ihre einseitige Ernährung. "Alles ist Gift, die Menge macht's", sagt Monika Gerhardus vom Verband Deutscher Heilpraktiker. "Manche haben eine ganze Kanne Kaffee im Bauch und klagen über Herzklopfen." kj

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