Theater: Ein Leben zwischen Schaufenster und Bühne

Theater : Ein Leben zwischen Schaufenster und Bühne

Willi Fries spielte schon oft Theater und stand mit Jochen Senf vor der Kamera. Seinen Brotberuf gab der Dekorateur nie auf.

Den letzten Schritt ins Profilager hat er nie gemacht. Erst hinderte ihn eine Knieverletzung an der Schauspielschule, später scheute er als Familienvater das Risiko, sich freischaffend durchzuschlagen. Und rückblickend ist Willi Fries, 62, ganz froh darüber, seinem Broterwerb als Dekorateur eines Saarbrücker Kaufhauses treu geblieben zu sein: „Das verschaffte mir die Freiheit, ausschließlich Projekte zu realisieren, die mir wirklich Spaß machten.“

Weil er aber stets einen ehrgeizigen Anspruch verfolgte, ist Willi Fries – trotz eher geringer Körperlänge – ein Großer der saarländischen Kleinkunst-Szene. Unvergessen ist er als Elferratspräsident Karl Wilhelm Hühnerfeld – der Nachname ist eine Huldigung an Fries’ Geburtsort – aus der alternativen „Fubbes“-Sitzung. Deren Vorsitz hatte Fries 16 Jahre lang, stemmte außerdem Regie und Ausstattung, „obwohl ich im Grunde meines Herzens gar kein Karnevalist bin“.

Den Fubbes gibt’s nicht mehr, aber Hühnerfeld lebt weiter: als „Escort-Mann“ der ebenfalls im Fasching bekannt gewordenen Kunst-Figur Jolanda Jochnachel. Auch im Fernsehen brachte Fries es zu Renommee. Man kennt ihn etwa aus Saar-Tatorten, unter anderem (vor Stefan Weber) als Assistent von Kommissar Max Palü, verkörpert vom unlängst verstorbenen Jochen Senf. Oder aus der Serie „Familie Heinz Becker“ von und mit Gerd Dudenhöffer.

Daneben ist Fries ein gefragter Hörspielsprecher, vor allem für Mundart, und wird gern als markanter Typ für Werbefilme und Musikvideos gebucht. Weniger bekannt ist sein Faible für die Malerei. Sein zeichnerisches Geschick schulte Fries unter anderem in der Plakatmacherei seines Arbeitgebers – bis diese Abteilung dem Computerzeitalter zum Opfer fiel. Ehrensache, dass Fries die Plakate für viele Theaterproduktionen selbst gestaltete.

Doch wie kam er zur Bühne? „Ich war immer schon sehr extrovertiert.“ Bereits in der Schule lief der kleine Willi beim Deklamieren von Gedichten zu großer Form auf. Schuld an seiner Theaterkarriere ist jedoch ein Musiker-Kumpel: Schlagzeuger Jürgen „Sandy“ Sandmeyer, der mit Fries die Lehre zum Schauwerbegestalter absolvierte, schleppte ihn 1973 mit zur Sulzbacher „Gruppe 63“.

Fries wurde engagiert und erlebte sein Bühnendebüt als versoffener russischer Sargmacher. Im „Tapferen Schneiderlein“ ergatterte er dann die Hauptrolle; mit Freude denkt er auch an seine Rolle als Bettler in Calderon de la Barcas „Großem Welttheater“ zurück.

Zwölf Jahre blieb Fries der Gruppe 63 treu, dann wollte er „weg vom Regietheater“ und gründete mit Reinhold Schütz das Ensemble „Eulenspiegel“. Dessen erstes und einziges Stück heißt „Aus Nichts etwas machen“. Anfang der 90er bildete er mit Schütz und Andreas F. Cornelius das Drei-Mann-Theater „Al Dente“, bei dem Fries der einzige Schauspieler war – bis Mark Waschke, heute Berliner Tatort-Kommissar, für das Stück „Cut kommt“ hinzustieß.

Legendär war Al Dentes Monodrama „Hitzelberger“, das sogar nach Sibirien und Monaco eingeladen wurde. „Da spielte ich allein vor 1000 Leuten im Princesse Grace Theatre“, erinnert sich Fries. Lampenfieber? „Nö. Ich kann mich hinter den Kulissen so entspannen, dass ich einschlafe.“ Nicht ganz so lässig nahm er seinen Amateur-Status. Als „Meilenstein“ bezeichnet Fries, der an zig Produktionen mitwirkte, einen Gastauftritt bei der Grenzlandbühne Reinheim: In Hans-Heinz Beckers viel beachteter Inszenierung von Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ spielte er Mitte der 80er den Kriegsheimkehrer Beckmann und erntete eine anerkennende Rezension. Doch zwischen den Zeilen konnte er herauslesen, dass man ihn anders beurteilte als einen Profi. Und das nagte an ihm.

Er nahm Unterricht bei Größen des Staatstheaters, etwa Brigitte Dryander, und ließ sich von Joachim Kreutzer alias Jomi in Pantomime ausbilden. Bob Ziegenbalg und Charlie Bick schürten seine Begeisterung fürs Straßen- und Improvisationstheater, vor allem für Kinder. Entsprechende Soli als lustige Mitmach-Stücke mit hohem pantomimischem Anteil entwickelt der dreifache Vater Fries seit 20 Jahren: „Nicht aus missionarischem Eifer, sondern einfach, weil ich immer sofort einen Draht zu Kindern hatte.“

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