| 22:07 Uhr

Podiumsdiskussion
Wo Öffentlichkeit ist, ist auch Spannung

Über die Frage „Wem gehört der öffentliche Raum?“ diskutierten auf dem Kleinen Markt in Saarlouis (von links in der Sitzgruppe): Hans-Jürgen Woll, Werner Gloss, Moderator Mathias Winters, Thomas Braun, Katharina Pohl und Theo Koch.
Über die Frage „Wem gehört der öffentliche Raum?“ diskutierten auf dem Kleinen Markt in Saarlouis (von links in der Sitzgruppe): Hans-Jürgen Woll, Werner Gloss, Moderator Mathias Winters, Thomas Braun, Katharina Pohl und Theo Koch. FOTO: Johannes A. Bodwing
Saarlouis. Streetworker und Sicherheitsdienst, Polizei, Sozialarbeit – alles im öffentlichen Raum, und dann sind da auch noch die Menschen. Von Johannes Bodwing

„Der öffentliche Raum kann auch ein Spannungsraum sein“, sagte am Mittwochnachmittag Michael Mansion, Sprecher des Aktionskreises gegen Gewalt und Ausgrenzung im Landkreis Saarlouis. Jeder meine, seine Art der Nutzung sei die angemessene. Aber „gelegentlich müssen wir auch mal ein Auge zudrücken können“. Um dieses Spannungsfeld ging auf dem Kleinen Markt von Saarlouis mit der Fragestellung: „Wem gehört der öffentliche Raum?“


Veranstalter waren der Arbeitskreis sowie die Landesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit Saarland in Kooperation mit Stadt und Landkreis Saarlouis. „Es geht Jugendlichen darum, Menschen des anderen Geschlechts zu treffen und herauszufinden, wer bin ich“, machte der Polizeihauptkommissar Werner Gloss aus Fürth deutlich. Gloss ist unter anderen Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Polizei in der Deutschen Vereinigung für Jugendrichter und Jugendgerichtshilfe. Er betonte: „Jugendliche gehören zum öffentlichen Raum. Sie haben ein Anrecht auf Aufenthalt und Gestaltung.“ Dass sie nicht immer angepasst seien, gehöre dazu, denn „man stößt sich die Hörner ab“. Deshalb brauche es „speziell ausgebildete Polizeibeamte, die auf die Situationen eingehen können“. Denn „die Probleme Jugendlicher sind heute komplizierter als früher“. Als eine Folge davon seien „sämtliche Jugendpsychiatrien in Deutschland randvoll“.

Welche Unterschiede es zwischen Stadt und Land gebe, wollte Moderator Mathias Winters (SZ) wissen. „Jugend im Dorf ist anders, als Jugend in der Stadt“, sagte Gloss. Deshalb dürfe „man sich nicht bloß auf die Städte konzentrieren“. „Das Zukunftspotenzial für den ländlichen Raum sind die Jugendlichen“, machte der Sozialpädagoge Theo Koch klar, Geschäftsführer beim Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung. Die Jugend müsse ganz früh in die Strukturen eingebunden werden, beispielsweise über Jugendzentren.



„Man sollte nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen“, forderte Katharina Pohl, Sozialarbeiterin beim Landkreis Saarlouis. „Man kann mit den Jugendlichen sprechen, aber meist wird gleich die Polizei gerufen.“ Das führe zu einem Vertreibungs-Karussell, ohne die Probleme zu lösen. „Echte Probleme sind’s ja nicht“, sagte Hans-Jürgen Woll aus seiner Erfahrung als Leiter des Fachgebietes Sicherheit und Ordnung der Gemeinde Schwalbach. Es gehe meist um Dinge, die sich im Gespräch klären ließen.

Mit einem Blick über den Kleinen Markt meinte Thomas Braun, Streetworker in Saarbrücken: „Ich sehe im Moment nichts hier, wo sich Gruppen aufhalten könnten.“ Die Stadt könne vielleicht mal über entsprechende Möblierung nachdenken. „Saarlouis ist mir zu sauber“, hakte Pohl ein. Viel zu aufgeräumt mit wenig Möglichkeiten für Entfaltung.

Welche weiteren Partner sie sich wünschten, fragte Winters. „Die Einbindung von Schulen wäre ganz wichtig“, sagte Gloss. Zumal der konstruktive Umgang mit Meinungen verloren gehe. Nicht nur Raum schaffen für Jugendliche, erinnerte Pohl an Erwachsene, die nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. „Es gibt ganz viele Jugendliche mit tollen Fähigkeiten“, erklärte die 16-jährige Sonnie Kanno aus dem rund drei Dutzend Personen zählenden Publikum. Aber auch solche, die „haben ein Schicksal, die kriegen es nicht anders hin“. Sie wünschte sich mehr Zusammenarbeit von den Erwachsenen, um Lösungen zu finden. Dann „können wir das hier zu einem viel besseren Platz machen“.

Was sich die Diskussionsteilnehmer so wünschten, wollte Winters abschließend wissen – „Visionen und Idealvorstellungen ausdrücklich erlaubt“. Gloss appellierte an „ein bisschen mehr Vernunft, vorher den Kopf einschalten“. Denn „zurzeit sind wir gesellschaftlich durch den Wind“. Pohl ermunterte dazu, dass man „einfach mal einen anderen Blickwinkel einnimmt, um auch andere zu verstehen“.

Braun wünschte sich, „dass sich Sozialarbeit irgendwann selbst überflüssig macht“, weil sie so gut arbeitet. Woll forderte von der Politik, die personellen Voraussetzungen zu erhalten und zu verbessern. Koch appellierte an „eine Gesellschaft, die weiß, dass gemeinschaftliches Leben auch Geduld erfordert, gute Infrastruktur und Gemeinschaftlichkeit“.