Die Kirche St. Ludwig in Saarlouis mischt unterschiedliche Baustile

Kostenpflichtiger Inhalt: Serie Nachkriegsmoderne – Teil 4 : Neugotik und Brutalismus in Saarlouis

Am Großen Markt in Saarlouis paart sich Neugotik mit Brutalismus. Die Kirche St. Ludwig ist eine Schatztruhe historischer Geschichten. Hansjörg Schu kann sie erzählen.

Außen hui, innen pfui? Oder umgekehrt, je nach Haltung gegenüber der Neugotik oder der „rohen“ Sichtbeton-Bauweise des sogenannten Brutalismus. Oder steckt nicht vielmehr in der  Verbindung der vermeintlich unvereinbaren Architektur-Epochenstile die wahre Qualität der Saarlouiser Stadtkirche St. Ludwig? So jedenfalls sieht es Hansjörg Schu (geb.1941), Stadtgeschichts-Experte und seit den 60er Jahren in seiner katholischen Gemeinde aktiv, unter anderem im Verwaltungsrat. Schu erinnert sich noch sehr genau an den Riss, der die Gemeinde spaltete, nachdem der damals in der Architekturszene aufstrebende Gottfried Böhm im Ideenwettbewerb den Zuschlag bekommen hatte: Er sollte einen Anbau hinter die historische Turmfassade (1884) von St. Ludwig setzen.

Und dort duckt sich das Böhmsche Bauwerk nun, quetscht sich wie ein im Bersten begriffenes Kraftpaket in die Bebauung. Innen wiederum türmen sich schwere, dunkle  Kuben wie Wolken über den Köpfen, verkanten sich, streben nach oben. Schu erinnert sich: „Böhms Idee einer neuen Dynamik, die an den Geist der Neugotik anknüpft, hat mir damals schon gefallen und sein strenger Gedanke.“ Trotzdem ist Schu nicht zu einem Böhm-Pilger geworden, hat sich nie auf die Reise begeben zu dessen berühmten Kirchenbauten, nicht einmal St. Albert auf dem Saarbrücker Rodenhof hat er erkundet. Doch ohne Zweifel existiert eine hohe Affinität zum Böhmschen Stil. Schu erklärt sich das damit,  dass überladene Barock-Kirchen so gar nicht sein Fall sind.  Gleichwohl weiß er viel über diese erste Phase  der Kirche. Der Gründungsgouverneur der Saarlouiser Festung, Thomas de Choisy, legte 1685 den Grundstein. Und immer noch ist Choisys Herz in St. Ludwig zu Hause, ganz konkret, und das hat mit einer Skandalgeschichte zu tun, die Schu hautnah miterlebte.  Während der Abrissarbeiten des historischen Kirchenschiffs für den Böhm-Anbau war er im benachbarten Rathaus der Hüter von Choisys Herz, es lag in seinem Büro, im Panzerschrank.

Und das kam so: Bei Baggerfahrten war die Bleikapsel für Choisys Herz beschädigt worden, Konservierungsflüssigkeit trat aus, und das Malheur musste mit  ärztlicher Hilfe im Krankenhaus wieder ausgebügelt werden.  Eine Posse, die Zartbesaitete umhaut. „Ich habe viele Schulführungen gemacht. Einmal fiel ein Junge in Ohnmacht“, so Schu. Der weiß auch, dass die figurenreichen, bunten Fenster des Saarbrücker Künstlers Ernst Alt (1935-2013) zum Symbol der Dornenkrone dem Architekten Böhm so gar nicht passten, der Abstraktes bevorzugte. Schu wiederum freut sich über Alts sprechende Kunst, besonders nah geht ihm das Motiv  „Abrahams Samen“. Alt zeigt, was sich die drei Weltreligionen gegenseitig antun. Der Judenstern verkeilt sich in die Sichel des Islam, das christliche Kreuz liegt, von KZ-Stacheldraht umwickelt, am Boden. Darüber glüht es höllenrot, der Weltenbrand.  „Man kann das auch als Morgenröte, als Hoffnung, interpretieren, wie meine Frau“, so Schu.

 Womöglich wird sich der 99-jährige Böhm bald noch einmal an St. Ludwig reiben. Denn die von ihm vorgesehene Beleuchtung – er hatte schlichte Straßenlaternen vorgesehen – soll durch einen Sternenhimmel ersetzt werden. Obwohl doch die Böhmsche Ausstattung eine überzeugende Grundidee spiegelt:  Die Kirche sollte als klerikaler Marktplatz ein Pendant zum Versammlungsort der Bürger direkt vor der Kirchentür sein, sich also in die Stadt hinein öffnen. Was heutzutage  problematisch ist. Bei Stadtfesten bleibt die Tür zu, weil sonst Betrunkene den Vorraum als Toilette nutzen. Kein ganz neues Phänomen, wie man von Schu erfährt. Soldaten hätten sich früher an die Kirchenfassade gestellt. das hörte erst auf, als die in Finanznöte geratene Gemeinde die angrenzenden Freiflächen verkaufte und Geschäftsleute links und rechts anbauten. Dadurch hatten die durch Notdurft gedrängten Soldaten  Alternativen. So hat man endlich eine Erklärung für die kuriose und seltene Ansicht, wie sich ein pompöses Saarlouiser  Kirchenportal zwischen Kommerzbauten quetscht. 

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Alle Teile der Serie:
Teil 1: St. Albert, Saarbrücken
Teil 2: St. Hildegard, Sulzbach-Neuweiler
Teil 3: Mügelsbergschule, Saarbrücken