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„Das Publikum ist unglaublich begeisterungsfähig“

„Das Publikum ist unglaublich begeisterungsfähig“

Höchste Finesse im Orgelspiel gibt der renommierte Wiener Musikprofessor Michael Radulescu in dieser Woche Organisten ganz Europa in Lisdorf weiter. Im Gespräch mit SZ-Redakteur Johannes Werres erläutert er seine anspruchsvolle Arbeit. Radulescu eröffnet die 10. Europäische Orgelakademie heute mit einem Konzert.

Herr Professor Radulescu, Sie sind sind schon wieder da! Die Europäische Orgelakademie in Lisdorf ist Ihnen lieb geworden, haben Sie kürzlich geschrieben. Warum?

Radulescu: Weil ich die Freude hatte, hier sehr liebe Leute kennenzulernen. 2004 wurde in Passau des 300. Todestages des Komponisten und Organisten Georg Muffat gedacht. Da habe ich Armin Lamar aus Saarlouis kennengelernt. So kam ich hierher zur Orgelakademie. Ich war von der ganzen Atmosphäre dieses Kreises derart beglückt, von dieser Liebenswürdigkeit. Es ist immer wunderschön gewesen. Die Kirche ist sehr schön, die Orgel ist gut - sicher gibt es noch bessere, aber sie ist gut. Der ganze Raum und das Instrument sind wirklich inspirierend. In den Pausen bereiten die Damen Kaffee vor - es ist einfach eine Gemeinschaft, die ich liebe. Und das Publikum hier ist unglaublich begeisterungsfähig. Ich fühle mich einfach wohl hier.

16 Organisten aus ganz Europat lernen in dieser Woche von Ihnen. Was für Musiker sind das?

Radulescu: Es kommen natürlich nur ausgebildete Organisten . Manche im Laufe der Zeit waren etwas schwächer, manche recht gut und manche waren wirklich hervorragend. Viele unterrichten auch selbst.

Bach ist Thema dieser Akademie. Was genau lernen die Teilnehmer bei Ihnen?

Radulescu: Man darf nicht nur auf die richtigen Fingersätze achten, die Aufführungspraxis . Man muss gerade bei Bach versuchen, sich den geistigen Hintergrund klarzumachen. Das gelingt zum Beispiel dank einer Tradition, die es schon vom Frühbarock an gibt. Manche Figuren, also Tonfolgen oder Rhythmen, haben eine ganz bestimmte Bedeutung. Zum Beispiel der so genannte Chiasmus. Da wird der erste Ton mit dem vierten verbunden und der zweite mit dem dritten. Es entsteht ein X, das ist ein Symbol für das Kreuz.

Sie spielen heute das Eröffnungskonzert; Bach, eigene Stücke und Nicolaus Bruhns. Was zeichnet ihn aus?

Radulescu: Er wurde 1665 geboren und starb leider schon 1694, Schüler von Buxtehude, ein unglaubliches Talent, norddeutsche Orgelschule - und sehr verehrt von Bach. Der spielt auch mit der Stille. Pause. Nicht präzise mit dem Metronom. Es ist wie in der Rhetorik , beim vortragenden Sprechen. Wir können nicht reden mit dem Metronom vor der Nase. Ich selbst habe in meinem Leben drei Minuten lang mit Metronom geübt. Dann nicht mehr, weil ich festgestellt habe, dass die Rhythmen nicht mehr stimmen. Gerade in der norddeutschen Musik wie zur Zeit Bruhns und Bachs haben wir die Rhetorik in der Musik. Und es kann nicht sein, dass ein rhetorisch vortragender Mensch metronomisch spricht, in präzisen, immer gleichen Takten und Pausen. Man spricht mit Gestik und Mimik, auch musikalisch. das ist der ausdrucksstarke, lebendige so genannte Stilus Phantasticus besonders der norddeutschen Orgelschule.

Hört das der musikalische Laie?

Radulescu: Ja, sicher. Und es klingt jedes Mal anders.

Konzert am heutigen Mittwoch, 19.30 Uhr, in der Pfarrkirche in Lisdorf. Dort auch das Abschlusskonzert am Samstag, 1. Oktober, 19.30 Uhr. Eintritt frei, eine Spende am Ausgang willkommen.